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Die Ära van Gaal, eine (Re)Kapitulation

6. März 2011, 8:18 · 9 Kommentare

Seit dem denkwürdigen Auftritt von Bayern-Präsident Uli Hoeneß bei Sky90, in dem er dem Trainer van Gaal Beratungsresistenz vorwarf - in einer Phase, als sich die sportliche Lage trotz der Verletzungssorgen gerade einigermaßen stabilisierte - war klar, dass dieser Tag früher oder später kommen musste.

Die Ära van Gaal neigt sich dem Ende zu.

Ob der Holländer nun schon am heutigen Sonntag entlassen wird, ob man noch einige Spiele abwartet oder gar den Schnitt erst im Sommer macht. Dass van Gaal seinen bis 2012 laufenden Vertrag erfüllen wird, erscheint spätestens nach der Pleite bei Hannover ausgeschlossen.

Das große Problem:

Damit entledigt sich der FC Bayern des vermutlich besten Trainers, den man seit Jahrzehnten in den eigenen Reihen hatte.

Ja, er hat seine Probleme. Die Außendarstellung stößt so manchem auf. Diplomatie ist ihm oft ein Fremdwort. Zudem kommt man nicht umrum, ihm zumindest eine Mitschuld an den unterdurchschnittlichen Transferperioden dieser Saison zuschreiben.

Überhaupt, die Transfers. Viel eher, die nicht getätigten Transfers.

Schon letzte Saison war - so positiv die Spielzeit 2009/10 im Rückspiegel immer noch wirkt - “auf Kante” genäht. Die Meisterschaft wurde erst am vorletzten Spieltag gesichert, und dies auch nur durch die Heimimplosion des FC Schalke gegen Werder Bremen vorzeitig.
Die Probleme in der Defensive waren offenkundig, jeder mit mindestens einem gesunden Auge wusste, dass zumindest auf der Linksverteidigerposition erheblicher Handlungsbedarf bestand.

Dennoch wurde praktisch nichts getan. Vielmehr wurde im Sommer, spätestens aber im Winter der Kader erneut ausgedünnt. Auf die Saisonbeendende Verletzung von Stürmer Ivica Olic wurde nicht reagiert, so dass man die Rückrunde, die zu Beginn noch mit Dreifachbelastung drohte, mit gerade mal zwei Stürmern bestreitet.

In der Defensive greift man auf Behelfslösungen zurück, in der Innenverteidigung stehen nur drei gelernte Spieler zur Verfügung.

Die Bank war immer der Trumpf des FC Bayern. Im Frühling, wenn es um die berühmte Wurst ging, wenn die physisch und psychisch belastenden Spiele im Dreitagestakt aufschlagen, war der FC Bayern da. Auch, weil man punktuell die Mannschaft durch Wechsel entlasten konnte.

Anno 2011 ist das nicht der Fall. Die Mannschaft stellt sich praktisch von selbst auf.

Hinzu kommt, dass die sportliche Leitung nicht auf sportliche Rückschläge reagieren kann. Das Heimdebakel gegen Dortmund, eingeleitet durch drei individuelle Fehler, hat die Mannschaft geschockt. Den Abstand, den die Tabelle aussagte, hat man auch auf dem Platz plastisch vorgeführt bekommen.

Konnte man sich bis zu jenem Samstag noch fröhlich in die Tasche lügen, dass man ja eigentlich ihn Wahrheit doch die beste Mannschaft Deutschlands sei und dies nur den Verletzungsproblemen geschuldet sei, so bekam man dann in Bestbesetzung deutlich die Grenzen aufgezeigt.

Dieses Spiel steckt den Bayern-Spielern in den Knochen, aber vor allem in den Köpfen.

Die Mannschaft wirkt gelähmt. Gegen Hoffenheim, gegen Mainz zeigte man wieder den begeisternden Offensivfußball der Vorsaison, natürlich inklusive der üblichen Defensivmängel. Aber mit denen hat man sich inzwischen ja etwas arrangiert.

Solange es vorne stimmt.

Doch seitdem die Borussia der Mannschaft den psychischen Todesstoß versetzt hat, stimmt es eben vorne nicht mehr. Man spielt lethargisch, zeigt keine Laufbereitschaft, bietet keine Offensivlösungen, sondern hofft auf ein Wunder.

