The same procedure…

Man fühlt sich zurückversetzt. In den Sommer 2006. In den Sommer 2008. Erneut verweigert die sportliche, wirtschaftliche Führung des FC Bayern dringend notwendige Transfers oder gibt sich mit günstigeren Notlösungen zufrieden. Lässt sich von einer guten, ja vielleicht in Teilen gar herausragenden Saison blenden und unterschätzt die Notwendigkeit von punktuellen Investitionen in die Mannschaft.

2006 war es der Abgang von Michael Ballack und Ze Roberto, der nicht mal ansatzweise kompensiert wurde. Man fabulierte von internen Lösungen Marke Santa Cruz und griff dann noch spät zum Panikkauf Mark van Bommel. 2008 wurde der Kader aus bis heute noch nicht nachvollziehbaren Gründen nach der guten Saison 2007/08 stark ausgedünnt. Neben anderen Problemen, etwa auf der Trainerposition – über Klinsmann ist schon genug geredet worden – sorgte gerade in diesen Jahren nach Europa- und Weltmeisterschaften, die für die deutschen Nationalspieler des FCB emotionale Höhepunkte, aber auch körperliche Ausnahmebelastungen darstellten, das Unterschätzen der Probleme und das Überschätzen des Kaders für einen mieserablen Saisonstart und im Endeffekt für eine Chaossaison, die nach dem Double im Vorjahr mit keinem einzigen Titel abgeschlossen werden konnte. 2006/07 verpasste man sogar die Qualifikation zur Champions League.

Gelernt hat die Bayern-Führung daraus: Nichts.

Die bestehenden Probleme auf der Außenverteidigerposition wurden erkannt, bisher aber, drei Wochen vor dem Saisonauftakt im Supercup gegen Schalke, nicht behoben. Mehr noch, der Kader wurde auch hier mal wieder in der Breite ausgedünnt. Christian Lell zur Hertha, Andreas Görlitz auch weg. Somit steht als erster Lahm-Ersatz nach derzeitigem Stand der gelernte Mittelfeldspieler Hamit Altintop zur Verfügung. Zugegeben, Philipp Lahm fiel letzte Saison so gut wie nicht aus. Ob dies nach über sechzig Pflichtspielen in der letzten Saison ohne richtige Erholungsphase und Vorbereitung in dieser wieder so sein wird, ist zu bezweifeln. Zumal sich Lahm mit seinem Kapitänsanspruch in der Nationalmannschaft eine weitere emotionale Belastung auferlegt hat, die ihn ablenken könnte.

Dass die Linksverteidigerposition die absolute Schwachstelle der Mannschaft darstellt, ist inzwischen auch bei Nerlinger & Co. angekommen. Nicht umsonst fand sich der portugiesische Auswahlspieler Fabio Coentrao spätestens nach einer guten WM im Fokus des deutschen Rekordmeisters. Erst in der vergangenen Saison bei Benfica mehr aus der Not heraus vom linken offensiven Mittelfeld auf die defensive Position umgeschult, war er in Südafrika eine der positiven Überraschungen des Turniers. Erfreulich, dass er auch auf diesem Niveau mithalten kann.

Doch die Ablöseforderung von Benfica schreckt den Vorstand ab. 30 Mio Euro hat der junge Portugiese in seinem Arbeitspapier festgeschrieben. Eine Summe, die der FC Bayern nicht bereit ist zu zahlen. Einerseits verständlich, bei einem Spieler, der wie erwähnt noch kein halbes Jahr auf dieser Position spielt. Risiko wäre daher so oder so bei dieser Personalie dabei. Andererseits muss man aber auch den Markt für linksfüßige Verteidiger betrachten, der sehr dünn und dicht besiedelt ist. Auf dem selbst ein Edson Braafheid, für offensiv zu schlecht für Bayern befunden, wohl in den Top 20 in Europa zu verorten ist. Man muss es so klar sehen: So viele offensivstarke Linksverteidiger gibt es nicht, erst Recht nicht solche mit Potential nach oben.

Da sich der portugiesische Traditionsverein derzeit nur wenig bewegt, erörtert man andere Optionen. Der Holländer Gregory van der Wiel von Ajax Amsterdam könnte es sein. Sein Problem: Ebenso relativ unbeleckt, immerhin auf dieser Position ausgebildet, immerhin Stammspieler in der Elftal. Aber: Rechtsverteidiger.

