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Live by the BILD, die by the BILD

27. August 2011, 12:45 · 6 Kommentare

Es gibt ein oft wiederholtes Zitat von Springer-Vorstand Mathias Döpfner:

“Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.”

Gemeint ist unser aller Liebling, die BILD. Dieser kurze prägnante Satz fasst das Selbstverständnis der größten deutschen Boulevardzeitung in ihrem Umgang mit Stars aus Film, Fernsehen und Sport recht gut zusammen. Egal, was man in guten Zeiten an Indiskretionen den BILD-Spezls zukommen lässt, wenn man nicht eine absolut sakrosankte Stellung erreicht hat, wie etwa der Papst, Guttenberg oder Helmut Kohl, wird man dennoch im richtigen Moment, wenn man auf dem falschen Fuß erwischt wird, gnadenlos in den Abgrund geschubst. Die “Freunde von der BILD” sind dann keine mehr.

Einer, der das nun erfahren darf, ist Nationalmannschafts-Kapitän Philipp Lahm. Seines Zeichens BILD-Testimonial, glattgebügelter Schwiegermutters Liebling, angeblich wahrer Chef in der Schweinsteiger-Chefchen-Affäre.

Lahm hätte die neue, intime Verbindung von den Mannen um Alfred Draxler zur Nationalmannschaft werden sollen, die seit dem Karriereende von Lothar Matthäus arg gebeutelt war. Lahm machte sich durch die offensive, kritiklose Werbung für BILD bei vielen Fußballfans mindestens unbeliebt, zumindest aber angreifbar. Ihm war es egal, wichtig war der gestiegene Einfluss, das geschärfte Profil.

Die Karriereplanung des “ehemals weltbesten Linksverteidigers”, vermutlich ersonnen von seinem Management um Roman Grill, sah vor, ihn nach den Abgängen von Mark van Bommel respektive Michael Ballack endgültig als die primäre Stimme im deutschen Fußball zu positionieren. Philipp Lahm, Führungsspieler.

Nicht ohne Grudn wurde sodann in den letzten Wochen - auch von BILD - eine Führungsspieler-Debatte angestoßen, deren Fazit bereits zu Beginn der Kampagne festgestanden haben dürfte. Die deutsche Sehnsucht nach dem starken Mann findet sich auch im Lieblingssport der Deutschen wieder, und spätestens seit dem (leistungsmäßigem) Abgang von Ballack ist das Vakuum unübersehbar.

Auftritt Lahm und seine Biografie.

Wurde er bereits vom BILD-Schwesterblatt Sport Bild in der berühmt-berüchtigten “Chefchen-Affäre” als Gegenentwurf zum kritisieren Schweinsteiger aufgebaut, hätte diese Biografie nun Lahms Meisterstück werden können.

Lahm, der kantige Charakter, der kein Blatt vor den Mund nimmt, Missstände offen anspricht, den Finger in die Wunde legt. Kurzum, Führungsqualitäten zeigt.

Doch da hat der Münchner die Rechnung ohne seine “Freunde” von der BILD gemacht. Was dürfte er und sein Management sich gefreut haben, über die Plattform BILD, die sein Buch durch Vorabauszüge promotet und seinen Thesen die maximal größte Verbreitung garantiert. Was Lahm aber unterschätzte: BILD ist und bleibt BILD.

Nun, da ihm Gegenwind aus der ganzen Republik entgegenschlägt, ob von Rudi Völler oder gar Oliver Bierhoff, dürfte ihm bewusst werden, dass auch das Springer-Blatt ihn benutzt, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

Seine Aussagen wurden aus dem Zusammenhang gerissen? Verkürzt dargestellt? Ach was! So arbeitet BILD nunmal. Wenn Lahm sich darüber wundert, ist es mit seinem Image als “the thinking man’s footballer” offenbar doch nicht so weit her.

Oder viel schlimmer: Vielleicht hat er sich gedacht, seine “Freunde” von der BILD würden sowas mit ihm ja nicht machen. Au contraire. Vielleicht wird Philipp Lahm so langsam bewusst, mit wem er sich da eingelassen hat.

Tags: Bundesliga · Fußball · Medien · Sport

Bisher 6 Kommentare ↓

  • 1 boRp // 28. Aug 2011 um 8:52

    Nur halb bestätigte Gerüchte besagen, dass sich Herr Lahm nicht ganz freiwillig auf die BILD eingelassen hat… Armer Kerl!