Gomez hängt wieder in der Luft wie im ersten Viertel der Saison, Ribéry und Robben laufen sich regelmäßig an bis zu drei Verteidigern fest und erhalten keine Unterstützung durch die Außenverteidiger Lahm und Badstuber, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Thomas Müller lässt die gewohnte Spritzigkeit und Explosivität vermissen. Hinzu kommt das Problem Schweinsteiger, der sich seine Auszeit von der Weltklasse genau im falschen Moment genommen hat.

Natürlich, es war klar, dass gerade die jungen Spieler Rückschläge erleiden würden. Es wirft keiner Thomas Müller vor, dass er noch nicht die Konstanz eines erfahrenen Haudegens bieten kann. Doch der sportlichen Führung muss man vorwerfen, nicht auf diese absehbare Entwicklung vorbereitet gewesen zu sein.

Man vertraute den Nachwuchsspielern. Ob Müller, Badstuber oder auch Contento. Selbst Breno wurde nun der nächste Schritt zum etablierten, unumstrittenen Stammspieler zugeschrieben. In der Konsequenz verzichtete man auf Neuzugänge oder schickte gar erfahrene Alternativen weg.
Doch damit tat man den jungen Spielern keinen Gefallen.

Anders als in der Vorsaison spielten Müller & Co. nicht, weil sie besser als die erfahrenen Alternativen waren, sondern weil es gar keine Alternativen gab. Im Ergebnis erhöhte man den Druck damit derart, dass es nur eine Frage war, wen es zuerst zerbrechen wurde. Zuerst war es Contento, den auch Verletzungen behinderten, nun brach Badstubers Leistung zusammen, und inzwischen sitzt auch Müller in einer Grube, aus der er nur schwer heraus kommt.

Man weiß nicht genau, wer für die Kaderplanung schlussendlich verantwortlich ist. Angeblich hatte der Vorstand van Gaal 30 Mio Euro für Transfers im Sommer zur Verfügung gestellt. Genutzt hat er davon keinen einzigen Cent. Wenn dies so zutrifft, war es grob fahrlässig, denn auch van Gaal hätte - besonders angesichts der Verletzung von Arjen Robben - bewusst sein müssen, dass das zweite Jahr für Nachwuchsspieler immer das schwerste ist. Und dass den Leistungsträgern die mental und körperlich anstrengende Weltmeisterschaft noch zusetzen würde.

Doch das ignorierte Louis van Gaal.

Mit diesem entscheidenden Fehler in der Saisonvorbereitung trübt sich van Gaal die Bewertung seines Handelns beim FC Bayern. Denn was feststeht, ist, dass der FC Bayern den technisch und taktisch besten Fußball seit Jahrzehnten spielt. Vorbei die Zeiten des Hitzfeld’schen Rumpelfußballs, der auf die individuelle Klasse einiger weniger setzte. Vorbei die Zeiten des Magath’schen Defensivriegels, mit dem Hoffen auf das zufällige Tor.

Unter van Gaal hatte die Mannschaft einen Plan. Es wirkte alles strukturiert, es hatte Hand und Fuß, es machte Sinn. Die offensiven Außen Robben und Ribéry ziehen unterstützt von den Außenverteidigern die Mannschaft auseinander, wodurch in der Mitte für Gomez, Müller und Schweinsteiger Platz war. Durch ständigen Ballbesitz wurde das Spiel kontrolliert, durch Kurzpasspiel die Fehlerquote minimiert.

Doch leider fehlt der Plan B. Der FC Bayern hat keine Antwort mehr. Nicht auf die psychische Herausforderung, die der Abschied von zwei Titeln darstellt. Nicht auf die Dreifach-Manndeckung von Robben und Ribéry. Nicht auf die Ausfälle von wichtigen Spielern.

Vor allem aber wirkt die Mannschaft die ganze Saison psychisch nicht stabil. Gegentore, früher nicht mehr als schnell zu korrigierende Betriebsunfälle, werfen die Spieler aus der Bahn. Selbst sichere Vorsprünge werden gerne noch verspielt, weil der Gegner aufeinmal mitspielt und aggressiv dagegen geht.

Am Ende des Tages ist es eine verpasste Chance. Louis van Gaal war dabei, dem FC Bayern ein neues Gesicht zu geben. Man konzentrierte sich nicht mehr nur darauf, den erfolgreichsten Fußball, sondern auch den schönsten Fußball zu spielen. Doch durch unnötige Fehler in der Personalpolitik machte es sich der Holländer selbst schwer.
Wenn van Gaal von Rummenigge & Co. vor die Tür gesetzt und durch einen Trainer ersetzt wird, der das Hauptaugenmerk wieder auf defensive Sicherheit auf Kosten der offensiven Optionen legt, wird man sich nächste Saison immer wieder fragen:

Louis, warum hast Du keine neuen Spieler geholt?

