Mark van Bommel. Immer wieder van Bommel. Es ist ermüdend, aber auch leider vorausschaubar, dass der niederländische Kapitän des FC Bayern immer wieder im Zentrum der Berichterstattung, der Kritik steht. So auch nach dem Topspiel des Wochenendes bei der TSG Hoffenheim.
Mark van Bommel wird von der Mehrheit der Öffentlichket inzwischen nicht mehr als Fußballer wahrgenommen, sondern nur noch als der berühmt-berüchtigte Aggressivleader des FCB, der Mittelfeld-Pitbull, die Grätschmaschine, das Rauhbein. Unwidersprochen können Sportjournalisten, wie etwa beim sonntäglichen DSF Doppelpass geschehen, den holländischen Nationalspieler als schlechten Fußballspieler, der nur noch treten könne, bezeichnen. Fehlt eigentlich nur noch der Vorwurf, dass er einzig aufgrund seiner Nationalität noch bei Louis van Gaal und aufgrund seiner persönlichen Beziehung bei Bert van Marwijk spiele.
Doch vollkommen unabhängig davon, ob diese Kritik in jedem Einzelfall oder in dieser Massivität berechtigt ist, stellt sich immer mehr die Frage, ob sich der FC Bayern diesen Spieler wirklich noch lange leisten kann. Denn immer mehr und immer wieder wird der Kapitän zur belastenden Hypothek für den Rekordmeister.
Mark van Bommel ist nun seit dem Sommer 2006 bei den Bayern angestellt. Nach einem erfolglosen Transfersommer, in dem man Michael Ballack ablösefrei ziehen lassen musste und die Lücke des damals besten deutschen Fußballers intern mit solch Krachern wie Roque Santa Cruz schließen wollte, stellte der kurzfristig von der Bank des CL-Siegers Barcelona geholte Holländer tatsächlich im Mittelfeld den Einäugigen unter den Blinden dar. Er verursachte damals einen Qualitätssprung im leblosen Mittelfeld, konnte den Absturz des von Felix Magath trainierten Double-Siegers aus den CL-Fleischtopf-Plätzen aber auch nicht verhindern. Am Ende der Saison wurde van Bommel von den Bayern-Fans zum Spieler der Saison gewählt. Und an diesem Status hat sich seitdem nur wenig geändert. Der Kapitän stellt weiterhin einen der bei den eigenen Fans beliebtesten Spieler dar. Er ist in einer Mannschaft, die in den letzten drei Jahren in großen Teilen ausgetauscht wurde, eine der wenigen Konstanten. Einzig seine zwei Stellvertreter im Kapitänsamt, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, spielen konstant seit 2006 eine vergleichbare Rolle.
Außerdem ist dieses Phänomen oft bei dieser Art Spieler anzutreffen. Solange man Spieler der Marke van Bommel, Roy Keane, Tobias Weis oder David Jarolim in seiner Mannschaft hat, freuen sich Mitspieler und Fans über deren Einsatzwillen, deren spektakuläre Grätschen, manchmal auch über deren Aussetzer. Solche Spieler polarisieren.
Zum Problem, und damit auch zur Hypothek seiner Mannschaft, wird ein solcher Spieler erst, wenn er nur noch als Enforcer wahrgenommen, über seine manchmal negativen Eigenschaften definiert wird. So ist es etwa bei genanntem David Jarolim, dem das Etikett Schwalbenkönig genauso anhaftet wie van Bommel das des Aggressivleaders. Schuld daran ist zuallererst natürlich der Spieler selbst. Ohne seine - ob bewussten oder unbewussten - Grenzübertretungen haben auch die Medien nichts, über dass sie berichten können. Mark van Bommel sammelte in seiner Bundesligakarriere in bisher 86 Spielen 28 Gelbe und drei Gelb-Rote Karten.
Niemand zwingt ihn dazu, einen Isaac Vorsah beim Eckball mit Karacho auflaufen zu lassen.
Durch seine erstaunlicherweise oftmals zu Saisonbeginn auftretenden Aussetzer - auch in der letzten Saison hatte er seinen großen Auftritt gleich im zweiten Saisonspiel bei Borussia Dortmund - bringt sich Mark van Bommel immer mehr mit den falschen Schlagzeilen ins Gespräch. Niemand spricht mehr über seine tollen, präzisen Grätschen gegen Hoffenheim, wenn die nicht sogar auch im Rahmen einer Generalabrechnung als brutales Einsteigen gewertet werden. Nur Rempler hier, Blutgrätsche da.
Der Bayern-Kapitän hat einen Status erreicht, der für den FC Bayern zum Problem werden kann. Auch wenn er am Samstag nicht von einem Platzverweis bedroht war, geht er doch beinahe mit einer imaginären Gelben Karte vorbelastet in die Spiele. Schiedsrichter sind auch nur Menschen, Schiedsrichter kennen ihrer Pappenheimer. Schiedsrichter kennen auch van Bommel, den Aggressivleader.