Louis van Gaal predigte in der letzten Saison ständig sein “ganzheitliches Prinzip”. Dass auch Kleinigkeiten einen Spieler von seiner Topleistung abhalten können. Und dazu gehört auch, dass der Rechtsfuß Lahm sich auf Rechts stärker sieht. Und fühlt. Und entgegen der Meinung mancher Meinungsmacher auf dieser Seite auch statistisch besser ist. Weniger Tore schießt er dort, ja. Aber seine Pässe nach innen kommen genauer, erst recht seine Flanken.

Das größte Problem bei einer Verpflichtung van der Wiels wäre somit, dass man in der Bestrebung, ein Problem zu lösen, ein anderes schafft.

Kann man derzeit noch darauf verweisen, dass man zwar neben der Rückkehr diverse ausgeliehener Spieler keinen Neuzugang integrieren muss und damit auf die Automatismen der letzten Saison zurückgreifen kann, zerreißt man sich mit dieser Umstellung gerade die rechte Sahneseite mit Lahm und Robben, über die zuletzt die meisten gefährlichen Angriffe abliefen. Das muss man also einkalkulieren, wenn man wegen der ein oder anderen Million zur Notlösung van der Wiel greift.

Neben den Problemen auf der Außenverteidigerposition überschätzt man mal wieder die Breite des Kaders. Nach jetzigem Stand gehen die Bayern mit drei gelernten Stürmern in die Saison. Natürlich, im derzeit praktizierten 4-5-1 braucht es nur einen Stürmer. Wenn aber mit Mario Gomez und Miroslav Klose zwei der drei Stürmer eine durchwachsene Bundesliga-Saison hinter sich haben, muss man sich ernsthaft fragen, ob diese Konstellation denn ausreicht für die Belastung in drei Wettbewerben. Von dem immer gern genannten Argument, dass man nach Erfolgen neue Reize schaffen müsse, ganz zu schweigen. Damit soll hier kein Transfer der Größenordnung Edin Dzeko verlangt werden. Vielmehr müsste man sich wahlweise nach einem jungen, hungrigen Stürmer umsehen, oder aber einem am Ende der Karriere. Der sich eben auch mit wenigen Spielen zufrieden gibt. Für den ein Jahr auf der Bank kein verlorenes Jahr ist.

Die Torwartfrage stellt sich da schon fast als geringstes Problem dar. Man hat sich wohl mittelfristig auf Manuel Neuer eingeschossen, weshalb man andere ausländische Lösungen, die sich in diesem Sommer angeboten hatten (wie etwa der Portugiese Eduardo), ignorierte. Leise Zweifel, ob Hans-Jörg Butt trotz guter Leistungen in der Vorsaison für den Sieg in der Champions League genügt, dürfen dennoch erlaubt sein.

Der Kader des FC Bayern stellt sich derzeit nicht so dar, dass man davon ausgehen kann, dass die Bundesliga-Saison ein Selbstläufer wird. Ganz im Gegenteil, die Probleme stapeln sich. Eine praktisch nicht existente Vorbereitung. Ein dünner Kader. Keine 1A-Lösung auf Links in Sicht. Ein schweres Auftaktprogramm. Und nicht zuletzt hungrige Konkurrenz, die – wie etwa Schalke und Wolfsburg – weitaus intensiver investiert.

Man hofft insgeheim, dass in dem Verhalten von Rummenigge und Nerlinger derzeit viel Gepokere dabei ist, um die Ablöseforderung zu drücken. Dennoch hat man leider 2006 und 2008 anderes erlebt, was für das Gegenteil spricht. Und dass die Aussage, man werde zur Not mit Contento als Nr. 1 auf Links – bei allem Talent, das kann nicht der Anspruch des FC Bayern sein; auch die Entdeckungen Thomas Müller und Holger Badstuber mussten sich gegen etablierte Konkurrenz durchsetzen und kamen nicht wie die Jungfrau zum Kind zu ihrem Stammplatz – in die Saison gehen, in drei, vier Wochen bittere Realität sein könnte.

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