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

Bisher 9 Kommentare ↓

  • 1 Helmi // 6. Mrz 2011 um 8:51

    Danke für die sehr gute und ausführliche Zusammenfassung, Christoph. Ich stimme da weitestgehend mit Dir überein. Lediglich die Schlußfolgerung ist für mich nicht die gleiche. Ich bleibe bei dem was ich dir gestern schon per Tweet geantwortet habe: Van Gaal war/ist der theoretisch beste Trainer den der FCB in den letzten Jahren hatte. Natürlich hat er eine konkrete Spielidee, einen taktischen Plan und wenn in diesem Plan alles so aufgeht wie er es sich wünscht dann ist das zweifelsohne auch schön anzusehen.

    Dummerweise funktioniert das aber nicht, wenn der Gegner ein Mittel findet dieses Spiel zu unterbinden. Dass es van Gaal in 1,5 Jahren nicht geschafft hat diesen “Plan B” zu finden, lässt ihn in meinen Augen ziemlich schlecht aussehen. Nicht nur die letzten Spiele sondern verdammt viele in dieser Saison haben gezeigt, dass die Mannschaft mit vielen Situationen einfach nicht umgehen kann und offensiv wie defensiv leicht auszurechnen und demnach außer Kraft zu setzen ist.

    Fraglich ist ob die nicht getätigten Neuverpflichtungen sein einziges Problem sind. Eine flexiblere Taktik entsteht dadurch ja immer noch nicht.

  • 2 dogfood // 6. Mrz 2011 um 11:37

    Ist der bislang nach außen wenig autoritär wirkende Nerlinger ein Problem? Weil er LvG keine Spielertransfers aufs Auge drückte?

  • 3 RealityCheck // 6. Mrz 2011 um 13:06

    Hm, da gibt es für beide Seiten Argumente.

    Nein, weil van Gaal die Spieler dann ja auch einsetzen müsste. Was bringt es Spieler zu holen, die der Trainer partout nicht will?

    Ja, weil die Beispiele Gomez und Tymo das Gegenteil beweisen. Beide sogar öffentlich von van Gaal zeitweise demontiert, jetzt Stammspieler.

  • 4 deion // 7. Mrz 2011 um 15:02

    Deine Analyse teile ich weitestgehend. Allerdings lässt Du imho das Kernproblem links liegen. Und das ist der Vorstand inklusive aller Granden die sich im Umfeld der Bayern tummeln. Seit 2003 hatten der FC Barcelona 2, Arsenal 1, ManU 1, Liverpool 4, AC Mailand 3 Trainer. Der FC Bayern glänzte mit 6 Trainern. Im heutigen Fußball mit seinem konzeptionellen Ansatz kann das nicht funktionieren. Jeder bringt sein System, verpflichtet seine Spieler und der nächste hat die Altlasten. Vom wirtschaftlichen Erfolg abgesehen wird der FC Bayern mit dem Stil der 80er und 90er Jahre oder um es mit Jens Lehmann zu sagen auf Doppelpass-Niveau geführt. Kontinuität gibt es nur im Handling der Trainerfrage. Bei Erfolg ist es die große wunderbare Bayern-Familie, wenn der Wind von vorn kommt, schlägt man sich in die Büsche. Dann lädt Wichtigtuer Nr. 1 Hoeneß aus eben diesen Büschen richtig durch und feuert gegen den Trainer (egal welcher), weil ihm einer sein Lebenswerk Bayern München kaputtmachen will. Mit dem Misserfolg hat er natürlich gar nichts zu tun. Sein Auftritt bei sky90 war eine Bankrotterklärung dieses Mannes und seiner verletzten Eitelkeit. Erwartet er im Ernst das ein anerkannter Fachmann wie LvG mit ihm, der nur noch sporadisch am Trainingsgelände auftaucht, Aufstellungen, Taktik und was weiß ich noch alles diskutiert? Das was man LvG vorwirft ist der berühmte alte Wein in neuen Schläuchen. Er hat genauso immer gearbeitet. So stellt man nicht einmal einen Praktikanten bloß. Seine Vorstandskollegen, egal ob KHR, Franz B. oder Paul B. reihen sich allerdings nahtlos ein. Jeder wird geradezu magisch von Mikrofonen angezogen und muss einen Meinungsschiss ablassen, um seine eigene Bedeutung zu unterstreichen. Es ist Comedy, dass immer darauf hingewiesen wird, das die Bayern der Verein mit der größten Fußball-Kompetenz im Front-Office sind. Wenn ich die Kommentare im sportlichen Bereich höre, bin ich back in the 80´s.
    Als BVB-Fan wünsche ich den Bayern viel Spaß mit Herrn Sammer, dessen Handschrift und System bei seinen bisherigen Trainerstationen immer noch gesucht wird.