Und so ist nun der Zeitpunkt gekommen, da der FC Bayern abwägen sollte. Zwischen dem Sicherheitsrisiko, der Hypothek van Bommel, der trotz aller spielerischen, mannschaftsinternen Qualität bei den Spielleitern keinen Bonus mehr hat und dadurch immer unter der Gefahr des Platzverweises spielt und im besten Falle noch nur eine Auswechslung erzwingt, mit angezogener Handbremse spielt auf der einen Seite und der verlässlicheren Lösung Anatoly Tymoshchuk, der diesen Ruf (noch?) nicht hat und aufgrund seines Alters auch eher eine Option für die mittelfristige Zukunft ist als der Holländer im Herbst seiner Karriere.
Louis van Gaal hat sich vorerst für dieses Risiko entschieden und sogar ihn als Kapitän bestätigt, ohne nun zu wissen, inwieweit van Bommels Ruf in Deutschland ihm bekannt war und in die Entscheidungsfindung eingeflossen ist. Nun erhält der Ukrainer aber durch die Verletzung der Nummer 17 die Chance, dem Trainer zu zeigen, dass er die sportliche Qualität auf der Sechs bringen kann, ohne die schwierige Belastung des schlechten Rufs des Aggressivleaders.
Es kann eigentlich für die Zukunft nur zwei Optionen geben. Entweder reduziert van Bommel diese Aussetzer auf ein Minimum und tut etwas für sein Ansehen bei Schiedsrichtern und Öffentlichkeit, oder die Nummer Eins auf der Sechs ist die Nummer 44.

Bisher 9 Kommentare ↓
1 Stefan // 10. Aug 2009 um 15:12
ich sehe van Bommel nicht als Hypothek des FC Bayern.
Er ist ein grundsolider Abräumer vor der Abwehr.
Selbst wenn er einmal vom Platz gestellt wird, steht Tymoshchuk bereit.
In sofern sehe ich da kein Problem.
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http://twitter.com/stelten
2 zechbauer // 10. Aug 2009 um 15:49
Ich nenn’ mal zwei Namen: Augenthaler und Brehme, beide keine ausgewiesenen Techniker, keine Ballakrobaten, aber Typen - hart und konsequent.
Der Fußball braucht solche Typen - sie gehören zu diesem Sport. Der Grenzbereich zwischen Unfairnis oder übertriebener Härte und dem, was gerade noch duldbar ist, ist je nach Blickwinkel sicher auch Auslegungssache. Aber gerade die Personalie van Bommel scheint mir eine mediale Stigmatisierung zu sein, die nicht nur diesem Spielertypus schadet, sondern auch dem Fußball. Ich will nicht eine Fußballwelt voller Heulsusen oder Fallsüchtiger, ich mag gesunde Härte auf dem Platz. Wer Spieler wie Mark van Bommel verteufelt und dadurch früher oder später “kastriert”, der verändert den Fußball - nicht zum Positiven, wie ich finde.
Einerseits beklagen wir, dass in Deutschland zu streng gepfiffen wird und die gesunde englische Härte hierzulande verschwindet - andererseits echauffiert man sich über einen Mark van Bommel, der eben diesen Typus darstellt. Beschissene Doppelmoral, für meinen Geschmack.
Diese Verlieblichung des Fußballs nimmt dem Sport was ihn eigentlich auch immer ausgezeichnet hat. Stadien in denen keiner mehr schimpfen darf, die Zigaretten und das alkoholgeschwängerte Bier bleiben draußen, Stehplätze adé usw. undsofort.
Bei allem Risiko, das solche Spieler wie die gegannten eingehen, an Typen wie Brehme und Augenthaler erinnern wir uns heute noch.
3 RealityCheck // 10. Aug 2009 um 16:09
Ich bin ja hin- und hergerissen. Ich mag van Bommel, sowohl vom Charakter (in weiten Teilen), als auch von der Spielweise. Aber ich mochte auch Roy Keane.
Nicht von der Hand zu weisen ist aber, dass der FCB immer mal wieder Gefahr läuft, ein Spiel nicht mit elf Mann zu beenden. Dass van Bommel, weil er früh Gelb sieht, nicht so, wie erwill und muss, in die Zweikämpfe gehen kann.
Und zwar all das, weil er einen Ruf hat, der bei manchem Schiedsrichter dazu führen kann, dass er weniger Kredit hat, dass er für ein Weniger an Foul doch schon die Gelbe sieht.
