Die Wegwerf-Meister

Sechzehn Punkte.

Diese erstaunliche Summe an Punkten hat der FC Bayern München in dieser Bundesliga-Saison schon weggeworfen. Nach dem 30. Spieltag ging man in 24 Spielen in Führung, siebenmal konnte man den Vorsprung nicht über die Zeit retten, zweimal verlor man nach Führung in der Liga sogar noch.

Eine beachtliche Zahl, die Fragen aufwirft. Warum kann eine Mannschaft mit dieser Klasse, die aufgrund der schnellen Flügelspieler Robben und Ribéry als konterstärkste Mannschaft der Liga gilt, aus einer erarbeiteten Position dann oftmals so wenig machen?

Der offensichtlichste Erklärungsansatz ist die wackelige Abwehr.

Auch gestern hat die Hintermannschaft und Martin Demichelis & Co. mal wieder gezeigt, dass sie immer wieder für Aussetzer gut ist, die Punkte kosten können. Der Ausgleich der Leverkusener wurde von dem eigentlich starken, gestern aber unterdurchschnittlich auftretenden Kapitän Mark van Bommel verschuldet, der zuerst den Ball in der Vorwärtsbewegung verlor und dann in einen Zweikampf nicht hereinkam und den ominösen Freistoß, der dann zu Vidals Treffer führte, herschenkte. Dass es nach Demichelis’ unglaublichem Rückpass nicht sogar eine Niederlage gab, war nur Butts beherzter Rettungsaktion geschuldet.

Holger Badstuber, bei allem Talent und aller Qualität, ist nunmal ein Innenverteidiger und zeigt auf Linksaußen erhebliche Schwächen. Die Alternativen Diego Contento und vor allem David Alaba bieten auch nicht die notwendige Stabilität, um ein dünnes Polster durchzubringen.

Bezeichnend ist, dass die Mannschaft die beste Defensivleistung der Saison beim Auswärtsspiel gegen Schalke zeigte, als man weite Teile des Spiels in Unterzahl verbringen musste. Dort war allen Spielern bewusst, dass Verteidigen die Ansage der Stunde war. Und genau das führt zu dem zweiten Aspekt, den man nunmehr seit 2007 mit sich herumschleppt.

Franck Ribéry.

Der FC Bayern München leistet sich auf den Außenbahnen zwei absolute Offensivjuwele, die erkennbare Nachteile in der Rückwärtsbewegung haben. Hinzu kommt bei dem Franzosen eine deutliche Unlust, längere Zeit in der eigenen Hälfte zu verbringen.

Grundsätzlich ist dies tolerabel, wenn nach vorne genug mit Hand und Fuß passiert, um der gegnerischen Offensive wenig Gelegenheiten zu geben, diese defensiven Löcher aufzureißen. Stichwort Vorwärtsverteidigung. In der Saison 2007/08 beinahe bis zur Perfektion durchexerziert, schaffte doch die schon damals nicht überragend wirkende Abwehrkombination Lell/Lucio/Demichelis, jeder für sich gesehen ein Sicherheitsrisiko, dennoch einen Rekord in Punkto Gegentore.

Hakt es jedoch nach vorne, etwa in der Chancenverwertung, wird es eng.

Dies könnte dann durch Mitarbeit der Offensiven in der Defensive kompensiert werden, wie es etwa Ivica Olic oder auch mit Abstrichen Arjen Robben beweisen. Franck Ribéry dagegen ist für diese Dienste nicht zu gewinnen und wohl auch nur bedingt geeignet.

Umso mehr springt die Wichtigkeit in den Vordergrund, dass auf der linken Außenverteidigerposition ein hochqualifizierter Mann spielt, der der launischen Diva den Rücken freihält. Auch wenn der Markt für diese Art Spieler dünn besetzt ist. Ob dies Edson Braafheid sein kann, der sich gerade bei Celtic von den idiotischen Pfiffen der Stadionkundschaft in München erholt, bleibt fraglich.

Daneben darf man auch nicht eine gewisse geistige Ermüdung im Bayern-Kader erkennen. Die Stammbelegschaft wirkt in weiten Teilen überspielt, angesichts der ständigen Highlights im Mittwoch-Samstag-Mittwoch-Wechsel fällt es so manchem erkennbar schwer, sich im nationalen Kerngeschäft für vermeintliche “Laufkundschaft” Marke Eintracht Frankfurt zu motivieren. Mit bekanntem Ergebnis. Selbst in einem Topspiel gegen Leverkusen zeigte kaum ein Bayern-Spieler die gewohnte Topleistung.
Reizpunkte gibt es im Bayern-Kader wenige, der Stamm ist klein und wird wenig von den zum Teil komplett demontierten Alternativen auf der Bank gefordert.

Die Handlungsnotwendigkeit ist klar, die Aufgabengebiete auch. Für die neue Saison darf es dem FC Bayern nicht genügen, einen sehr guten 1A-Anzug zu haben. Denn dieser kann nur das Optimum herausholen, wenn er genügend Rückhalt der Ersatzleute hat. Fünfzig Spiele bekommt kein Spieler auf gleichbleibendem Niveau auf den Platz. Neben dem notwendigen Linksverteidiger müssen realistische Alternativen her, die den Stamm unter Druck setzen und entlasten können.

Sonst muss man sich auch nächste Saison fragen, warum man so viele Punkte verschenkt, dass man bei optimalem Verlauf schon am 29. Spieltag hätte Meister sein können.

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