Wasser in der Sahara – oder: Weltklasse á la Kicker

Jede Sommer- und Winterpause ist es ein Ritual in Nürnberg. In den Räumen des Olympia Verlags setzt sich eine Gruppe honoriger Sportjournalisten zusammen und konzipiert die halbjährliche Leistungsschau des deutschen Fußballs. Die Kicker Ranglisten.

Ob Weltklasse, Internationale Klasse, im weiteren Kreis oder Blickfeld – bei Fans wie Profis sorgen die regelmäßigen Einstufungen jedes mal für intensive Diskussionen.

Doch die Einstufung krankt sowohl an einem kapitalen Konstruktionsfehler wie auch an übermäßig kritischen Ansprüchen des Kickers.

Angefangen mit der Bezeichung und Aufteilung der einzelnen Kategorien, hier tut man sich mit den Begriffen “Weltklasse” und “Internationale Klasse” überhaupt keinen Gefallen.

Was wollen diese Begriffe eigentlich aussagen? Was bedeutet Weltklasse? Was ist “Internationale Klasse”? Überhaupt, was ist “im weiteren Kreis”? Welcher Kreis? Der Kreidekreis? Und das “Blickfeld”? Sollte bei einer professionellen, ernsthaften Beobachtung des deutschen Fußballs nicht jeder Spieler irgendwie “im Blickfeld” sein? Nur mal rein von der Bedeutung des Wortes her gesehen.

Der Kicker trägt zur Aufklärung auch nicht bei. Eine Bestimmung der Anforderungen hat man selten bis nie gelesen, wird man auch wohl nicht. Ist es eine absolute Einstufung? Eine relative? Man weiß es nicht.

Der Begriff “Weltklasse”, das vierblättrige Kleeblatt des Fußballs, drückt eine Art höchste Ehre aus. Aber der Kicker setzt dies natürlich nicht relativ an. Das heißt, der beste deutsche Torhüter ist nicht zwangsläufig Weltklasse. Dafür bedarf es offenbar mehr. Wieviel mehr? Man könnte versuchen, den Begriff Weltklasse folgendermaßen zu umschreiben:

Weltklasse ist, wer aufgrund seiner Leistungen in jeder Mannschaft dieser Welt einen Stammplatz hätte.

Aber wäre diese Voraussetzung nicht zu eng? Muss es wirklich Barca-Qualität sein, damit ein Spieler “Weltklasse” ist? Und im Gegenzug, ist wirklich jeder Spieler von Barca, Madrid oder Man Utd Weltklasse? Genügt es nicht auch, wenn man in seiner Mannschaft unumstrittener, herausragender Leistungsträger ist? Muss es Leistung in der Champions League sein? Will man einen Spieler – wie etwa Edin Dzeko – ernsthaft dafür bestrafen, dass er in einer Mannschaft spielt, die nunmal auf allerhöchstem Niveau nicht mithalten kann? Weil er der einzige Diamant ist?

Das kann es doch nicht sein.

Darüber hinaus drückt die Kicker-Rangliste eine gewisse Verachtung für die Bundesliga aus. Für Weltklasse und Internationale Klasse genügt es nicht, konstant gute Leistungen in der Bundesliga abzuliefern. Das reicht dem Kicker nicht. Siehe etwa Jaroslav Drobny, der in einer schwachen Mannschaft in der Rückrunde hervorragende Leistungen gezeigt hat und nicht ohne Grund nun beim HSV mit seinen internationalen Ansprüchen spielt. Trotzdem landet er – genauso wie Jörg Butt – nur “im weiteren Kreis”.

Allein diese Aussage, diese beiden Spieler seien nicht “Internationale Klasse” – unabhängig von den Maßstäben, die der Kicker vielleicht ansetzt – allein der Klang dieses Begriffs; nach dem Motto, diese beiden Spieler mögen Propheten im eigenen Lande sein, woanders sind sie nicht zu gebrauchen, zeigt, wie schlecht doch schon die Ranglisten-Kategorien gewählt sind.

Mit dieser Liste kann der Kicker nur eines tun: Fans und Spieler vor den Kopf stoßen.

Einerseits werden so abstrus hohe Maßstäbe angesetzt, das nicht mal der Torwart des Fast-Triplesiegers in der internationalen Klasse landet; anderseits bezeichnet man die Kategorien so, dass sich jeder nicht aufgeführte Spieler wie ein Einbeiniger fühlen muss:

Nicht mal im Blickfeld?