  • 2 tafelrunde // 28. Aug 2011 um 23:00

    Also, was ist denn nun eigentlich gelaufen? Lahm hat ein Buch schreiben und von der Bild promoten lassen. Soweit, so ungut.

    Was aber manche der durch die handelsüblichen Bild-Zitate und Headlines angesprochenen, das sind hier Völler und Magath, über „die Medien“ abgesondert haben, spottet jeder Beschreibung. Noch schlimmer sind Aussagen von Leuten aus der Branche (v.a. Trainer und Ex-Spieler, v.a. sei hier ein Effenberg genannt, der den humorlosen, Ironie freien und besserwisserischen Bundesbürger aufs Beste gibt – entgegen seiner eigenen Selbstdarstellung als „Outlow“), die weder das Buch gelesen haben, noch irgendwie auf die besagten Zitate eingehen, sondern nur dumpf wie nur irgendwas auf stereotypen Allgemeinplätzen rumreiten, die weder in den Zitaten und offensichtlich auch nicht im Buch vorkommen.

    Nämlich dass Lahm einen Ehrenkodex verletzt hätte, dass keine Interna aus der Kabine nach außen gelangen dürften. Hat er denn dieses getan? Nein. Er hat erkennbar keine irgendwie intimen Erkenntnisse offenbart. Er hat, wie schon in verschiedensten Artikeln in der freien Presse dargelegt, nur allgemein bekannte Wahrheiten in seinem Buch widergeben. Außerdem geht es hier um max. 3 Aussagen über 3 Ex-Trainer, das auch noch aus dem Zusammenhang gerissen, und weder über Spieler noch sonstige Kabinen-Interna.

    Woran jazzt sich nun die Aufregung über das Lahm-Buch eigentlich hoch?

    Lahm hat wohl innerhalb von über 200 Seiten einige Trainer seiner Vergangenheit in einen Kontext einzuordnen versucht, inwieweit diese, aus seiner heutigen Sicht, ihm bei seinem Vorwärtskommen helfen konnten oder auch nicht. Dass aus (fast) jeder Aussage eine entsprechende Headline, gerade bei Bild konstruiert werden kann, sollte inzwischen bekannt sein.

    Sich aber von Seiten der sog. Experten, also Trainer und Ex-Spieler so darauf zu verbeißen, zeugt nicht unbedingt von deren Verständnis, wie die Medienwelt schon (leider) zu lange funktioniert. Es scheint hier im Gegenteil eine Front zum Vorschein zu kommen, die bisher momentan an anderen Stellen immer wieder auftaucht. Die zwischen den Traditionalisten gegen die Erneuerer. Lahm im Allgemeinen und gerade durch sein Buch eignet sich da hervorragend, grundsätzliche Grabenkämpfe auszutragen.

    Die Medien insgesamt freuts.

  • 3 McP // 29. Aug 2011 um 9:54

    “… dürfte ihm bewusst werden, dass auch das Springer-Blatt ihn benutzt, wenn sich die Möglichkeit ergibt.”

    Dazu wäre aber anzumerken, dass nach Bild-Aussage die Auszüge sowohl von Lahm als auch vom FC Bayern autorisiert wurden. Natürlich wird Lahm mit der Gewichtung nicht ganz glücklich sein. Aber letztlich hat er es anscheinend durchgewunken.

  • 4 Ky // 29. Aug 2011 um 11:48

    Man muss sich schon wundern, dass sich medienerprobte Trainer allen ernstes zu einer Meldung aus der “Bild” äußern als wäre es die Wahrheit. Warum kann man da nicht sagen: “Das stand doch in der Bild, das stimmt doch so eh nicht.”
    Ich war dazu auch von der “Tagesschau” enttäuscht, die in reisserischem Tenor berichtet hat – mit der “Bild” als einziger Quelle!? Oh mann!

  • 5 NoteMe // 29. Aug 2011 um 13:38

    (1) Die sind doch genauso Teil des Systems.

    (2) Ein Rudi Völler ist sicher auch nicht unglücklich, nicht immer nur zum Thema Michael Ballack vorzukommen.

  • 6 xbrg36 // 29. Aug 2011 um 13:52

    @ boRp

    Na und nun aber bitte Butter bei die Fische. Haste Quellen?

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