Kleine Kinder zündeln gern, große noch viel lieber

Nach der Niederlage gegen Bordeaux hat er nichts gesagt. Nach dem Heimremis gegen Schalke auch nicht. Aber wenn es darum geht, den Vizekapitän und den Trainer öffentlich zurechtzuweisen, greift Uli Hoeneß gerne mal zum Mittel des öffentlichen Statements.

Und er kann es einfach nicht lassen, auch – oder besonders? – nicht so kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten des FC Bayern.

Oftmals wird angeführt, der Fan wolle Erklärungen für schlechte Leistungen des Teams, daher habe er ein Recht darauf, dass sich auch die Vereinsführung nach unangenehmen Spielen den TV-Kameras stellt und ein, zwei Sätzlein in die Mikros lässt. Was die Sender dabei meinen, sind natürlich emotionale Rundumschläge, Aussagen, die man ein paar Tage später womöglich wieder bereut. Man erinnere sich nur an die unzähligen Schiedsrichter-Schelten von eben jenem Uli Hoeneß.

Umso kritischer wird es dann, wenn mit dem Abstand von fast zwei Wochen zum letzten Pflichtspiel ein Kluboffizieller von diesem Format in einem Interview mit der Zeitung mit den großen Buchstaben Trainer Louis van Gaal anzählt. Er müsse lernen, dass der FC Bayern nicht nur von einem alleine geführt werden könne. Arjen Robben sei doch bereit, 4-4-2 zu spielen. Er wisse nicht, ob der Trainer oder Luca Toni im Sommer noch in München weilen würden.
Der Boulevard freut sich, die Trainerdiskussion beim Rekordmeister ist voll entbrannt, der kauzige, sowieso bei manchen Medien nicht allzu beliebte Holländer steht zur Disposition. Nun auch hochoffiziell, mit Hoeneß’ Placet.

Nachdem Philipp Lahm für sein angeblich vereinsschädigendes Interview mit der Süddeutschen Zeitung intern und öffentlich ins Achtung gestellt wurde, nun also der Trainer. Und zwar nicht in Form eines unbedachten Nebensatzes, nein, in einem kalkulierten Interview. Was Lahm kann, kann also Hoeneß schon lange. Dabei sind die Voraussetzungen ganz anders.

Philipp Lahm führte wichtige und richtige Punkte an, was beim großen FCB so alles schief lief, schief läuft und noch schief laufen wird – wenn sich nichts ändert. Und intern wurden seine Bedenken offenbar nicht gehört oder ignoriert. Denn die neuen Aussagen zum Trainer zeigen erneut, wie Recht Lahm doch hat. Lahms Hauptkritikpunkt war, dass der FCB keine Spielkultur, keine Idee, kein Konzept habe, weil die Einkaufspolitik keine klare Linie aufweise und Versatzstückhaft gute Spieler ohne Rücksicht auf ein Spielsystem verpflichtet würden.
Hoeneß erste Antwort vor gut einer Woche? Was bilde sich Lahm ein, er habe vollkommen unrecht, das sei alles nur eine Aktion von Lahms Berater Roman Grill, der das Profil seines Klienten schärfen oder gar einen Job bei den Bayern haben wolle.
Hoeneß zweite Antwort, im neuerlichen Interview? Beim FC Bayern haben mehrere zu entscheiden (heißt: das heilige Triumvirat, vulgo: die Drei von der Geschäftsstelle), nicht der Trainer, man solle doch gefälligst 4-4-2 spielen, damit die Fehlplanung im Sturm und Mittelfeld nicht so offensichtlich wird, und wenn alle Stricke reißen ist sowieso nur der Trainer schuld, der dem armen Luca Toni so ans Bein tritt.

Noch deutlicher hätte Uli Hoeneß nicht demonstrieren können, wie Recht doch Lahm mit seiner Kritik hat. Und wie wichtig diese war, auch öffentlich, auch gegen die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen verstoßend. Denn die Kritikfähigkeit des Vorstands beschränkt sich weiterhin auf ein absolutes Minimum.

