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Die deutsche Fankultur am Scheideweg

14. März 2010, 18:56 · 10 Kommentare

Mir persönlich sind viele Fangruppen ja eigentlich suspekt.

Fans, die zehn Minuten vor Abpfiff sich gen Ausgang bewegen, obwohl das Spiel knapp und noch lange nicht entschieden ist.

Fans, die fünf Minuten nach Anpfiff noch immer nicht auf dem Platz sind, weil das Buffet doch sehr lecker oder die Schlange am Bierstand länger als gedacht war.

Fans, die die eigene Mannschaft schon nach fünfzehn Minuten beim Stand von 0-0 auspfeifen.

Fans, denen Choreographien und der eigene Support wichtiger ist als das Spiel. Die neunzig Minuten den immer gleichen Singsang durchziehen.

Fans, die neunzig Minuten am Samstag mit dem Rücken zum Spielfeld auf einem Zaun stehend verbringen.

Doch für alle ist Platz.

Deutschland wird im Ausland für seine Fankultur beneidet.

Anders als in England gibt es hier in den meisten Stadien noch erschwingliche Stehplätze. Die Bewegung der Ultras bekommt von den Vereinsverantwortlichen mehr Raum als auf der Insel zugestanden, Flaggen, Doppelhalter und alle möglichen Transparente gehören hierzulande zum üblichen Stadionbild.

Anders als in Italien gibt es hier in den meisten Stadien aber auch viele Familien, viele Frauen, viele Kinder, die man regelmäßig bei Fußballspielen trifft. Der Bundesliga-Fußball ist keine Sache der testosterongeschwängerten Generation von 18-35, sondern für alle Altersgruppen.

Deutsche Stadien sind im europaweiten Vergleich sicher, sauber, modern - und bieten Platz für ein friedliches Nebeneinander aller verschiedenen Fanphilosophien.

Doch in den letzten Wochen hat sich ein Teil dieser Fußballphilosophien in den Vordergrund gedrängt, und das überhaupt nicht positiv. Durch den unverantwortlichen Einsatz von Pyrotechnik durch Auswärtsfans bei den Spielen Leverkusen - Köln und Bochum - Nürnberg, zum Glück bei ersterem ohne gesundheitliche Konsequenzen. Die Verletzung eines Hoffenheim-Ordners durch einen Gladbacher Fan. Und natürlich durch den gestrigen Platzsturm des Hertha-Anhangs nach der Niederlage im von allen Medien und Fans tagelang zum Abstiegsendspiel aufgejazzten Bundesliga-Duell mit dem 1. FC Nürnberg.

Die Fußballphilosophie des Ultra-Daseins bemüht sich schon seit langem redlich und mit friedlichen Mitteln, ihren Wünschen mehr Raum einzuräumen. Gegen den Kommerz, gegen Fanbeschränkungen, für mehr Einfluss der Ultras. Diese Ziele muss man nicht gut finden, man muss sie nicht unterstützen, aber man muss sie respektieren. Das Erlebnis Stadionbesuch wäre mit Sicherheit für den Krabbensandwich-Fan nicht das gleiche, wenn 69.000 still auf dem Hosenboden säßen und ihre Cola schlürfen.

Doch die Ultras müssen, bei all ihren Bemühungen eines nicht vergessen - das ewige Mantra “Fußballfans sind keine Verbrecher” muss auch von ihrer Seite her mit Leben gefüllt werden. Die Ultras müssen - jederzeit, und nicht nur nach solchen singulären Auswüchsen - zeigen, dass sie über genügend Selbstreinigungskräfte verfügen. Die extremen Elemente müssen von den gemäßigten unter Kontrolle gehalten werden und gegebenenfalls auch entfernt. Hier darf auf keinen Fall der ansich positive Zusammenhalt der Kurve zu einer Omerta führen, hinter der sich eben die verstecken können, die sich eben doch als die Verbrecher darstellen, mit der die treuesten der Treuen gerade nicht in einem Atemzug genannt werden wollen.

