Zu Anfang des zweiten Teils der Saisonvorschau eine grundsätzliche Einschätzung. Die Grenzen zwischen Abstiegskampf und Mittelfeld einerseits und Mittelfeld und Spitzengruppe andererseits sind natürlich fließend. Wie schon von Malte in den Kommentaren des ersten Teils richtig angemerkt hat, könnte man genauso Hannover oder Frankfurt im mittleren Drittel der Liga verorten und dafür etwa Gladbach auf Platz 13 legen. Die Unterschiede sind zwangsläufig nur marginal. Nun gut, weiter im Programm. Das Mittelfeld der Bundesliga.
Borussia Mönchengladbach steht vor der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg vor einem Neubeginn. Trainer Hans Meyer ist gegangen, die beiden herausragenden Mittelfeldspieler Marko Marin und Alexander Baumjohann haben sich gen Bremen respektive Bayern verabschiedet. Auch der alte Abwehrrecke Tomas Galasek hat die Schuhe an den Nagel gehängt und steht Neutrainer Michael Frontzeck nicht mehr zur Verfügung. Wobei man berechtigterweise auch fragen kann, ob Galasek in einer offensiveren Spielweise als unter Meyer vielleicht sowieso keine Rolle mehr hätte spielen können.
Bei den Neuzugängen wird ein Mann aus der zweiten Liga von den Medien in den Mittelpunkt gestellt. Nicht aufgrund seiner Spielweise, seiner Fähigkeiten. Nein, Marco Reus erhält soviel Aufmerksamkeit vornehmlich aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit zu Marko Marin. Sportlich dagegen stehen Juan Arango und Raul Bobadilla in der Hackordnung vor Reus und werden auch in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unterschätzt. Besonders der Venezuelaner von Real Mallorca könnte den sportlichen Qualitätsverlust im Mittelfeld auffangen. Auch in Venezuela kommt man nicht so einfach auf 83 Länderspieleinsätze und zum Kapitänsamt, wenn man nicht über die gewisse Qualität verfügt.
Ein Schock in der Vorbereitung war der Fußbruch von Rückhalt und Stammkeeper Logan Bailly, dessen Einsatz zum Saisonstart akut gefährdet ist.
Nichtsdestotrotz sollte der Kader der Gladbacher über genügend Qualität verfügen, damit Michael Frontzeck in seinem ersten Jahr das verflixte zweite Jahr im Oberhaus überstehen kann.
Noch weniger Probleme mit dem Klassenerhalt erwartet man in der Domstadt beim 1. FC Köln. Lukas Podolski. Allein diese zwei Worte lösten eine enorme Euphorie am Rhein aus, der Weg nach oben war für das sehr anspruchsvolle und hektische Umfeld vorgezeichnet. Den verlorenen Sohn aus der Verbannung im Süden der Republik befreit, war der der Poster Boy für die unweigerliche, baldige Etablierung des FCs als deutsche Spitzenmannschaft. Trainer und Messias Christoph Daum würde schon eine schlagkräftige Mannschaft formen.
Bis eben jener Daum nicht mehr an diesem Weg teilhaben wollte und sich mit Hilfe einer Ausstiegsklausel für ein attraktives Angebot aus seiner Zweitheimat, von Fenerbahce, entschied und die neue Euphorie der Geissböcke in einer Nacht- und Nebelaktion eigenhändig in den Keller prügelte. So spektakulär sein Amtsantritt, mit einer unvergessenen Pressekonferenz im Krankenhaus, so auch sein Abgang.
Nachfolger wurde der Ex-Stuttgarter Zvonimir Soldo, der bisher nur ein knappes halbes Jahr im Seniorenbereich als Trainer gearbeitet hat.
Neue Euphorie wurde dann in den letzten Tagen ausgelöst, durch die Vepflichtung des vereinslosen portugiesischen Nationalspielers Maniche. Nach Petit und Podolski erneut ein international bekannter Spieler, der seine Karriere in Köln fortsetzen möchte.
Auch wenn es sich bei Maniche nicht gerade um einen Spieler auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit handelt, stellt er doch für die Kölner einen Qualitätssprung dar. Schon im Vorjahr verfügte man über einen guten Kader, der dieses Jahr nicht schlechter geworden ist. Einzig die durchwachsene Vorbereitung mit einem schlimmen Auftritt vor den Augen der breiten Öffentlichkeit im Podolski-Spiel auf RTL als Höhepunkt mag Zweifel an einer guten Saison erwecken. Heftet man dies aber unter Startschwierigkeiten ab, deutet mehr darauf hin, dass man nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird.
