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Offenbarungseid oder erwarteter Stotterstart?

24. August 2009, 12:17 · 5 Kommentare

Ein Punkt in Hoffenheim. In Ordnung. Da muss man nicht gewinnen, da sind schon andere unter die Räder gekommen. Daheim gegen Bremen, wieder nur ein Punkt. Nun gut, letzte Saison setzte es eine 2-5 Klatsche. Aber wirklich stark präsentierte sich Werder im letzten Spiel ohne Rückkehrer Pizarro dann auch nicht. Aber ein 1-2 in Mainz? Eine Niederlage beim Aufsteiger war sicher nicht im Plan des FC Bayern enthalten. Der Fehlstart ist da, fünf Punkte Rückstand auf die Spitzengruppe nach drei Spieltagen, nächsten Samstag steht mit dem Deutschen Meister Wolfsburg ein harte Brocken vor der Tür, wo ein Nuller auch sehr gut im Bereich des Möglichen liegt.
Im Pokal zwar gegen Neckarelz gewonnen, aber nicht ganz so souverän, wie man es erwarten hätte können.

Die Frage, die sich nun stellt: Ist der Auftritt des FCB in den ersten vier Pflichtspielen der Saison schon der Offenbarungseid der Mannschaft oder doch nur der erwartete Stotterstart nach einer miserabel geplanten Vorbereitung und Umstellungsschwierigkeiten nach dem Trainer- und Konzeptwechsel?

Spurenelemente des Fortschritts waren erkennbar. Gegen Neckarelz, gegen Hoffenheim. Auch ohne Ribéry verfielen die Bayern vereinzelt in eine neu entdeckte Spielfreude, ein Kombinationsspiel, was man in dieser Qualität selten gesehen hat, wenn nicht der kleine Franzose mal wieder einen Gedankenblitz hatte. Bestes Beispiel das 1-0 gegen Hoffenheim, das nur aufgrund individueller Laufbereitschaft und der richtigen Laufwege gefallen ist. Das hatte Hand und Fuß und ließ für die Saison Raum für Hoffnung, dass van Gaal der Mannschaft ein Spielsystem an die Hand geben könnte, mit dem man weniger von der derzeit fragilen Diva abhängig sein könnte.

Doch keine zwei Spiele hat es gebraucht, diese Hoffnung wieder zu zerstören. Schon gegen Bremen schaffte man es ohne den Franzosen nicht, auch nur ansatzweise ein strukturiertes Angriffsspiel aufzuziehen, gegen Mainz folgte dann die nochmalige Steigerung, die in einem Standfußball in der ersten Hälfte gipfelte, der sage und schreibe einen einzigen Torschuss vor der Pause zur Folge hatte.

Die Mannschaft vermisst jedwege Laufbereitschaft, was natürlich unweigerlich die Frage nach einem Einstellungsproblem aufwirft. Warum schaut schon wieder in der Offensive auf den Nebenmann, anstatt selbst die Initiative zu ergreifen? Fehlt nach der mit unglaublich vielen sinnlosen Freundschaftsspielen durchsetzten Vorbereitung die Kondition bei den Spielern? Angesichts der Schlussspurts, die man in allen bisherigen Pflichtspielen eingelegt hat, glaubt man kaum, dass dies die wirkliche Wurzel des Übels sei.

Vielmehr muss man zwangsläufig zu der Überlegung kommen, ob das vorhandene Personal mal wieder nicht in der Lage ist, das erwünschte Spielsystem des Trainers von heute auf morgen umzusetzen. Jürgen Klinsmann kann ein Lied davon singen, dessen erträumter High Speed One Touch Fußball auch an der technischen Unzulänglichkeit so mancher Spieler scheiterte.
Nun hat man den Eindruck, dass Spielern wie Schweinsteiger, Tymoshchuk, Sosa oder Altintop die Übersicht fehlt, das Spiel zu lesen und gefährliche Offensivsituationen zu erkennen, im Ansatz freie Räume zu schaffen und diese zu nutzen. Es ist ständig das selbe Stückwerk, die selben Einzelaktionen.

