Sportkommentator – Traumjob und Knochenjob

Karsten Linke, geboren 1963, ist Kommentator bei sportdigital. Der Pay-TV-Sender aus Hamburg widmet sich unter dem Banner „Football around the World“ auch Fußballligen, die nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Mit der Serie A hat man ein echtes Highlight im Portfolio, aber auch die 2. Liga Englands, die Championship, oder die holländische Eredivisie haben ihren festen Platz bei sportdigital. Herr Linke stand am Mittwoch, den 26. Oktober 2011 während seiner Vorbereitung auf das Abendspiel der Serie A, Napoli gegen Udinese, einigen Fragen Rede und Antwort. Sportkommentator ist ein Traumjob, wie für manche auch Anwalt für Steuerrecht.

Herr Linke, vielen Dank für das Gespräch. Zunächst ein paar Fragen zu Ihrer Person. Wie lange sind Sie jetzt schon Sportkommentator?

Angefangen hat meine Fernsehlaufbahn bei Sat. 1 im Jahr 1990. Ich habe vorher für das Golf-Magazin von Gruner + Jahr geschrieben und hatte dann gehört, dass Harry Valerien zu Sat.1 nach Hamburg kommen wird. Das war für mich eigentlich der Auslöser, auch zum Fernsehen zu gehen. Ich fand Valerien schon damals als junger Mann ganz toll, wenn er mit seinem gelben Pullover das Sportstudio moderierte. Als ich dann erfuhr, dass ich möglicherweise mit ihm arbeiten könnte, habe ich bei Gruner + Jahr gekündigt und bei Sat.1 angefangen. Dort habe ich erst freiberuflich gearbeitet und dann ein Volontariat gemacht – obwohl ich bereits ausgebildeter Zeitungsredakteur war. Als im Jahr 1992 dann ran und Michael Lion dazukamen, bin ich auch im Job mit Fußball mehr und mehr in Kontakt gekommen.

Welche Tipps haben Sie für angehende, potenzielle Sportkommentatoren, die sich in Richtung Sportjournalismus bewegen wollen?

Neben meinem Job als Kommentator bin ich Gastdozent an der privaten Medienakademie in Hamburg, wo ich ab und zu Vorlesungen im Sportjournalismus halte. Den jungen Studenten sage ich immer: ‚Wer in diesem Bereich arbeiten möchte – ob nun im Print, Hörfunk oder TV – muss der festen Überzeugung sein, dass das genau ‚sein Ding‘ ist. Man muss wissen, dass man grundsätzlich in den ersten Jahren fast kein Wochenende frei hat und dass der Job auch viel mit Nachtschicht zu tun hat. Und eines gehört auch dazu: Beharrlichkeit. Ein Beispiel: Wenn man etwas wirklich will, dann muss man auch den Mut haben, bei einem Bewerbungsgespräch vier Stunden vor der Tür zu warten, bis man eine Chance bekommt. Es ist ein ganz toller Job, eigentlich ein Traumjob. Es ist aber auch ein knüppelharter Beruf, für den man Ellbogen braucht und wissen muss, was man will.

Sie haben schon für Sat.1 oder Eurosport gearbeitet, nun für sportdigital. Merkt man große Unterschiede, für welchen Sender man arbeitet?

Ja, es gibt schon Unterschiede. Wenn ein Sender größer und länger am Markt ist, sind natürlich Strukturen und Hierarchien ganz anders gewachsen. Als ich beispielsweise 1996 zu Eurosport gekommen bin, hat man fast alle Übertragungen aus der Kabine kommentiert. Das war damals noch in Paris, Ende der Neunziger Jahre ging es dann nach München. Inzwischen hat Eurosport in verschiedenen Städten Deutschlands Sprecherkabinen, außerdem sind Kommentatoren und Moderatoren bei Events häufig vor Ort – wie beispielsweise Mats Wilander oder Barbara Schett beim Tennis. Das musste sich aber erst peu à peu entwickeln. Große Sender haben einen Chefredakteur, eine Sportredaktion, eine Ablaufredaktion, einen Chef vom Dienst (CvD), Moderatoren usw. Das sind Strukturen, die erst wachsen müssen – und das wächst bei sportdigital seit 2008 eben auch gerade, insbesondere jetzt mit unserem neuen Claim „Football around the World“. Ausschlaggebend ist immer die Größe und das Alter eines Senders und welche Strukturen bereits vorhanden sind. In der reinen redaktionellen Arbeit sind die Unterschiede gar nicht so groß.

