sportmedienblog

Ein Blog für Sport, Medien und Sportmedien

sportmedienblog header image 2

Saisonvorschau, Bundesliga - Die Spitzengruppe

31. Juli 2009, 16:35 · 3 Kommentare

Der dritte und letzte Teil der Bundesliga-Saisonvorschau, heute: Die Spitzengruppe.

Machen wir es kurz: Der FC Bayern München ist auch in dieser Saison wieder Titelkandidat Nummer Eins. Erst Recht nach einer titellosen Saison. Beim Rekordmeister aus München gilt der Satz des angeschlagenen Boxers in solchen Jahren besonders.
Nach der Desaster-Saison 2006/07 und einem inakzeptablen vierten Platz folgte die bislang deutlichste Investition in den Kader. Eine überragende Saison war die Folge - und genauso ein selbstzufriedenes Füßehochlegen vor der Saison 2007/08. Ein ablösefreier Zugang in Tim Borowski - der inzwischen schon wieder gen Bremen entschwunden ist - und eine Leihgabe in Persona Massimo Oddo, ansonsten konnte Trainernovize Jürgen Klinsmann keine Neuzugänge im Kader begrüßen.
Nun also wieder eine Investitions-Saison beim FCB. Neben dem neuen Trainer Louis van Gaal kamen mit Mario Gomez, Anatolj Tymoshchuk, Ivica Olic, Danijel Pranjic, Edson Braafheid und Alexander Baumjohann gleich sechs Neue, hinzu kam Andreas Görlitz nach Leihe aus Karlsruhe zurück.
Verabschiedet hat man neben schon erwähntem Tim Borowski auch das Missverständnis Lukas Podolski, den brasilianischen Nationalmannschaftskapitän Lucio und dessen Landsmann Ze Roberto. Auch von einer Weiterverpflichtung Massimo Oddos sah man ab.
Aber alle Personaldiskussionen um das Spielermaterial sind untergeordnet, denn es erscheint fast einhellige Meinung - der wichtigste Wechsel fand auf der Trainerbank statt. Der Holländer van Gaal stellt einen Kulturschock dar, für das Umfeld, die Medien, die Mannschaft. Skurrile, ungewöhnliche Pressekonferenzen und Statements sind an der Tagesordnung, eine ehrliche Ansprache gegenüber der Mannschaft, ohne Rücksicht auf Verluste, prägen die Wochen der Vorbereitung.
Als sichere Stammspieler eingeordnetes Personal findet sich auf einmal auf der Bank wieder, weil van Gaal sein System, seine Philosophie bedingungslos durchsetzt. Zwei Rechtsfüßer in der Innenverteidigung? Nein. Herr Lucio, da ist die Tür. Aufgrund der Verletzung von Franck Ribéry die Raute im Mittelfeld auflösen und mit Doppelsechs spielen? Wofür, spielt eben Sosa oder Baumjohann die Zehn. Braafheid wackelt? Egal, Rechtsfuß Lahm spielt auf Rechts.
Während man bei Jürgen Klinsmann nur nebulöse Motivations- und Projektdefinitionsparolen hörte, die ihm schon wenige Woichen nach Saisonstart um die Ohren flogen, dominiert beim Holländer das Sportliche, die Taktik. Im Gegensatz zu Klinsmann hält van Gaal die Öffentlichkeit offenbar nicht für zu doof, um nur “jeden Spieler jeden Tag besser machen” zu verstehen.
Die Voraussage für die Bayern ist jedes Jahr am einfachsten. Läuft alles normal, wird man Meister, was sonst.