Bastian Schweinsteiger etwa zieht regelmäßig bei Ballbesitz kurz in die Mitte des Spielfeldes, um dann, wenn dort der Weg zum Tor versperrt ist, sofort den Rückwärtsgang einzulegen und den Sicherheitspass zum Sechser zu wählen. Raumgewinn: Null.
Jose Sosa dagegen liebt den Doppelpass, läuft aber, statt in den freien Raum, zumeist in die Doppeldeckung des Gegners, weshalb dessen Mitspieler häufig dann doch den Sicherheitspass nach hinten wählt.
Hamit Altintop ist ein Antreiber mit der Pferdelunge, verfügt über enorme physische Präsenz - aber genauso wenig über strategische Übersicht oder Ideen. Die Seite runter laufen und auf den Pass hoffen. Das war’s.
Anatoly Tymoshchuk ist nach jetzigem Stand die Enttäuschung der Saison. Er bringt weder die erhoffte Präsenz im defensiven Mittelfeld noch Impulse nach vorne, seine Verunsicherung ist ihm in jedem Sicherheitspass anzumerken.

Allen Mittelfeldspielern des FC Bayern - außer Franck Ribéry - ist eines gemein: Sie sind in eins gegen eins Situationen nicht in der Lage, den Gegner im Dribbling auszuschalten.

Die Situation erinnert frappierend an die letzten Jahre - mit Ausnahme der Saison 2007/08. Dem Kader fehlt eine breite Spitze, es ist weit und breit kein Spieler, der ein Fehlen des französischen Superstars auch nur ansatzweise auffangen kann. Allein die Hoffnung nur auf die Rückkehr von Ribéry geht auch in die falsche Richtung. Denn was dabei heraus kommt, wenn die ganze Mannschaft nur auf die individuelle Klasse der Nummer Sieben hofft, hat man letzte Saison leidvoll mitansehen müssen. Den Gegnern fällt es leicht, sich auf eine solch ausrechenbare Mannschaft einzustellen.

Es erscheint angesichts der Transferaktivitäten im Sommer wie Hohn, wenn Uli Hoeneß kurz nach Ende der vergangenen Saison noch ankündigte, man wolle Ribéry nicht abgeben, sondern vielmehr ihm einen weiteren Kreativen an die Seite stellen. Dann bemühte man sich angeblich kurz um Diego, dies geschah aber viel zu spät und war auch letztendlich nicht von Erfolg geprägt.
Die Optionen Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart, letzterer zwar nicht als klassicher Zehner veranlagt, lässt man trotz unbestrittener Klasse beinahe fahrlässig unbeachtet.
Statt dessen jagt man mit Ze Roberto eine weitere Kreativkraft vom Hof, auch die Option Brechstange in persona Lucio ist nicht mehr im Kader. Statt dessen: Danijel Pranjic, der erkennbare Qualitäten hat, aber noch Zeit braucht und vor allem ein Spiel nicht alleine prägen kann, sondern einen Nebenmann braucht, der auf seine Vorstöße eingeht und ihm Platz schafft. Bezeichnend, dass er sein bestes Spiel in Hoffenheim zeigte, als er auf der Linksverteidigerposition spielte und dadurch bei all seinen Offensivaktionen schon qua Position mehr Platz vom Gegner eingeräumt bekam.

Im Tor hofft man weiter darauf, dass es Michael Rensing vielleicht doch packt. Dabei hat man vor Jahren verpasst, ihm schon frühzeitig Spielpraxis auf hohem Niveau zu verschaffen. Er wurde nicht verliehen, er bekam hauptsächlich Einsätze in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Dass das einem Torwart nicht gut tut - unabhängig von der Klasse - ist leider vorhersehbar gewesen. Jedoch muss man nun so langsam auch zu dem Schluss kommen, dass es auch von der Klasse bei Rensing nicht für ganz oben langt. Falsche Entscheidungen im Strafraumspiel, unerklärliche, regelmäßige Aussetzer bei ungefährlich erscheinenden Schüssen lassen sich nicht mehr mit mangelnder Spielpraxis erklären.
Man kann nicht mehr wirklich gute Argumente für das Gegenteil finden - Michael Rensing hat nicht das Zeug für Bayern. Dieser Realität muss man sich nun so langsam auch bei der Bayern-Führung stellen, und zwar nicht in der Form, auf einen Wechsel von Manuel Neuer in den nächsten ein, zwei Jahren zu hoffen. Hier besteht akuter Handlungsbedarf, eine weitere Saison mit Rensing als Nr. 1 gleicht einem Himmelfahrtskommando.

