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Das Ende des deutschen Profiboxens

28. November 2010, 14:28 · 7 Kommentare

Arthur Abrahams vernichtende Niederlage gegen Carl Froch im Super Six Turnier ist nicht der Auslöser. Es ist auch nicht der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es ist vielmehr der Moment, in dem es auch dem letzten Berufsoptimisten bewusst werden muss:

Das deutsche Profiboxen befindet sich schnurstracks auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

War Deutschland lange für den Boxsport noch eine Insel der Glückseligen, die weitgehend unbeeindruckt von der internationalen Krise des Pugilismus Megaevent um Megaevent erfolgreich abhalten konnte, dürfte nun auch der Abstieg nicht mehr zu verhindern sein.

Was sind die Gründe? Und gibt es noch eine Chance, das derzeit Unausweichliche abzuwenden?

Es sind isoliert drei Gründe, die einem bei der Suche nach den “Schuldigen” auffallen.

Die RTL-Fixierung auf wenige Boxer

Es fing bei Henry Maske und Axel Schulz an. RTL übertrug nicht Boxen, RTL übertrug Maske und Schulz. Der Sender, der für das Boxen unbestreitbar viel getan hat, indem er es zum Event stilisierte und in den Mainstream getragen hat, hat für die Nachwuchsplanung keine Zeit gehabt.

RTL ignorierte zur Hochzeit des Boxens die üblichen Vorkämpfe und brachte erst den Main Event live in deutsche Wohnzimmer. Man zeigte lieber über eine Stunde Vorberichte als weitere Boxer in den Gedächtnissen der Zuschauer zu etablieren. Kurzfristig ist das nachvollziehbar, jedoch versündigt man sich an der Zukunft des Sports. Kein Kämpfer steht von heute auf morgen im Hauptkampf, vorher muss man durch die Knochenmühle der Undercard gehen. Zeigt man nur Interesse für den Superstar, braucht man sich als Sender nicht wundern, wenn nach dem Abtritt dieser One Man Show auf einmal ohne Attraktion dasteht.

Es hilft auch nicht, die Undercard nach dem Hauptkampf als Aufzeichnung zu zeigen. Die Masse der Zuschauer schaltet da sowieso ab, zumal es dann auch meist deutlich nach Mitternacht ist. Ein Fight Card so auf den Kopf zu stellen, zeigt nur, dass viele deutsche Free-TV-Sender die Vermarktung von Kampfsportveranstaltungen nicht kapiert haben - oder es ihnen angesichts kurzfristiger Ergebnisse schlicht egal ist.

Die Klitschkos wurden in der Undercard von Universum-Events aufgebaut (die damals noch bei DF1 bzw. PREMIERE zu sehen waren). Als sie dann beim ZDF zu Stars wurden, waren sie gut genug für RTL - die aber ihrerseits kein Interesse daran zeigten - neue Stars ins Gespräch zu bringen.

Diese Fixierung auf den Hauptkampf kann man derzeit bei fast allen deutschen Free-TV-Sendern sehen, die derzeit Boxen übertragen. Einzig Sat 1 ist hier lobenswert zu erwähnen, die oftmals zumindest einen Vorkampf live in die Übertragung packen.

Insgesamt führt diese Verfahrensweise zusammen mit dem folgenden Punkt unweigerlich dazu, dass einfach nichts nachkommt. Treten die Klitschkos in ein paar Jahren ab, ist nichts mehr da. Jack Culcay, die größte Hoffnung, boxt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Da hilft auch keine Kooperation mit der großen Boulevardzeitung.

Die Superstars denken nur an sich

Klitschko Management Group. Sturm Box-Promotion.

Ein Zitat von der Website der Sturm’schen Firma:

Die sportliche und geschäftliche Heimat von Felix Sturm befindet sich im Kölner Süden am Bonner Wall 122. Der WBA-Superchampion gründete zusammen mit seinem Team die Sturm Box-Promotion, die sich um alle Belange des Mittelgewichtlers kümmert.