Übernimmt die Vorbereitung für die Spiele jemand für Sie oder müssen Sie das selbst leisten? Etwa für das Spiel heute Abend, Neapel gegen Udinese. Wie läuft das ab?

Wenn Sie jetzt einen Blick auf meinen Schreibtisch werfen könnten, würden Sie vor mir eine Menge Blätter plus Laptop sehen. Ich bin gerade dabei, die letzten Fakten für das Spiel aufzubereiten. Auf einer Moderationskarte notiere ich mir dann die wichtigsten Stichpunkte zu den beiden Mannschaften, die für mich heute relevant sind. Außerdem bekomme ich von unserem Partner betfair diverse Statistiken zu den Mannschaften geliefert. Den Großteil der Informationen bereite ich aber selber auf – schließlich muss ich es dem Zuschauer ja dann auch während der Übertragung kompetent ‚verkaufen‘.

Ist das ein Unterschied zu „größeren“ Sendern wie etwa Sky, wo ein Marcel Reif deutlich mehr zugearbeitet bekommt?

Mit einer Übertragung bei Sky ist das natürlich nicht vergleichbar. Natürlich bekommen wir auch Unterstützung bei der Vorbereitung – bei der Championship oder der Eredivisie beispielsweise erhalten wir regelmäßig Presse-Kits von zehn bis zwanzig Seiten mit Fakten. Die wichtigen Informationen zu filtern, ist dann aber unsere Aufgabe. Das ist aber kein Problem, ganz im Gegenteil. Ich bin mit dieser redaktionellen Arbeit groß geworden. Das, was ich während der Übertragung sage, habe ich vor der Sendung in der Vorbereitung selbst gelesen, notiert und im Kopf behalten.

Für unbekanntere Ligen wie die russische Liga ist die Vorbereitung dann natürlich deutlich schwerer als für z.B. die Serie A?

Stimmt, das ist schon etwas schwerer. Bei sportdigital bin ich sehr dankbar, dass wir den Kollegen Jirka Schink haben, der Russisch versteht und daher auch die russische Liga häufiger kommentiert. Auch die Vorbereitung auf die brasilianische Liga oder die Major League Soccer strengt mehr an. Das ist für uns Kommentatoren, die das Angebot von sportdigital letztlich am Bildschirm präsentieren, eine große aber auch sehr reizvolle Herausforderung.

Es geht ja im Fußball oft auch um Geschichte nebendran. Ist das bei den von sportdigital übertragenen Ligen – etwa der Championship oder der Eredivisie – schwierig, den Zuschauer auch für so etwas zu interessieren?

Das ist nicht so schwierig, gerade diese beiden Ligen liefern sehr viele Stories. In der Woche vor der Sendung verfolge ich das Geschehen rund um die Teams genau und lege mir ein Dokument für jede Mannschaft an. Championship und Eredivisie vorzubereiten und zu kommentieren macht ganz einfach Spaß. Bei jeder Übertragung gibt es mal Leerlauf und da ist es wichtig, Geschichten am Rande zu wissen – zum Beispiel, welcher Spieler gerade wo im Gespräch ist. Jede Sendung ist immer wieder eine neue Herausforderung und das macht den Job so spannend.

Wie schafft man es eigentlich, dass man in einem Spiel die Spieler nicht andauernd verwechselt – gerade wenn man sie nicht jeden Tag sieht?