Die deutsche Fankultur in ihrer Einzigartigkeit zeichnet sich gerade durch das friedliche Nebeneinander der verschiedenen, zum Teil total konträren Fanphilosophien aus. Damit es so bleibt, muss diese gegenseitige Toleranz von allen Seiten erbracht werden. Und nicht aus einem angeblichen Gefühl der Bedrohung durch immer neue Anstoßzeiten und Versitzplatzung für seine Auffassung zu einer Art Vorwärtsverteidigung von Teilen der Ultras gegriffen werden.

Denn damit erweist man sich und seiner Causa einen absoluten Bärendienst. Die Kurven bringen nicht das Geld. Das Geld bringen die, die teure Sitzplatztickets, teure Logen, teure Fanartikel kaufen. Und wenn die Vereine sich entscheiden müssten, wären die Ultras die Verlierer, auch wenn es nur unverbesserliche Einzeltäter sein sollten, die sich nicht an diese Abmachung halten. Bekommen die Kurven ihrer Extreme nicht in den Griff, gefährden sie die Sicherheit in den Stadien, die Einnahmesituation der Vereine, erzwingen sie eine Entscheidung des deutschen Fußballs, welche Fußballfanphilosophie in den Stadien man präferiert.

Und diese Entscheidung würde nicht positiv für die Ultras ausfallen.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

Bisher 10 Kommentare ↓

  • 1 Johannes // 14. Mrz 2010 um 19:14

    Amen!

    Danke für die klaren und klugen Worte.

    -Ein Fan des 1. FC Nürnberg.

  • 2 Medien-Sport-Politik » Blog Archiv » Selbstreferenzielles: Das Blog-Stöckchen // 14. Mrz 2010 um 22:21

    [...] Fußball-Blog der BBC über die aktuelle sportliche Lage bei den Wolverhampton Wanderers, und die deutsche Fankultur am Scheideweg beim [...]

  • 3 zechbauer // 15. Mrz 2010 um 9:18

    Ich glaube nicht, dass ohne Ultras alles still auf dem Hosenboden sitzen würde.Vor den Ultras war es auch nicht langweilig - ja, vielleicht war die Stimmung eines Blocks noch vielfältiger. Viele singen doch kaum noch mit, da nur die Ultra-Gruppen vorgeben, was gesungen wird. Das Anarchistische fehlt mir irgendwie.

  • 4 Stefan // 15. Mrz 2010 um 13:38

    Sehr guter Artikel, vorallem sehr gut getroffen. Speichere ich in meinem Hirn unter “Argumentenarchiv” ab.

  • 5 nona // 15. Mrz 2010 um 16:55

    Die Ultras, insbesondere die testosterondurchtränkten 18 bis, sagen wir mal, 25jährigen, müssen vor allem auch lernen, den Ball flacher zu halten. Verstehen, dass Fussball tatsächlich nicht alles im Leben ist und auch nicht sein darf, ebensowenig wie der “eigene” Verein und die Unterstützung desselben. Akzeptieren, dass andere Vereine und deren Unterstützer exakt dieselbe Daseinsberechtigung haben wie man selbst. Erkennen, dass “Rivalität” nur dann gut ist, wenn sie mit gegenseitigem Respekt einhergeht, und eben nicht mit Hass. Gerade “Hass” hat sich entlang des in den letzten Jahren stetig gestiegenen Aggressionspotentials im deutschen Fussball zu einem echten Problem entwickelt, das weder Vereine oder Fanprojekte noch die -in der Tat- nötige und wünschenswerte aber viel zu gering ausfallende Selbstreinigung der Fangruppen einzudämmen vermochte. Im Gegenteil, sowohl Vereine/Funktionäre als auch gemässigte Fans schüren diesen Hass mitunter sogar noch - durch wegschauen, durch geschehenlassen, durch Wortwahl, durch mangelndes Eindämmen schon im Keim. Niemand sollte überrascht sein, dass sich Respektlosigkeit und Hass neuerdings sogar gegen den jeweils eigenen Verein und dessen Spieler manifestieren. Nicht dass ich Patentrezepte zur Lösung des Problems hätte, aber es wurde, und wird nach wie vor, zu wenig dagegen getan. Warme Worte in Fernsehmikrofone bringen’s jedenfalls nicht.