Immerhin ist man ehrlich. Es geht um Herrn Catic, das war’s. Seit seinem Abschied von Universum ist Sturms drawing power, seine Anziehungskraft auf den Mainstream, verschenkt, wird nicht mehr genutzt, um neuen Talenten eine Bühne zu geben. Bezeichnend, auf den Cards der Sat 1 Events findet sich bisher regelmäßig:

Kickboxen.

Das Interesse von Sturm und den Klitschkos liegt ganz natürlich primär in den eigenen Karrieren. Ist die vorbei, ist auch die Zukunft dieser beiden Promotions akut gefährdet. Wie soll man sich auch aufstellen, wenn das bzw. die einzigen Zugpferde wegbrechen? Klassische Promotions wie Sauerland oder Universum haben da eigentlich eine deutlich langfristigere und breitere Strategie.

Kaum einer wird die interenen Abläufe, die zu der Trennung dieser drei Topstars von Universum geführt haben. Ob Klaus-Peter Kohl seine Kämpfer angemessen an den Einnahmen beteiligt hat. Auffällig ist es schon, dass ausgerechnet bei ihm die Kämpfer von der Fahne gehen, sobald sie auf eigenen Beinen stehen können.

Doch leider führt auch dies dazu, dass wieder nur die etablierten Stars im Vordergrund stehen und der Nachwuchs gucken muss, wo er bleibt.

Und das internationale Korrektiv der Vergangenheit schwächelt auch.

Die Krise des Boxens bei HBO

Auch in den USA geht es dem Boxen nicht gut. Vorbei die Zeiten, in denen Millionen über 50 Dollar im Pay Per View gezahlt haben, um Mike Tyson gegen Evander Holyfield zu sehen. Hier fehlen die Superstars, außer Manny Pacquaio ist kein Kämpfer wirklich im Mainstream einigermaßen verankert - und Pacman ist Filipino. Keine US-Amerikanische Identifikationsfigur, und es ist auch keiner in Sicht. Schon gar nicht im populären Schwergewicht. Einzig der Latinomarkt findet sich noch stark im Boxsport, besonders in leichteren Gewichtsklassen, wieder.

Im Ergebnis verdient HBO mit seinen Boxveranstaltungen nicht mehr so viel Geld wie früher. Vorbei die Zeiten, als kein internationaler Top-Boxkampf von Wert ohne HBO stattfand. Vorbei die Zeiten, als Larry Merchant als HBO-Analyst durch seine Kommentare dafür sorgte, dass die Besten auch gegen die Besten kämpften.

Das Geld von HBO war das Korrektiv, um den zersplitterten Boxsport, der mit seinen unzähligen Weltverbänden und seiner Legion an Promotern immer an der Grenze zur Zirkusveranstaltung stand, zumindest an der Spitze der Leistungspyramide zu einen. HBO perfektionierte das System der Co-Promotion, das verschiedenste Interessen unter einen Hut bekam.

Wer wirklich Geld verdienen wollte, musste mit HBO ins Bett. HBO war der heimliche, tatsächliche Box-Weltverband.

Doch HBO leidet darunter, dass inzwischen die wirklichen großen Namen fehlen, die das ganze Land elektrisieren. Und ohne die großen Kampfbörsen fehlt der Faktor, die richtigen Kämpfe zu promoten.

Im Ergebnis kämpfen die Klitschkos weiterhin in Europa gegen chancenlose Gegner - und damit uninteressant für den US Pay Pay View Markt.

Früher musste Felix Sturm für einen Titelkampf nach Las Vegas, heute verdient er genug, um den Kölner Hinterhof nicht verlassen zu müssen. Das ist für das deutsche Publikum bequem, aber für den internationalen Status des Sports eine Katastrophe.

Durch den Erfolg von Mixed Martial Arts werden die Summen, die HBO mit Boxen verdient, zudem deutlich weniger. Die Kampfbörsen, die man verteilen kann, werden immer kleiner, und damit auch der Anreiz, sich den besten Gegnern zu stellen. Und es wird nicht mehr besser.

