Sportjournalismus ist eben doch Lokalpatriotismus

Ruud van Nistelrooij ist ein absoluter Topstürmer. Auch mit seinen nunmehr 33 Lenzen, auch mit seinen diversen Verletzungen in der Vergangenheit. Keine Frage. Damit man Torschützenkönig von Eredivisie, Premier League, La Liga und Champions League wird, muss man über individuelle Klasse verfügen. Und, wie heißt der Spruch so schön:

Form is temporary, class is permanent.

Dennoch muss man eines anmerken. Den Großteil und Höhepunkt seiner Karriere hat van Nistelrooij mit seiner Zeit bei den absoluten Topklubs Manchester United und Real Madrid sicherlich hinter sich. Auf diesem Niveau wird er noch zwei, mit viel Glück auf der gesundheitlichen Seite sogar drei Jahre abliefern können. Und wenn es anders wäre, wäre er nicht zum Hamburger SV gewechselt.

Trotzdem wird der Transfer von (vorwiegend Hamburger) Medien über Gebühr gefeiert, als sei es die Wiederkehr des Messias – was sicher für den HSV stimmt, aber die Ankunft des heiligen Ruud wird auch zuweilen als größter Transfer der Bundesliga proklamiert.

Besonders in einem Artikel beim Hamburger Nachrichtenportal Spiegel Online, im Rausch der zwei spielentscheidenden Tore des Holländers gegen den VfB Stuttgart, entscheidet sich Redakteur Peter Ahrens jegliche Objektivität zugunsten eines Abfeierns des Lokalhelden abzulegen und einen Beitrag zu liefern, der nur als Honig für die von Ergebniskrise und Verletzungsmisere geplagten HSV-Seelen zu gebrauchen ist.

Die Liga hat mittlerweile viele Stars: Ribéry, Robben, sogar so ein Verein wie Hannover 96 kann sich einen Edelangreifer wie den Spanien-Profi Koné erlauben. Aber Ruud van Nistelrooy steht noch eine Stufe darüber. Er ist der einzige Weltstar der Bundesliga.

Erstens:

Von welchem Nektar hat Herr Ahrens getrunken, Arouna Koné in einem Atemzug mit Franck Ribéry und Arjen Robben zu nennen? Vielleicht hat er ihn mit dem anderen ivorischem Stürmer verwechselt, der allerdings weiterhin in der Premier League spielt.

Zweitens:

Weltstar? Einziger? Nein, van Nistelrooij steht nicht eine Stufe über Ribéry und Robben. Das wird nicht nur aufgrund des Alters deutlich. Ruud van Nistelrooijs Karriere ist so gut wie vorbei, die der Flügelstürmer von Bayern fängt gerade erst richtig an und endet wohl nicht beim FCB aus München. Der Stürmer des HSV mag – aufgrund seiner vergangenen Leistungen – den größeren Namen haben. Leistungsmäßig ist diese Einordnung aber keinenfalls zu rechtfertigen.
Dies zeigt auch sein zeitweiser Rücktritt aus der höllandischen Nationalmannschaft anno 2008, den er damit begründete, dass er unter der Doppelbelastung keine Topleistungen mehr bringen könne.

Zwar mag der Transfer von van Nistelrooij, wie von vielen (Hamburger) Medien richtig erwähnt, eine Zeitenwende darstellen. Aber dieser signalisiert nicht – wie bei Robben und Ribéry – dass absolute Weltklasse auf oder vor dem Höhepunkt ihres Schaffens in die Bundesliga wechselt. Der Transfer des holländischen Topstürmers zeigt vielmehr, dass auch Mannschaften abseits der Bayern gehobene Klasse aus dem Ausland verpflichten können und für diese attraktiv erscheinen. Darüber kann sich der Fan trotzdem freuen, und auch in der bajuwarischen Anhängerschaft goutierte man diesen Wechsel, fordert man doch hier schon häufig mehr Risiko und Qualität bei der nationalen Konkurrenz, um den Stellenwert der Bundesliga insgesamt zu erhöhen. Den Transfer sollte man nicht kleinschreiben in seiner Wichtigkeit, besonders für den HSV, und erfährt somit ein entsprechendes Echo in der Medienstadt Hamburg.

Früher ging es – zumeist aus finanziellen Gründen – für sehr gute Spieler eher ins englische oder spanische Mittelfeld der Liga, Aston Villa, Everton oder Atletico konnten deutsche Meisterschaftskandidaten wie Werder Bremen und eben den HSV um begehrte Spieler ausstechen.

Diese Zeiten mögen nun tatsächlich, aufgrund der veränderten Steuer- und Finanzsituation, vorbei sein. Dies signalisiert der Transfer von Ruud van Nistelrooij zum HSV. Aber van Nistelrooij ist kein Robben und schon gar kein Ribéry. Ruud van Nistelrooij ist schon gar nicht eine Klasse über diesen. Ruud van Nistelrooij ist eine Klasse unter diesen, zusammen mit hervorragenden Spielern wie Mark van Bommel, Jefferson Farfan oder Claudio Pizarro. Zuweilen Weltklasse, aber eben in der Spitze nicht mehr konstant genug.
Insofern war der Transfer von Rafael van der Vaart zum HSV eher der Kategorie Ribéry und Robben zuzuordnen.

Und an dieser Einordnung ändert sich auch nichts, sollte “Van the Man” am 24. Spieltag die Bayern mit vier Toren von der Tabellenspitze schießen.

Diese Episode zeigt leider erneut, dass im Sportjournalismus zuweilen der Lokalpatriotismus die objektiven Sinne vernebelt, ja vernebeln muss – weil die Leserschaft gerade dieses “Abfeiern” lesen möchte. Der Sportjournalismus gefangen zwischen seriösem, objektiven Journalismus und emotionaler Begleitberichterstattung der Events.

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