Diesen Schock mussten bis auf neun sämtliche Torhüter der deutschen Eliteklasse verkraften. Darunter illustre Namen wie Logan Bailly oder Faryd Mondragon, die in der vergangenen Rückrunde zweifellos zu den Leistungsträgern ihres Vereins gehörten.

Der Kicker veröffentlichte zu Beginn der Ranglisten eine Statistik. Viermal Weltklasse, zehnmal internationale Klasse verteilte man für diese Rückrunde. Was das aussagt? Von über 400 Spielern der Bundesliga waren nur vierzehn gut oder sehr gut. Der Rest? Dienst nach Vorschrift. Oder Füllstoff. Mitläufer. Wasserträger.

Nein, lieber Kicker. Diese Kategorien sind nicht mehr und nicht weniger als totaler Humbug, der den deutschen Fußball kleiner macht, als er ist. Die Bundesliga ist knapp davor, wieder die Nummer 3 in Europa zu werden. Die deutsche Nationalmannschaft ist als Vize-Europameister aktuell Dritter in Südafrika geworden. Und trotzdem: Nur vierzehn Spieler sind im oberen Drittel anzusiedeln?

Der Kicker verfolgt mit dieser Politik offenbar eine Strategie der Verknappung. Wenn der Kicker mal Weltklasse oder Internationale Klasse vergibt, soll dies etwas besonderes sein. Dafür verwendet man aber so allgemeine Begriffe, die der Durchschnittsfan, der sich nicht mit den Kicker-Regularien der Ranglisten beschäftigt, vollkommen anders versteht. Rein vom Begriff her, nochmals, müsste jeder Spieler, der im oberen Viertel der Liga beschäftigt ist, über internationale Klasse verfügen, da er ja international spielt. Jeder Nationalspieler müsste, rein vom Begriff, über internationale Klasse verfügen. An diesem Begriff hakt es am meisten, gar nicht so sehr an dem der Weltklasse – so diffus auch dieser gewählt ist.

Die Kategorien, die sowohl falsch benannt wie auch falsch abgegrenzt sind, sind aber nicht der einzige Makel der Ranglisten.

Der Kicker setzt Maßstäbe an, die kaum ein Bundesliga-Spieler erfüllen kann. Philipp Lahm kommt von einer seiner stärksten Halbserie zurück, spielte für Bayern hinter Robben eine überragende Saison, sowohl nach vorne wie hinten. Und lieferte genau dasselbe noch mal für Deutschland bei der WM ab.

Und der Kicker?

Internationale Klasse.

Was bitte soll Lahm noch tun, um in die Weltklasse á la Kicker vorzurücken? Lahm stellt derzeit zusammen mit Sergio Ramos den besten Rechtsverteidiger der Welt dar. Was fehlt da noch zur Weltklasse? Es fällt einem nach größtem Bemühen nichts ein.
Neben Lahm werden nur noch zwei weitere Außenverteidiger überhaupt “im weiteren Kreis” aufgeführt – Stuttgarts Molinaro und Wolfsburgs Riether.
Der Rest? Wie gesagt, die müssen sich wie Einbeinige fühlen. Unter anderem Jerome Boateng, der Man City immerhin 12 Mio Euro wert war. Und nun von den strengen Kicker-Auguren im “Blickfeld” verortet wird.

Manuel Neuer war bei der WM einer der drei besten Torhüter. Aber auch hier genügt es nicht zur Weltklasse. Diego Benaglio, top für Wolfsburg, top für die Schweiz. Blickfeld. Bitte? Muss man nicht verstehen.

Dafür verordnet man hinter Arjen Robben in der Weltklasse gleich acht Spieler auf der offensiven Außenbahn. Aber nicht in der internationalen Klasse. Au contraire. Da ist natürlich keiner. Sondern “im weiteren Kreis”. Nein, auch das muss man nicht nachvollziehen können. Immerhin tauchen 14 Spieler der Bundesliga auf dieser Position auf, somit fast die Hälfte der auf diesem Posten Aktiven, die die Kriterien des Kickers zur Bewertung erfüllten.

Schlussendlich erreicht der Kicker aber, was er will. Man sorgt in der Fußballlosen Zeit für Diskussionen. Aber eine ernsthafte Bewertung ist mit diesen Kategorien schlicht nicht möglich, schon gar nicht, wenn man solch absurd hohen Ansprüche stellt wie das Nürnberger Traditionsmagazin. Und es wäre nicht ganz so ärgerlich, wenn man die Bundesliga nach der Lektüre der Ranglisten nicht als Hort der Blinden dargestellt sehen würde, die international nichts zu melden hat.

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