Wenn man HBO als “Weltverband” des Boxens betrachtet und dieser dann irgendwann deutlich schwächelt, führt dies zu dem schon erwähnten Chaos. Jeder macht sein eigenes Süppchen, jeder sucht sich schlagbare Gegner heraus, jeder schaut nur auf sich.

Für deutsche Boxer fehlt der Anreiz, den sicheren, bequemen Hafen zu verlassen und sich Topgegnern zu stellen. Statt dessen gibt es weiterhin fleißig Fallobst für die drei einzigen großen Namen von Weltklasse. Und bei Abraham steht zu befürchten, dass er nach seiner Demütigung durch Froch wieder ins Mittelgewicht zurückgeht und sich da einseitige Kämpfe liefern wird.

Dem Profiboxen in Deutschland wird das nicht helfen. Es liegt im Sterben und wird nur noch durch Sturm, die Klitschkos, die ARD und die politischen Widerstände gegen Mixed Martial Arts am Leben gehalten.
In zehn Jahren wird all dies jedoch anders aussehen. Und zwar nicht positiv für das Boxen.

Tags: Boxen · Sport

Bisher 7 Kommentare ↓

  • 1 dogfood // 29. Nov 2010 um 9:30

    Mir kommt ein Problem zu kurz weg, dass sich letztendlich auch auf Deutschland auswirkt.

    Die Krise setzte eigentlich schon früher ein – ich kenne aber ihre Ursachen nicht. Die USA haben ein Nachwuchsproblem – ablesbar am Anateurboxen – und daraus resultierend gibt es kaum noch große Namen im Boxsport. Keine Großen die für HBO interessant sind und keine Großen die auch international Wellen machen können.

    Hier ein Blick auf die Medaillen von US-Boxern bei den Olympischen Spielen.
    1996: 6 Medaillen (Tarver, Reid, Mayweather Jr)
    2000: 4 Medaillen (Jermain Taylor)
    2004: 2 Medaillen (Andre Dirrell)
    2008: 1 Medaille

    Und dieses Nachwuchsproblem schlägt auch auf HBO zurück.

    Ansonsten eine schöne Zusammenfassung der unterschiedlichen Ursachen. Yep, ich würde auch, dass das “Große Boxen” tot ist.

  • 2 Boxen (News, Diskussion, Termine) -Seite 18 - Balkanforum // 2. Dez 2010 um 10:55

    [...] ein interessanter Artikel ber das sterben des deutschen Profiboxen. Das Ende des deutschen Profiboxens [...]

  • 3 Boxen (News, Diskussion, Termine) -Seite 18 - Balkanforum // 6. Dez 2010 um 20:50

    [...] interessanter Artikel Das Ende des deutschen Profiboxens [...]

  • 4 scorer // 11. Dez 2010 um 1:43

    Alles hier Gesagte ist durchaus zutreffend, und dennoch nicht zureichend.

    Ein alter Boxer, Boxfan und mittlerweile auch Boxlehrer darf vielleicht ein paar Sätze dazu sagen, ohne mir den versammelten Unmut der (immerhin noch) am Boxen interessierten Blooger zuzuziehen.

    Als ich begann, den “Sandsack” zu bearbeiten, waren die gloriosen Zeiten eines Cassius Clay und seines deutschen Kontrahenten Karl Mildenberger gerade vorbei, Max Schmeling nur noch eine Erinnerung meines Vaters (der, obwohl Zeitsoldat, übrigens nie geboxt hat) und die Boxszene in Deutschland auf ein paar Zuhälter und/oder sardische Eisenbieger im und außerhalb des Rings reduziert. Ich habe trotzdem die älteste Sportart der Welt ausgeübt und bin heute noch froh darüber.

    Viel später, in der Endphase meines Studiums, kamen plötzlich Leute zu mir, die zwar keine Ahnung vom Boxen hatten, dafür aber das Gefühl hatten, dass diesem Sport ein Teil der Zukunft gehören würde.