Natürlich kann es immer mal vorkommen, einen Spieler zu verwechseln. Aber auch für Kommentatoren gilt: Irren ist menschlich. Da sagt man dann ganz einfach kurz sorry, das habe ich eben durcheinander gebracht. Gerade bei den gestreiften Trikots in Brasilien kommt das mal vor, da kann man Rückennummern oder Namen oft schwer erkennen. Da ist es dann ganz wichtig, dass die Aufstellung die wir vor dem Spiel bekommen, auch in der Formation stimmt. Speziell in der Zeit, als wir mit sportdigital mit der brasilianischen Liga angefangen haben, war das für uns Kommentatoren eine große Eingewöhnungsphase. Denn oft steckte nicht der Spieler in dem Trikot, der in der Aufstellung steht. Und Spieltag für Spieltag haben die Rückennummern oder die Spielernamen auch noch gewechselt. Da kann es dann schon ziemlich komplex werden. Bei den ersten Spielen aus Brasilien habe ich ein paar Minuten gebraucht, um die Leute einzusortieren. Mit der Zeit hat sich das aber eingespielt. Bei anderen Ligen ist das natürlich einfacher.

Thema Aussprache von Spielern und Vereinsnamen: Selbst in der Bundesliga unterhalten sich die Fans oft, wie Spieler richtig ausgesprochen werden. Wie wichtig ist es Ihnen persönlich, Spieler richtig auszusprechen und die richtigen Teamnamen zu nennen?

Klar ist das wichtig, schließlich möchte ja jeder gerne seinen richtigen Namen hören. Wenn wir aber versuchen würden, jeden Namen in der jeweiligen Landessprache auszusprechen, lachen uns die Leute aus. Wir sind ein deutscher Sender, also müssen wir die Sache auch etwas ‚verdeutschen‘. Trotzdem gibt es gewisse Regeln, die wir einzuhalten versuchen. ‚Udinese‘ und ‚Udine‘ beispielsweise . Genauso ist ein Hamsik eher ein ‚Hamschik‘ und ein Frank der Boer eben ein ‚Frank der Bur‘, weil es auch international so ausgesprochen wird. Das gehört einfach dazu. Außerdem gibt es seitens der Zuschauer eine Erwartungshaltung, dass er gewisse Namen so hören will, wie er sie in den Medien wahrnimmt.

Gibt es irgendwelche Vorlieben hinsichtlich der Ligen, die Sie kommentieren?

Ich liebe die Championship, ich bin absoluter Fan dieser Liga geworden. Das ist nicht immer hochklassiger Fußball, aber 80 bis 90 Prozent der Spiele, die ich bislang kommentiert habe, waren schnell und hatten Pfeffer. Die Engländer spielen immer nach vorne. Zwar geht da auch viel schief, aber die Dynamik ist einfach beeindruckend. Hinzu kommt die super Atmosphäre in den Stadien und die tollen Bilder. Holland finde ich auch sehr gut. Die Stadien sind immer gut gefüllt und die Teams spielen einen technisch sauberen Fußball, wenn auch nicht mit so viel Tempo. Und ganz klar, die Serie A in Italien – eine der Topligen in Europa – kommentieren zu dürfen, ist schon ein Highlight. Das ist einfach prickelnd, wenn man Mannschaften wie Juve, Milan oder Napoli auf dem Zettel hat.

sportdigital bietet ja jetzt auch eine Studiosendung an. War es eine große Umstellung, nun auch vor der Kamera aktiv zu sein?

Es ist natürlich eine zusätzliche Herausforderung, weil es noch mehr Vorbereitung erfordert. Ich muss mich als Kommentator und als Moderator auf eine Sendung einstellen. Trotz der Mehrbelastung finde ich es aber klasse, dass wir jetzt diesen Weg gehen. Mit der Studiosendung geben wir dem Sender ein Gesicht und vermitteln noch mehr Nähe zu den Fans. Zusätzlich sehen die Zuschauer jetzt, wer hinter den Stimmen steckt. Es macht Spaß und es ist spannend, aber es ist auch eine unglaubliche Herausforderung für das ganze Team, Tag für Tag eine gute Sendung abzuliefern. Und vier, fünf Spiele am Stück mit Studio an einem Tag – das macht kein anderer Sender in dieser Vielfalt und Frequenz.

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