  • 6 steffi // 15. Mrz 2010 um 17:41

    Ich schließe mich dem Artikel vorbehaltlos an. Wir überlegen ernsthaft, die DK für die nächste Saison nicht mehr zu kaufen, weil wir das Rumgepöbel einfach satt haben. Es ist eine so mit Aggression durchsetzte Szene, die sich oft gegen die eigenen Fans richtet, daß ich mittlerweile ein mulmiges Gefühl habe, ins Stadion zu gehen. Die Situation beim Spiel VfL Bochum - BVB am letzten Samstag war wieder ein Paradebeispiel dafür. Mit Aussprüchen, die besonders an die Nazi-Ideologie erinnern oder Homosexuelle verunglimpfen, will ich nichts zu tun haben. Ich habe auch nicht mehr die Chance dagegen mit Argumenten anzugehen, es wird einem gleich Prügel angedroht. Ein Hauptproblem sehe ich aber im massiven Alkoholkonsum der pubertären Schwachköpfe. Ich bin mittlerweile leider dafür, im Stadion und im Umkreis von mehreren Kilometern den Alkoholausschank zu verbieten.
    Ein Fußball-Fan des VfL Bochum

  • 7 Frank // 15. Mrz 2010 um 20:46

    @steffi:

    Leider kann ich Dir versichern, dass die Probleme speziell an der Castroper Strasse über die Jahre geringer und kontrollierbarer geworden sind und dass hier eine vergleichsweise wirksame Fan-Arbeit geleistet wird.

    Sämtliche von Dir beklagten Vorkomnisse, Umstände und Verhaltensweisen gibt es mindestens seit dem Bau des Ruhrstadions zu beobachten.
    Jeder langjährige Besucher wird das bestätigen können.

    Das Aggressionsmonopol in den Fussball-Rocker Zeiten hiess “Blue-White-Punk”, dann kamen die Hooligans von “BO-City”, dann kam mit der Tragödie im Brüsseler Heysel Stadion ganz langsam ein Umdenken in Gang und es wurden erste ernsthafte Fanprojekt-technische Massnahmen ergriffen.

    But history repeats.
    Die Fan-Arbeit ist ein nie endender Prozess, in den wir ALLE eingebunden sind.

    Will sagen, dass das nicht nur ein Fankultur-Problem ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Somit geht es uns alle an.

    Leute, die beim Auftreten von Problemen öffentlich mit Rückzug drohen werden nichts bewirken und deshalb auch nicht aufgehalten.

    Wir werden das Feld nicht räumen, denn es ist unser Verein, unser Stadion, unsere Liebe und unsere Verantwortung.

    (Der Artikel ist nicht schlecht.)

    Noch ein Fussball-Fan des VfL Bochum

  • 8 Stefan (Weltsicht Südtribüne) // 18. Mrz 2010 um 12:40

    Schöner Artikel, allerdings würde ich Zechbauers Ergänzung zustimmen und ein Stück weit fehlt mir das heute mit den Ultras auch - diese anarchische, grummelnde, murrende, irgendwo singende, spontan diesen Gesang aufgreifende Kurve, deren Lied Sekunden später in einem gemeinsamen Aufstöhnen oder Jubeln untergeht. Choreographien sind halt doch eher etwas für Cheerleader.

  • 9 sternburg // 20. Mrz 2010 um 12:28

    Ein Stück weit?!

  • 10 Guido // 3. Jan 2011 um 15:30

    Um ehrlich zu sein fehlen mir die Ultras nicht so sehr. Die ein oder andere Choreographie war sehr gelungen, aber kaum spielt die Mannschaft schlecht, würden die immer gleichen Stammtisch Parolen herausgeholt. Scheiß Millionäre und so…

    Es geht auch anderes und zwar sehr gut!

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