Hertha BSC Berlin. Letztes Jahr von vielen unterschätzt, schaffte man einen sensationellen vierten Platz, war gar zwischendurch Tabellenführer. Grund dafür war, neben einer unglaublichen taktischen Leistung von Trainer Lucien Favre, die individuelle Klasse von Leihgabe Andrej Voronin, der aus einer durchschnittlichen eine gute Mannschaft gemacht hat. Die Hertha der Vorsaison konnte man leicht beschreiben - sicher hinten stehen, perfekte Mannschaftsordnung, und vorne macht Voronin aus zwei Chancen zwei Tore.
Leider müssen die Hauptstädter aber diese Saison auf eben jenen Voronin verzichten. Auch Pantelic lies man - mit weitaus weniger Tränen im Knopfloch - ziehen. Als Ersatz holte man Arthur Wichniarek aus Bielefeld, der schon bei seinem ersten Auftritt als Hertha-Spieler vor Jahren hoffnungslos enttäuschte. Als sei dies nicht genug, verkaufte man auch Abwehrchef Josip Simunic nach Hoffenheim, ohne ihn bisher adäquat zu ersetzen. Nemanja Pejcinovic, Leihgabe von FK Rad Belgrad, mag als solche auf den ersten Blick auf keinen Fall durchgehen.
Es ist einfach, den Berlinern einen Absturz zu prognostizieren, auch angesichts der Doppelbelastung durch die Europa League. Wo letzte Saison alles gestimmt hat und das Ergebnis daher entsprechend war, stehen die Vorzeichen diesmal nicht gerade überragend. Aber auch letzte Saison wurde die Hertha im Vorfeld unterschätzt.
Der nächste Kandidat für einen Absturz ist leider der VfB Stuttgart. Und all dies, weil man keinen qualitativen Ersatz für Mario Gomez verpflichten kann. Kein Klaas Jan Huntelaar, kein Milan Jovanovic, auch bei Vagner Love sieht es derzeit gar nicht gut aus.
Torwart Jens Lehmann hat mit Recht auf der Mitgleiderversammlung vor ein paar Wochen weitere Neuverpflichtungen gefordert. Mit diesem Kader übersteht man wohl kaum die Qualifikation zur Champions League, die dieses Jahr sich durch Platinis Reformen weitaus schwieriger darstellen wird als zuvor. Mögliche Gegner dort wären mögleicherweise Arsenal, Olympique Lyon oder der letzte UEFA Cup Sieger Shakhtar Donetsk (Quelle). Trostpflaster, sollte man dort scheitern, wäre zumindest die Gruppenphase der neuen Europa League, eine Doppelbelastung bis zum Winter kommt damit auf jeden Fall auf die Schwaben zu. Ein entsprechender Kader sollte damit selbstverständlich sein. Allein das Handeln von Manager Horst Heldt und Kollegen passt hier nicht dazu. Eine Woche vor dem ersten Pflichtspiel hat sich die Qualität der Stuttgarter durch den Abgang des Ausnahmespielers Mario Gomez deutlich verschlechtert.
Hinzu kommt, dass die Mannschaft in der Rückrunde von der Euphorie um den Neutrainer Markus Babbel profitierte, man spielte nach der Entlassung von Meistertrainer Armin Veh, der sich bei der Mannschaft abgenutzt hatte, befreit auf.
Sollte nun die Qualifikation zur Champions League scheitern, was leider nicht unwahrscheinlich erscheint, und gar ein Fehlstart in der Liga anstehen, wäre diese wie weggeblasen. Und ob man erneut sich durch eine starke Rückrunde, wenn keine Doppelbelastung ansteht, selbst aus dem Morast ziehen kann, bleibt abzuwarten.
Eine Euphorie um den Trainer herrscht auch beim FC Schalke 04. Wann konnte man zuletzt den Übungsleiter des aktuellen deutschen Meister verpflichten? Felix Magath war vor Jahren schon bei den Knappen auf dem Zettel, dieses Jahr hat es dann geklappt. Auch wenn man offenbar von Streitigkeiten in der Führungsriege des VfL Wolfsburg profitierte, ist dies ein deutliches Signal für die Attraktivität dieses Arbeitsplatzes.
Der wichtigste Spielertransfer des Sommers ist einer, der nicht passiert ist - der von Manuel Neuer zu den Bayern. Ein Verlust der Identifikationsfigur hätte die Fans der Königblauen enorm geschmerzt, der Verlust der sportlichen Qualität des womöglich größten deutschen Torwarttalents wäre für den FC Schalke noch herber gewesen. Ein Kader, der sowieso nicht vor Qualität überquillt, der den Ansprüchen des Umfelds selten entspricht. Da gibt es Jermaine Jones, der trotz aller sportlichen Klasse in letzter Zeit mehr abseits des Platzes für Aufsehen gesorgt hat, oder Kevin Kuranyi, dessen persönlicher Abstieg eines der größten Rätsel der Bundesliga darstellt. Ivan Rakitic, ein ewiges Versprechen auf bessere Zeiten, und Christian Pander, bei dem die Gesundheit nicht immer mit dem Talent mithält.