    Dieses Gefühl bewahrheitete sich, als sich nach dem Mauerfall plötzlich “russisch”, und damit perfekt ausgebildete, Faustkämpfer zeigten, welche Kräfte der Kapitalismus im wahrsten Sinne des Wortes freisetzen kann…;-)) Es folgte die naiv, nicht nachhaltig, ja, dilettantisch ausgenutzte Zeit der Maskes, Ottkes und Bayers - alle Fernsehsender übertrugen zum Beispiel die tschechischen Regionalmeisterschaften, wissend, dass ein einziger Satz von “Sir Henry” jedes Rummelboxen zu adeln in der Lage war.

    Es wurde noch besser: die “KlitschK.O’s” (genau so schon zu Beginn Ihrer Karriere vom damals noch real existierenden DSF betitelt) übernahmen mit “Kurzarbeitermentalität” und wirklich harten Schlägen sehr schnell die Rolle der zwar blau-gelb bewimpelten, aber dennoch schwarz-rot-gold wahrgenommenen Lokalhelden und “home boys”. Verlor einer von Ihnen, raunten die Auguren von merkwürdigen Substanzen, die am Handschuh des Gegners gefunden wurden; wurde gewonnen, waren die “Modellathleten” eben “im Felde unbesiegt”. Tja, da konnte man problemlos fokussiert sein, die Protagonisten würden schon für den Unterhaltungsfaktor sorgen.

    Taten sie auch, aber die Krise im Boxen, herausgefordert von zu wenigen, zu schnell zu hoch gejazzten Handschuhträgern, ergriff auch die Heroen; und die reagierten, wie absehbar: Sie sagten sowohl dem Großgastronomen aus Hamburg, wie auch dem Kölner Schlitzohr “Adieu”, vermarkten nur noch sich selbst, lassen Hof halten und werden dafür sorgen, dass wir nach ihrem Rückzug vom organisierten Sport nur noch einen Trümmerhaufen vorfinden werden.

    Aber das ist der Boxsport gewohnt; wäre es nicht die DDR selig gewesen, so hätte der Faustkampf in Gesamtdeutschland anstimmen müssen: “Auferstanden aus Ruinen…”

    In diesem Sinne ist mir um meinen zweiten Lieblingssport nach dem Fuppes nicht bang.Aber darum, dass die Signatur aus einem Boxforum wahr sein könnte: “Boxing is like Jazz. The better it is, the less people appreciate it.”

    Haltet die Deckung oben, Jungs!

  • 5 Sportwissenschaft // 14. Dez 2010 um 8:35

    In erster Linie fehlen dem deutschen und US-amerikanischen Boxsport die Superstars, die die Massen anziehen. Ein Mike Tyson oder ein Ali waren Typen, die fast Jeden begeistert haben.

    Man kannn es RTL aber nicht verdenken: Wer interessiert sich schon für mittelmässige Talente? RTL hat viel für den deutschen Boxsport getan. Leider haben sie auch versucht, einen Axel Schulz so populär wie Maske hoch zu sterilisieren. Aber er hatte bei weitem sportlich als auch charakteristisch nie das Potential.

    Man kann es mit dem deutschen Tennissport vergleichen. Wenn ein Becker oder eine Graf mit deren Ausstrahlung und sportlichem Können erscheinen, werden die Massen angezogen. Aber wenn keine Talente da sind, können auch keine Superstars künstlich produziert werden.

    Aber das ist ja auch das Gute am Sport (im Gegensatz z.B. zur Musikbranche wie DSDS u.ä.): Es gelten die Gesetze des rein sportlichen Gewinnens, der Bessere siegt.

  • 6 Sascha // 18. Dez 2010 um 1:45

    es stimmt schon was du hier schreibst, die Medien stützen sich imme rnur auf einzelne wenige Personen die promotet werden, andere, kleinere gehen unter. Das ist wirklich schade, gerade da wo Boxsport in Deutschland doch Tradition hat.

  • 7 Das Ende des deutschen Profiboxens | SportSquare // 25. Feb 2011 um 12:14

    [...] Das Ende des deutschen Profiboxens [...]

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