Über die Motivation hinter diesen öffentlichen Äußerungen zur Unzeit, erneut – wie bei dem Lahm-Interview, was Hoeneß ja kritisierte – vor einem wichtigen Heimspiel gegen eine Mannschaft, die vor einem in der Tabelle steht, kann man nur spekulieren.

Will er den sowieso schon hohen Druck auf van Gaal und die Mannschaft erhöhen? Wohl kaum. Die Stimmung im Umfeld ist sowieso mies, helfen wird das Interview nicht.

Da ist es schon weitaus wahrscheinlicher, dass der Noch-Manager die Wut über eine bisher total missratene Saison kanalisieren will. Weg vom Vorstand, hin auf den Trainer.
Wenige Tage vor der Mitgliederversammlung, bei der er – natürlich mit allem berechtigten Dank für seine Leistungen in den vielen Amtsjahren – auf den Sitz des Vereinspräsidenten gewählt werden soll und auch wird, scheint in Uli Hoeneß die Angst aufzusteigen, dass diese Feierstunde durch unzufriedene Fans zu einer Generalabrechnung mit der negativen Entwicklung seit dem CL-Sieg im Jahr 2001 wird. Die Fehleinkäufe Julio dos Santos, Jan Schlaudraff, Roque Santa Cruz, Jose Sosa, Breno. Das arrogante Unterschätzen des Abgangs von Michael Ballack, der in der Konsequenz das erstmalige Verpassen der Champions League seit langer Zeit zur Folge hatte. Die geradezu als Schockstarre zu bezeichnende Reaktion auf das Karriereende von Willy Sagnol, das bis heute nicht kompensiert wurde.
Das blinde Festhalten an Michael Rensing, ohne diesen zuvor in ruhigeren Gewässern aufzubauen. Der totale Fehlgriff Jürgen Klinsmann, gepaart mit einer Verweigerung gegenüber Neuverpflichtungen.

Dem allen steht der Übertransfer von Franck Ribéry gegenüber, auch der überraschende Blitztransfer von Arjen Robben wird goutiert. Die Nachwuchsförderung ist im großen und ganzen auf hohem Niveau angelangt. Ein Stadion hat man auch gebaut, finanziell steht man top da.

Überlagert wird das alles von einer sportlich lang nicht gekannter Schwäche. Nie zuvor sahen sich die ewigen Konkurrenten so dem rettenden Ufer nahe. Bayern wirkt auf einmal nicht mehr übermenschlich, sehr wohl schlagbar, eher graue Maus als bestia negra.

Zu verantworten hat dies alles der Vorstand, der keine Konstanz in der sportlichen Führung geschaffen hat. Der für eine hohe Fluktuation auf dem Trainerposten gesorgt hat. Der sich seit dem Ballack-Abgang immer mal wieder ein Jahr auf dem Transfermarkt ausruht, ja beinahe gar totalverweigert.
Die FAZ nannte das Konzept, das hinter den Transfers des FCB steckt, “Best of Bundesliga”. Als der Vorstand einsah, dass dies zwar national, aber international nicht mehr fruchtete, griff man zu wenigen internationalen Diamanten Marke Ribéry, die dann mit nationalen Kieseln aufgefüllt wurden. Im Ergebnis hatte man immer noch keine klare Spielanlage und war im Gegensatz zu früher weitaus mehr von den wenigen Topspielern, von Einzelkönnern abhängig.

Diese berechtigte Kritik will Hoeneß vielleicht nicht hören, schon gar nicht bei seiner anstehenden Krönung. Dabei ist dieses aktuelle Interview weitaus vereinsschädigender als jenes des Vizekapitäns. Weil es zeigt, wie wenig man bereit ist, die Fehler der letzten Jahre einzugestehen. Weil man an einem der wichtigsten Transfers zündelt, die man in den letzten zehn Jahren geleistet hat. Den des Trainers.

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