  • 5 Jochensen // 7. Mrz 2011 um 19:32

    danke für die gute zusammenfassung. Ergänzt sich m. E. bestens mit deions Sicht des Bayern-Vorstands… :)

    PS: und pro für den tweet mit magirus deutz ;))

  • 6 FCB, 1860 und Haching im „BLOGlichtgewitter“ (10/11) « BLOGpunkt Sport // 8. Mrz 2011 um 10:51

    [...] „Die Ära van Gaal, eine (Re)Kapitulation“ (sportmedienblog.de) [...]

  • 7 tafelrunde // 9. Mrz 2011 um 20:23

    Es scheint offensichtlich, dass es die – zumindest – nationalen Erfolge der Vergangenheit den Bayern, Fans wie Führung, sehr schwer machen, einen Richtungswechsel vorzunehmen. Aufgrund dieser Gefangenschaft der ewigen nationalen Dominanz kann und will man die notwendigen Schritte für eine Restrukturierung nicht konsequent durchführen.

    Irgendwie sieht man ja schon ein, dass gerade internationaler Erfolg nicht mehr mit den bisherigen Erfolgsfaktoren zu gewährleisten ist, aber man hat keinen wirklich durchdachten Plan, wie das besser werden kann. Inzwischen sieht man sogar die nationale Dominanz – zu Recht – in Gefahr.

    Das Ganze kann man sehr passend mit einem lange Zeit gut gehenden Unternehmen vergleichen, das auch bei verändertem Wirtschaftumfeld noch eine Zeitlang Gewinne schreibt. Wenn allerdings nicht rechtzeitig den veränderten Bedingungen Rechnung getragen wird (strategisch, organisatorisch, personell, produktionstechnisch), ist der Bankrott unausweichlich, weil man gnadenlos abgehängt wird.

    Selbstverständlich verändert sich auch der Fußball stetig. Das konnte man gestern beim Spiel Barca – Arsenal sogar als Laie überdeutlich bemerken. Man sieht es inzwischen auch in der Bundesliga, nicht nur bei Dortmund. Stichwort: Positionsspiel, das in den letzten Jahren noch mal extrem verfeinert wurde. Zusammen mit dem noch höheren Tempo gehört dieses heute zu den absoluten Basics auf Top-Niveau.

    Wenn immer wieder davon gesprochen wird, man solle sich doch rückbesinnen auf die guade oide Zeit, dann ist das vergleichbar mit einem Unternehmen, das auf Verluste mit den Methoden von vorgestern reagiert. Das hat noch nie geholfen, auch wenn man in der Vergangenheit damit irgendwann erfolgreich war.

    Obwohl schon mal woanders hier geschrieben: Erfolg ohne (!) Schönheit (d.h. Positionsspiel gepaart mit Tempo) ist nicht mehr zu haben.

    Um dieses zu erlangen, muss man kurzfristige Rückschläge einkalkulieren (!!!), v.a. wenn die Durchführung dieses Prozesses einer Revolution gleichkommt, was eben bei den Bayern der Fall ist, ja sein muss, da man auf nichts dahingehendes aufbauen kann (konnte). Zu ehrgeizige Zielsetzungen sind in diesem Zusammenhang stets kontraproduktiv, da sie die, mit den prozessualen Veränderungen einhergehende, Verunsicherung noch verstärken.

    Alles, was man im Verlauf dieser angestrebten Entwicklung auf Führungsebene beim FCB falsch machen kann, hat man falsch gemacht.

  • 8 Die verlorene Ehre von Louis van Gaal | sportinsider // 10. Mrz 2011 um 19:09

    [...] Einige Versäumnisse vom Feierbiest listet Reality Check beim sportmedienblog unter dem Titel Die Ära van Gaal, eine (Re)Kapitulation auf. Gezieltes Einkaufen um die Mannschaft punktuell zu stärken und sie auf ein breiteres [...]

  • 9 Die Ära van Gaal, eine (Re)Kapitulation | SportSquare // 4. Apr 2011 um 0:28

    [...] Die Ära van Gaal, eine (Re)Kapitulation [...]

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