Der Vorjahresmeister VfL Wolfsburg dagegen dürfte aller Voraussicht nach sein Kunststück der Vorsaison nicht wiederholen können. Zwar konnte man alle Leistungsträger halten, bis auf einen: Den Trainer. Erstaunliche Parallelen zu den Bayern tun sich auf, auch bei den Niedersachsen fand der wichtigste Transfer auf der Bank statt. Jedoch nicht zum positiven. Armin Veh ist zwar Meistertrainer, jedoch zeigte er gerade bei seinem vorherigen Arbeitgeber VfB Stuttgart, dass er nach einem überraschenden Meistertitel die Mannschaft nicht wieder auf Kurs bringen konnte.
Es wäre einfach, nun auf die Doppelbelastung aus Bundesliga und Champions League zu verweisen. Aber neben dem FC Bayern verfügen die Wolfsburger unter allen Bundesligisten über einen Kader, der dies noch am ehesten verkraften kann. Nein, die größten Probleme sind psychischer Natur - sowohl bei der eigenen Mannschaft wie bei den Gegnern. Als die Gegner kapierten, dass mit den Wolfsburgern ein Meisterschaftsaspirant in die Stadt kam, war es schon zu spät.
Die Wölfe hatten einen Lauf und waren auf dem Weg zur Schale nicht mehr zu bremsen. In dieser Saison aber kommt zum Gastspiel der VfL Wolfsburg, Deutscher Meister. Jeder will diesen Skalp, jeder will sich präsentieren. Ähnlich verlief es ja letzte Rückrunde für die TSG Hoffenheim. Aber zu diesen später.
Aber auch die eigene Psyche wird dem Meister zu schaffen machen. Unausweichlich stellen sich erhöhte Ansprüche ein, Erwartungen, Vorstellungen. Gerade eine Mannschaft, die so deutlich von der taktischen Ordnung gelebt hat, erscheint in diesem Punkt nun gerade fragil. Die Psyche ist und bleibt die Sollbruchstelle.
Trotzdem wird man von der Stärke des Kaders profitieren und eine gute Saison spielen, an dessen Ende wohl wieder die Qualifikation zum Europacup stehen dürfte.

Den Sprung in den Europacup schaffte Werder Bremen erst auf dem allerletzten Meter. In der Liga frühzeitig abgeschlagen, verlor man auch das UEFA Cup Finale. Blieb nur noch eine einzige Chance, ein einziges Spiel, das Pokalfinale gegen Leverkusen - und das gewann man dann und qualifizierte sich für die neugeschaffene Europa League.
Nicht mehr dabei ist Diego, die letzten Jahre Herz und Seele des Bremer Spiels. Lange hat man sich gesträubt, diesen Sommer war es soweit, der Regisseur zog weiter zu Juventus, höhere Weihen anstrebend. Ersetzen sollen ihn ein Talent, das schon länger im Verein ist und damals als designierter Diego-Nachfolger geholt wurde, ein Talent, das für viel Geld von Gladbach geholt wurde und ein Rückkehrer. Mesut Özil, Marko Marin und Tim Borowski können jeder für sich alleine die Lücke, die Diego hinterlässt, nicht schließen. Also versucht es Werder mit einer breiteren Verbesserung des Mittelfeldpersonals.
Diese dringend notwendige Stärkung des Kaders, der mit seinen Unzulänglichkeiten für die schlechte Ligaplatzierung der Vorsaison die Hauptschuld trägt, war auch bitter nötig. Nicht stattgefunden hat diese jedoch im Sturm und in der Abwehr. Claudio Pizarro steht bisher noch nicht wieder auf der Gehaltsliste der Werderaner, Marcelo Moreno, gekommen vom Finalgegner im UEFA Cup, dort Bankdrücker, vermag nicht zugleich Pizarro ersetzen und für die geforderte Verbesserung sorgen.
In der Abwehr tat sich noch weniger, nämlich gar nichts.
Trotzdem sollte die Verbreiterung des Mittelfelds, die Betonung der Vielseitigkeit der Angriffsmittel für eine Neubelebung des Werderaner Offensivspiels sorgen.
Kann man durch einen guten Saisonstart für eine Begeisterung in Verein und Umfeld und eventuell für einen kurzfristigen weiteren Sturmtransfer sorgen, ist ein Europacup-Platz - diesmal über die Liga - ein realistisches Ziel.