4 sunny2k1 // 10. Aug 2009 um 16:31
Viel problematischer sehe ich Spielertypen wie Fenin (ja auch als Eintracht-Fan
), Diego, Marin oder Özil, die bereits beim geringsten Kontakt umfallen und lamentieren. Ich habe am Samstag, das Spiel BRE-FRA gesehen und muss schon sagen, dass auf beiden Seite relativ früh gefallen wurde.
Die machen den Fußball eher kaputt, weil durch (bewusstes) Täuschen Spiele entschieden werden. Dieser Spielertyp, der in Deutschland besonders ausgeprägt ist (auch weil die Schiedsrichter nahezu alles abpfeifen), sind u.a. ein Grund wieso Deutsche Vereine international kaum ein Boden auf die Füße bekommen.
Sicher gibt es in der Bundesliga auch Hitzköpfe (z.B. van Bommel), die auf der anderen Seite ein extrem bilden. Problem könnte sein, dass solche Aktionen (wie z.B. v.B. Rempler) in DEutschland eine andere Wirkung haben als in England oder Spanien.
Da muss - sowohl bei den Spielern als auch bei den Schiedsrichter - ein Umdenken einsetzen. Das bedeutet nicht, dass man erst gelb sieht, wenn man ein Gegenspieler nicht mehr laufen kann, aber prinzipiell plädiere ich für weniger “deutsche” Korrektheit um das Spiel attraktiver zu machen und dem Spiel mehr Tempo zu geben (z.B. wie Kempter gestern in Bochum).
Mir kommt der Deutsche Fußball oft dem Hallenhalma gleich, wo es bereits bei der Kleinsten Berührung durch Theatralik und Schauspielerei ein Rudel entsteht. Manchmal wünsche ich mir, dass hier englische Verhältnisse herrschen (auch bei den Fans), wenn statt dem Lamentieren bei Schwalben auch die eigenen Fans den Spieler auspfeifen.
Zudem spielen sich viele deutsche Schiedsrichter zu sehr in den Vordergrund.
5 zechbauer // 10. Aug 2009 um 22:29
Das wär mal was: Pfiffe für den eigenen Spieler bei Schwalben oder gekünzeltem Umfallen. Dann würden wir in Sachen Fußball vielleicht noch zum “besseren England”
6 links for 2009-08-11 | Du Gehst Niemals Allein // 11. Aug 2009 um 14:05
[...] Hypothek van Bommel "Der Bayern-Kapitän hat einen Status erreicht, der für den FC Bayern zum Problem werden kann." (tags: bayern vanbommel analyse) [...]
7 Stadtneurotiker // 13. Aug 2009 um 23:40
Louis van Gaal steht auch vor der Aufgabe, neben van Bommel und Lahm Führungsfiguren aufzubauen bzw. zu etablieren. Tymoshchuk hat schon lautstark angekündigt, sich davor nicht zu scheuen.
Er bekommt jetzt die Gelegenheit, den Worten Taten folgen zu lassen.
8 Dülp // 19. Aug 2009 um 0:08
@zechbauer: Stell dich beim nächsten Gladbach-Spiel neben mich, dann wirst du Pfiffe gegen den eigenen Mann erleben. Wie ein Karim Matmour seine völlig lächerliche Schwalbe schöngeredet hat und dann noch ankündigt, dass es beim nächsten Mal vielleicht klappt - da geht mir der Hut hoch.
Nein. Ein Van Bommel ist tatsächlich stigmatisiert. Sein Einsatz gegen Vorsah war völlig überbewertet, ein einfacher Block, der zufällig im Gesicht landete und nur aufgrund einiges theatralischen Zutuns des Hoffenheimers brutal aussah.
Wir brauchen viel mehr van Bommels und viel weniger Matmours.
Die Presse schreibt nur so viel über diese Seiten van Bommels, weil sie sein eigentliches Spiel nicht bewerten wollen. Denn das lässt sich wesentlich schlechter verkaufen. Deshalb würde ich mir in Blogs eine objektivere Auseinandersetzung wünschen.
Untragbar aufgrund der Berichterstattung? Das finde ich ein wenig unter deinem üblichen Niveau, Christoph. Mir hätte der Focus auf den tollen, präzisen Grätschen besser gepasst, als der Focus darauf, was daraus von den Schlagzeilen-Schreibern gemacht wird.
9 RealityCheck // 19. Aug 2009 um 16:09
Ich hab’s lange versucht, van Bommel zu verteidigen. Selbst oben klingt das ja an. Im Hoffenheim-Spiel sah ich persönlich keinen Grund für einen Platzverweis, fand’ besonders die Berichterstattung über die von Dir angesprochene Grätsche unsäglich.
Ich würde mich eigentlich sogar als van Bommel Fan bezeichnen.
Aber er macht’s einem so schwer. Und irgendwann muss man seinen Ruf eben auch in die Überlegung miteinbeziehen. Dass er eben mehr abgepfiffen bekommt als andere.
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