Mit den Millionären kann man es ja machen

Schwer hat man es Matthias Brügelmann nicht gerade gemacht, das agenda setting. Der Chefredakteur der Sport Bild war letzten Samstag Gast bei Sky90, am Sonntag darauf noch im Doppelpass.

Und wie es der Zufall so will, eröffnete sich am letzten Spieltag ein Thema abseits des Rasens, welches dem Boulevard wunderbar in den Kram passte. Pures Gold. So eine Vorlage, die hätte auch nicht der Theofanis Gekas unter den Sportjournalisten nicht versemmeln können.

Wolfsburgs Brasilianer Diego erdreistete sich, nachdem er in der Teamsitzung vom seinem Platz auf der Ersatzbank erfuhr, selbige, das Teamhotel, Sinsheim, die ganze Rhein-Neckar-Region fluchtartig zu verlassen.

Für Herrn Brügelmann war die Angelegenheit, Täter- und Opferrolle sofort klar abgesteckt. Diego: Undankbare, verzogene Diva. Felix Magath: Magier, mindestens.

In seinem heutigen Editorial wiederholte er nochmals seine Thesen, mit denen er bereits Samstag und Sonntag zur Stelle war:

Verlässt der Brasilianer vor dem wichtigsten Spiel der Saison doch einfach beleidigt die Mannschaftssitzung! Wie soll der VfL Wolfsburg ihn bestrafen? Da beginnt das Dilemma. Fristlos entlassen – dann könnte er ablösefrei zum nächsten Verein ziehen. Auf die Tribüne setzen – dann muss der VfL ihm weiter sechs Millionen Gehalt zahlen.

Da muss eine Lösung gefunden werden! Spieler wie Diego, die so drastisch gegen ihren Arbeitsvertrag verstoßen, müssen für Vereine in der ganzen Welt gesperrt werden können bei gleichzeitigem Gehaltsstopp. Das wäre die einzig wirksame Abschreckung für solche Typen.

Aus: Sport Bild Nr. 20 vom 18. Mai 2011, Seite 3.

Solche Typen. Es ist nicht ganz die drastische Formulierung, die Herr Brügelmann hier wählt. Da hat das Schwesterblatt heftigere Geschütze aufgefahren. Dennoch, die Aussage ist klar. Die Söldner, die scheiß Millionäre – wenn es nach Herrn Brügelmann geht, solltet Ihr dankbar sein, dass Ihr in unserer schönen Bundesliga spielen dürft, dreimal täglich – mindestens – einen Rosenkranz zum Danke beten und vor allem dem Trainer unbedingten Gehorsam geloben. Auch wenn der Trainer Magath heißt.

Denn in dieser Geschichte werden zwei Punkte fleißig unter den Tisch gekehrt.

Zum einen darf man nicht vergessen, dass Diego vor allem eines ist: Ein Mensch, ein Arbeitnehmer. Natürlich, wenn der Durchschnittsbürger aus Frust während der Arbeitszeit unentschuldigt seinen Arbeitsplatz verlässt, hat das auch Konsequenzen. Aber Berufsverbot? Ernsthaft? Weiß Herr Brügelmann, was er da fordert?

Die Konsequenz wäre nämlich, wenn es nach dem Willen von Herrn Brügelmann ginge, dass Diego, weil er in einer Kurzschlussreaktion falsch entschieden hat, seinen gelernten Beruf nicht mehr ausüben dürfte. Für wie lange? Ein Jahr? Zwei Jahre? Egal. Diego ist 26 Jahre alt, im besten Fußballer-Alter. Ein Jahr ohne Spielpraxis hat für einen Profifußballer, der im besten Fall zwanzig Jahre aktiv sein kann, karrierebedrohende Auswirkungen.

Man kann ja mal bei Adrian Mutu nachfragen. Da die meisten – besonders brasilianischen – Profifußballer keinen anderen Beruf gelernt haben, könnten sie im Bestfall bei McDonalds Tablette einsammeln.

Übersetzt auf einen normalen Arbeitnehmer bedeutet Brügelmanns Forderung:

Einmal krankfeiern, fünf Jahre keine Arbeit, kein Gehalt.

Übertreibt Herr Brügelmann hier nicht ein wenig? Stimmt hier vielleicht Verfehlung und Strafmaß nicht mal im Geringsten?

Aber mit den scheiß Millionären kann man es ja machen. Da kann sich der Boulevard in seiner Rolle der vermeintlichen Stimme des Volkes wieder mit denen da oben anlegen.

Ganz unter in der Erregung über die Frechheit, die Diego besaß, geht natürlich, dass zu einer solchen Reaktion auch eine Aktion gehört. In Form, in Person von Felix Magath.

Ein Trainer, der das Image des Quälix voller Wonne hegt und pflegt, der auch und gerade deshalb, weil er den Millionären mit Medizinbällen Beine macht, beim Boulevard einen Stein im Brett hat.

Ein Trainer, zu dessen plötzlichem Wechsel zu Wolfsburg der Schalker Alexander Baumjohann seinen Kollegen via Twitter ironisch nur “Viel Spaß” wünscht?

Felix Magath ist Diegos Vorgesetzter, absolut richtig. Und bei jedem anderen Trainer hätte ich für Diegos Verhalten nur begrenzt Verständnis. Nicht so bei Wolfgang Felix Magath, dem Trainer, über den Ex-Spieler sagen, er unterhalte ein Klima der Angst. Der Trainer, der es angeblich nicht nötig hat, seine Entscheidungen den Spielern zu erklären.

Viele Medien und so mancher Verein fallen auf Magier Magath (Magier im Sinne von Illusionist) herein. Wenn man dann dabei auch noch auf die undankbaren Söldner einschlagen kann, umso besser.

Herr Brügelmann beginnt sein Editorial mit einer bemerkenswerten These:

[D]ie schlimmste Unart im Profifußball […]: das Söldnertum, das die Glaubwürdigkeit akut und ernsthaft bedroht.

Schreibt der Chefredakteur eines Sportmagazins, dessen Titelbild zu einem Großteil von Wechselgerüchten dominiert wird.

Das Söldnertum, das dafür sorgt, dass die Sport Bild Woche für Woche ihr Blatt füllen kann, ist also die schlimmste Unart im Profifußball.

Vielleicht sind das auch vielmehr Heuchler.

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