Mit Westermann, Höwedes und Rafinha verfügt man zumindest in der Abwehr aber über eine junge Riege, die trotz schon jetzt herausragender Bewertung noch Steigerungspotential verspricht.
Apropos Steigerungspotential, das Rennen um Deutschlands begehrtestes Talent, Lewis Holtby, konnte man für sich entscheiden. Und nicht wenige prophezeien dem Mann mit der Rückennummer Sieben schon in seiner ersten Saison einen Stammplatz.
Trotz alledem liegen die Gründe für den Mittelfeldplatz der Vorsaison tiefer, ein Verweis auf die Trainersituation nach dem Fehlgriff Fred Rutten ist zu einfach. Trotz der Erfolge in der Saison 2007/08, als man mit einem beinahe identischen Kader in der Champions League weit wie nie zuvor kam. Daher reicht pures Handauflegen durch Magath sicher nicht aus, um für deutliche Sprünge nach vorne zu sorgen. Um so bedauerlicher ist es da, dass aufgrund finanzieller Beschränkungen weitere, echte Qualität vorerst nicht zu bekommen ist.
Das Umfeld erwartet mindestens einen Europa League Platz. Und diesen sollte man dann, wenn er erreicht würde, auch als großen Erfolg werten.
Genauso wäre ein Europa League Platz auch ein Erfolg für Borussia Dortmund. Der Relaunch des BVB unter Jürgen Klopp wurde in der Vorsaison erfolgreich bestanden. Man verfügt wieder über eine Spielidentität, das loyale, aber erfolgsverwöhnte Umfeld sieht wieder das Licht am Ende des Tunnels, die dunklen Jahre nach den finanziellen Verwerfungen scheinen vorbei. Nächster Stopp: Internationales Geschäft.
Jedoch musste man nun kurzfristig Alexander Frei in die Schweizer Heimat ziehen lassen, der dort beim FC Basel seine Karriere fortsetzen wollte. Als Ersatz holte man den argentinischen Weltclubtorjäger Lucas Barrios aus Chile, ein bislang vollkommen unbeschriebenes Blatt.
Ebenfalls kam Markus Feulner aus Mainz, der nun inzwischen dritte Versuch, nach dem Wechsel Tomas Rosickys zu Arsenal einen kreativen Mittelfeldspieler im Spiel des BVB zu etablieren. Was mit den Karlsruhern Tamas Hajnal und Giovanni Federico nur durchwachsen klappte, soll nun mit dem Herz der Mainzer Aufstiegsmannschaft aus der Bayern-Jugend klappen.
Ob es mit dem erhofften internationalen Platz klappt, wird vor allem auch daran hängen, ob der in der Spitze nicht allzu breite Kader von langwierigen Verletzungen verschont bleibt. Insofern schmerzt der aktuelle Rückschlag bei Sebastian Kehl, den dieser nun in der Vorbereitung erlitt, umso mehr. Womöglich wird der Ex-Löwe und U19-Europameister Sven Bender in seiner ersten Erstligasaison zu mehr Einsätzen als erhofft kommen.

Bisher 3 Kommentare ↓
1 Marc // 27. Jul 2009 um 10:46
Gute Zusammenstellung! Eine Anmerkung zum BVB: Ich glaube nicht, dass Feulner Hajnal in der Spitze der Raute wird verdrängen können. Mit Hajnal war man in Dortmund letzte Saison eigentlich sehr zufrieden. Ich denke, Feulner wird eher auf den Halbpositionen zum Einsatz kommen.
2 Frankfurter Löwe // 3. Aug 2009 um 16:52
Tja, wie die ganzen Sonderhefte ist auch RC Opfer seiner verfrühten Vorschau geworden. Nach der Verpflichtung von Pogrebniak und Hleb sehe ich den VfB Stuttgart als Kandidat unter die Top 3. Viel hängt natürlich davon ab, ob die Qualifikation für die CL gelingt, aber da sieht es gut aus, dass der VfB gesetzt ist in der 4. und letzten Runde.
Ein Riesenproblem ist allerdings, dass Markus Babbel seinen Traineschein machen muss und viele Tage fehlt. Das dürfte irrsinnig an die Substanz gehen.
3 RealityCheck // 3. Aug 2009 um 17:35
Hehe, das hatte ich ja auch bei Twitter schon verkündet.
Aber wenn ich wegen Stuttgart die ganze Chose umschmeiße und auch etwa Eindrücke von der ersten Pokalrunde einfließen lasse, dann kann ich alles neuschreiben.
Insofern ist eine Saisonvorschau nix anderes als ein neuer PC - gerade erst draußen, schon veraltet.
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