Der Nordrivale der Bremer, der Hamburger SV, startet auch mit einem neuen Trainer in die Saison. Nicht ganz freiwillig, Umwerfungen im Vorstand um den geschassten Didi Beiersdorfer sorgten für Martin Jols Nacht- und Nebelabgang gen Amsterdam. Bruno Labbadia, in Leverkusen sowieso nicht ganz zufrieden und nicht ganz unumstritten, nimmt die Herausforderung des Neubeginns gerne an. Neben den Bayern haben die Hambuger wohl am spektakulärsten zugeschlagen.
Nach einer langen Flaute auf dem Transfermarkt konnte man mit Ze Roberto, David Rozehnal und dem besten Spieler der U21-EM, Marcus Berg, bekannte Neuverpflichtungen tätigen.
Für das erfolgshungrige Umfeld, das von einer Rückholaktion von van der Vaart träumt, gerade gut genug. Dass dies zum Problem werden kann, sah man zum Ende der abgelaufenen Saison, als der Kräfteverschleiß für erste Misserfolge sorgte und die miese, ängstliche Stimmung des Umfelds sich auf die Mannschaft übertrug und der bis dahin ordentlichen Saison den Rest gab. Dies soll nach dem Willen der HSV-Führung dieses Jahr nicht passieren. Größe Sprünge hat man des Personal betreffend aber nicht wirklich gemacht. Berg und Rozehnal kompensieren Abgänge bzw. Verletzungen, einzig Ze Roberto vermag man auf der absoluten Plusseite verbuchen.
Der HSV ist auf jeden Fall, wie auch letzte Saison, eine der Mannschaften, die von Schwächephasen der Bayern profitieren könnten und ein Wörtchen bei der Titelvergabe mitzureden haben. Meisterschaftskandidat, dafür ist es noch zu früh. Wahrscheinlicher ist es da, dass man das UEFA Europa League Finale im eigenen Stadion erreicht.

Die große Überraschung der Vorsaison war sicherlich, neben dem späteren Meister, die TSG Hoffenheim. Herbstmeister, dazu mit Vedad Ibisevic einen Stürmer mit unmenschlicher Quote zur Weihnachtszeit. Dann kam La Manga. Ralf Rangnick wacht noch heute des Nachts schweißgebadet auf und schreit diese zwei Worte durch die Dunkelheit. Das Trainingslager in Spanien und das dort ausgetragene Testspiel gegen den HSV wurde zum Symbol des Hoffenheimer Niedergangs. In diesem riss sich Ibisevic das Kreuzband, Carlos Eduardo prügelte sich mit Ivica Olic und wurde gesperrt. Der allseits beliebter Aufsteiger bekam erste Kratzer, die prima Stimmung der tolle Zusammenhalt - dahin.
Dann flogen auch noch einige Spieler zum Xmas Shopping nach New York und kamen nicht wirklich fit zurück sondern befüllten Kübel und die Krankenstation im Kraichgau.
Die Ergebnismisere folgte. Konnte man das erste Spiel gegen den späteren Absteiger Cottbus noch glücklich gewinnen, ging es danach schnurstracks bergab. Endstation: Platz Sieben.
Stabilität soll ein alter Haudegen in die Mannschaft bringen. Abweichend von der eigentlichen Strategie der Hopp’schen Mannen investierte man die größte Summe nicht in ein junges Talent, sondern in: Josip Simunic, 31 Jahre. Rangnick wird ihn nicht wegen seiner Offensivvorstöße Marke Lucio verpflichtet haben, vielmehr dürfte ihm seine wichtige Stellung im Defensivverbund der Hertha aufgefallen sein.
Die Euphorie des Premierenjahres gibt es diesmal nicht. Ohne diesen Bonus geht die TSG in das verflixte zwei Jahr. Mit der Hypothek Demba Ba, der nach seinem Sommertheater erst wieder reintegriert werden muss, geht man in eine schwierige Saison. Jedoch wird man kaum in der Rhein-Neckar-Region den Klassenerhalt allein als Erfolg verbuchen wollen.