Die weitere, von Bayern erkannte Schwachstelle, ist die Position des Rechtsverteidigers. Natürlich kann Lahm dort spielen, nur dann heißt der Mann auf Links Pranjic oder - schlimmer - Braafheid, der die nötige Bissigkeit vermissen lässt. Also haben Hoeneß & Co. sich auf eine Verstärkung eingeschossen - Jose Bosingwa von Chelsea. Doch der ist nach jetzigem Stand nicht auf dem Markt. Doch anstatt nun eine weitere Option zu erwägen, kommt nur ein trotziges “Bosingwa oder gar keinen”. Wie schon im Tor belässt man es lieber bei dem zuvor als zu leicht gewogenen, vorhandenen Personal, nur weil man die 1A-Lösung nicht bekommt. Doch, wie schon im Vorjahr, als man Gennaro Gattuso nicht bekam und die erkannte Schwachstelle auf der Sechs überhaupt nicht neu besetzte und dies erst nun ein Jahr später mit Tymoshchuk nachholte, heißt die Antwort auf die geplatzten Transfers von Neuer und Bosingwa nicht Enke und Srna, sondern ein einfaches weiter so mit Rensing und Görlitz.

Die neuen Bayern unter van Gaal brauchen Zeit, um die taktischen Vorgaben, seine Idee des Fußballs umzusetzen. Gerade bei der schwierigen Vorbereitung ist das nicht einfach und man musste mit dem ein oder anderen Rückschlag rechnen. Doch durch individuelle Mängel in Tor, Abwehr und Offensive verringert sich der Ertrag aus diesem Stotterstart noch zusätzlich. Greift Rensing nicht gegen Mainz danegen, gibt’s vielleicht einen Punkt. Kommt aus dem Mittelfeld mal auch von anderen Spielern als Ribéry ein intelligenter Impuls nach vorne, gewinnt man vielleicht sogar noch gegen Bremen.
Aber das vorhandene Personal macht es Louis van Gaal nicht leicht, in dieser Umstrukturierungsphase den notwendigen Ertrag einzufahren, der dem Trainer die notwendige Zeit für die Automatismen verschafft.

In wenigen Tagen schließt das Transferfenster. Der Bayern-Vorstand muss sich fragen, ob er wieder eine Zittersaison wie im letzten Jahr haben möchte, an deren Ende mit etwas Pech auch ohne weiteres die Europa League stehen könnte. Und das nur, weil man die notwendigen Transfers im Tor, auf der Zwei und im offensiven Mittelfeld mal wieder trotzig auf das nächste Jahr verschiebt, weil man die Wunschtransfers nicht bekam.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

Bisher 5 Kommentare ↓

  • 1 Frank // 24. Aug 2009 um 16:01

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen - respekt!

    Auf für mich ist unverständlich warum man auf gerade den Positionen mit dem größten Zündstoff und dem in der letzten Saison offensichtlichten Bedarf (Tor und Defensive) am wenigsten Aktivität gezeigt hat. Ok, dass Tymo bisher ein dermaßen großer Reinfall ist, konnte wohl keiner vorhersehen, aber in der 4er-Kette sind die Probleme bekannt. Lucio abzugeben hätte meiner Meinung nach nur passieren dürfen wenn man mindestens einen gleichwertigen oder besseren Ersatz holen kann. Micho und vBuyten haben ja bereits im letzten Jahr deutliche Schwächen gezeigt.

    Bleibt abzuwarten ob man jetzt noch in der Lage ist entsprechend zu handeln, ansonsten wird zumindest die Hinrunde, wenn nicht gleich die ganze Saison wohl ein ordentliches Problem. Da braucht man von Meisterschaft und CL-Halbfinale am besten überhaupt nicht mehr sprechen.

  • 2 Georg Krüger // 24. Aug 2009 um 16:08

    sehr guter artikel.- danke dafür. kann ich so unterschreiben.

    ich würde dennoch auch dem trainer ein wenig mit in die pflicht nehmen.

    ribery trainieren zu lassen obwohl er spielen könnte ist in dieser situation grob fahrlässig.

    auch die sturen umprofilierungsversuche von spielern sind mir schleierhaft…warum muss ribery aufeinmal ein 10er sein. warum setzt er lahm nicht auf links, wenn man weiß dass er dort unangefochten einer der besten der welt ist.

    alles fragen, die zu dem was du geschildert hast hinzukommen…

    ich hoffe das es besser wird…

  • 3 bunki // 24. Aug 2009 um 16:43

    Austch, der tat weh. Finger sehr schön in die Wunde gelegt.

  • 4 Ballpod München, Runde 2 - rasenschach magazin // 26. Aug 2009 um 19:37

    [...] und meine Wenigkeit (rasenschach.eu). Im Laufe des Abend sprechen wir mit Reality Check (sportmedienblog) über die Probleme des FC Bayern München. Danach folgte nedfuller zur aktuellen Situation beim [...]

  • 5 Stadtneurotiker // 27. Aug 2009 um 12:58

    Eine wirklich schmer’zhafte Analyse, der wnig hinzuzufügen ist.

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