Last but not least der Pokalfinalist, Bayer Leverkusen. Unter anderem neu in dieser Saison: Zwei alte Männer, ein junger Schweizer und ein altes, neues, größeres - aber vor allem eigenes - Stadion. Nach der Halbserie im Düsseldorfer Exil heißt endlich die Stadt Leverkusen ihre Kicker wieder willkommen, in der generalüberholten BayArena. Im Winter wurden Labbadias junge Wilde noch allerorts bewundert, in Düsseldorf war die Mannschaft wie ausgewechselt. Einzig das 4-2 im Pokal gegen die Bayern und die spätere Finalteilnahme bleibt als positiver Ausreißer direkt in Erinnerung.
Wie Hoffenheim greift man in Leverkusen zu einem bewährten Mittel, um den Einbruch in der Rückrunde zu verhindern, um Stabilität in die Mannschaft zu bringen. Die Verpflichtung eines erfahrenen Abwehrspielers, in Person des Ex-Liverpoolers Sami Hyppiä.
Apropos Erfahrung, auf der Bank sitze einer, der schon seine Rente genoss, nur um dann unter tätiger Mithilfe seines Freunds Uli Hoeneß wieder ins Haifischbecken Bundesliga geworfen zu werden. Jupp Heynckes ist der Gegenentwurf von Bruno Labbadia. Nicht nur vom Alter her, auch die Spielweise des Champions League Siegers ist deutlich Taktik- und Defensivbetonter.
Zwei Jahre in Folge muss Bayer nun schon auf den Europapokal verzichten. Zeiten, die man beim CL-Finalisten 2002 nicht mehr gewohnt war.
Auch wenn die schwere Verletzung von Patrick Helmes schmerzt und die Kaderplanungen zumindest für die Hinserie über den Haufen geworfen hat, stehen die Vorzeichen, diese dunkle Zeit endlich beenden zu können, günstiger als in der Vorsaison.

Die neue Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Und man kann sich einen Wolf schreiben, den Mund fusslig reden mit Gründen für oder gegen den einen, mit Analysen über Stärken und Schwächen hier, Prognosen und Weissagungen dort. Abschließend kann man sowieso nicht alles berücksichtigen. Und dann wirft etwa ein überraschender Hleb-Transfer so einiges über den Haufen.
Das wichtigste ist aber: Am Ende freut sich wohl jeder Fan wieder auf die neue Saison, egal, wie die Vorsaison, die Sommerpause, die Aussichten aussehen.

Und in diesem Sinne:

Viel Spaß beim Fußball.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

Bisher 3 Kommentare ↓

  • 1 chieff // 1. Aug 2009 um 11:45

    Sehr gute Vorschau ;)

    Ich bin gespannt, was die Bayern anbieten werden. Im Gegensazu zu dir, sehe ich die Bayern aber nicht als absoluten Top Favoriten.

    Ich sehe keine Mannschaft zum jetzigen Zeitpunkt als potenziellen Meisterschaftskandidaten.

    Die Bayern müssen sich erst finden und beweisen. Man wird sehen, das van Gaal aus den Bayern rausholt. Von alleine wird es nicht laufen, ich bin dennoch gespannt, glaube aber auch, dass es nicht leicht wird für die Bayern.

    Eine Mannschaft hast du aber vergessen in deiner Aufstellung… Ich würde dem BVB gute Chancen auf eine sehr gute Saison einräumen.

    Mal schauen, wie sie sich heute im Pokal zeigen.

  • 2 RealityCheck // 1. Aug 2009 um 16:02

    Der Kicker hat am Donnerstag zu Dortmund eine meiner Meinung nach zutreffende Einschätzung abgegeben. Die Konkurrenz ist einfach zu groß.

    Dortmund hat zwar in der Sommerpause im Vergleich zur Vorsaison einen Schritt nach vorne gemacht, aber die Mitbewerber um einen Europacup-Platz sind zu zahlreich und haben auch nicht geschlafen.

    Wird sehr, sehr schwer, dass sich die gute Saison, die sie durchaus spielen können, dann auch im Tabellenplatz widerspiegelt.

  • 3 Wo wir landen | catenaccio // 5. Aug 2009 um 14:03

    [...] die Vorzeichen, diese dunkle Zeit endlich beenden zu können, günstiger als in der Vorsaison. (Sportmedienblog) Jupp Heynckes? Im Ernst? Zweijahresvertrag? Für eine Glühbirne? Dann muss es wohl eine [...]

Kommentar hinterlassen