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Aufbruch allerorten

26. Mai 2009, 17:18 · Kein Kommentar

Diego zu Juventus. Mario Gomez zu Bayern. Martin Jol zu Ajax?

Die Bundesliga-Saison ist erst seit letztem Samstag zuende, und trotzdem rotiert das Transferkarussel schon auf 180. Mit zum Teil äußerst überraschenden Wendungen.

Wenig überraschend war schlussendlich der Wechsel von Werder Bremens Diego zum italienienischen Rekordmeister Juventus, der am heutigen Dienstag perfekt gemacht wurde.
Nach dem Schmierentheater um BILD und Diegos Vater landet der brasilianische Mittelfeldspieler also beim schon damals als Favoriten gehandelten Serie A-Club.
Etwas überraschender sind die finanziellen Rahmenbedingungen. Der Kicker verkündet die Zahlungen wie folgend:

Die Ablösesumme wird in drei Raten gezahlt: bis 1. Juli 2009 sind 14,0 Millionen, bis 1. Juli 2010 5,5 Millionen und bis 1. Juli 2011 5,0 Millionen Euro fällig. Hinzu kämen weitere 2,5 Millionen Euro Zusatzzahlung im Falle des Erreichens besonderer sportlicher Ziele. Somit könnte Werder 27 Millionen für Diego, der noch einen Vertrag bis 30. Juni 2011 bei Werder besaß, einstreichen.

Für diese Transferperiode steht den Bremern damit ein vergleichsweise geringer Teil der Ablöse, nur 14 Mio, zur Verfügung. Angesichts der Mängel im derzeitigen Kader, die durch den Abgang von Diego noch größer werden, wird es eine Herausforderung für Klaus Allofs, den Meister von 2004 wieder in höhere Sphären zu heben. Zumal noch nicht mal der finanziell weniger attraktive UEFA Cup, Verzeihung, die Europa League fix ist. Sollte diese auch noch durch eine Niederlage im Pokalfinale gegen Leverkusen verspielt werden, dürfte dieses Unterfangen noch schwieriger werden.

Bremen benötigt - außer im Tor - in allen Mannschaftsteilen Verstärkungen. Die Abwehr schreit besonders auf der Linksverteidigerposition nur so nach substantiellen Neuverpflichtungen, im Mittelfeld ist vielen Unwohl, wenn nun Özil allein das Kreativloch stopfen soll, das Diego hinterlässt, Torsten Frings wird auch nicht jünger und zeigt immer öfter Alterserscheinungen. Der Sturm wurde schon im vergangenen Sommer mit Pizarro nur notdürftig geflickt.
Zumindest könnten sich die Werderaner an einem Mann hochziehen, der dem Vernehmen nach kurz vor dem Sprung an die Weser steht - Marko Marin. Klar, Özil und eben jener Marin sind junge, oft unkonstante Spieler, jedoch scheint es für die Möglichkeiten des Clubs derzeit das Optimum zu sein, was man an offensiver Mittelfeldkraft im Verein haben kann. Zudem beide deutschen Nationalspieler den Sympathie- und Identifikationswert der Grün-Weißen wieder erhöhen könnten.

Ein Wechsel, der - mehr von der Geschwindigkeit, mit der er vollzogen wurde - schon eher überrascht hat, ist der von Mario Gomez vom VfB Stuttgart zum FC Bayern. Heute morgen meldeten beide Clubs mehr oder weniger Vollzug, einzig Marios Unterschrift unter den Bayern-Kontrakt soll laut FCB derzeit noch fehlen - dies werde nachgeholt, sobald er vom Asien-Trip der Nationalmannschaft zurückkehrt.
Glaubt man den diversen Medienberichten, besaß Gomez in seinem Kontrakt mit den Schwaben eine Ausstiegsklausel, die entgegen landläufiger Meinung nicht nur für das Ausland galt. Diese hat er nun demnach gezogen und wird den deutschen Vizemeister im Angriff verstärken.

Die Verpflichtung von Gomez kann einerseits als Misstrauensvotum gegen den letztjährigen Torschützenkönig Luca Toni gewertet werden, der diese Saison seiner Form des Vorjahres meilenweit hinterherlief und zum Teil haarsträubend hervorragende Chancen vergab - nicht zuletzt am Samstag gegen den VfB Stuttgart in der ersten Hälft, als er nach Fehler von Bayern-Leihgabe Niedermeier frei vor Lehmann den (hoppelnden) Ball mit dem Schienbein über Lehmanns Kasten jagte.
Nicht, dass Gomez solche Situationen in seiner Karriere nicht auch schon erlebt hätte…

Andererseits trifft hier wohl vorallen eines zu. Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erklärte, dass Gomez nächsten Sommer nicht mehr zu bekommen sei, weil er dann ins Ausland gegangen wäre. Es ist daher zu vermuten, dass - neben den aufkommenden Zweifeln an der kurzfristigen Zukunft von Toni - man den Nationalstürmer vor allem in Blick auf die Saison 2010/11 verpflichtet hat, da Toni da, nicht nur aufgrund seines Alters, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Weg gen Heimat antreten könnte. Gomez ist da logische Schlussfolgerung.
Nach einer womöglich erfolgreichen Weltmeisterschaft würde der Marktwert des Spielers dann noch weiter explodieren, ob sich die Bayern dann noch gegen womöglich hochkarätige Konkurrenz durchsetzen könnten, steht dann noch auf einem anderen Blatt. Auch, wenn die nun zu zahlenden 30 Mio Euro Ablöse alles andere als Kleingeld sind.

Beim VfB Stuttgart beginnt spätestens heute die intensive Suche nach einem Nachfolger. Hier werden als Wunschkandidaten unter anderem die Spieler Vagner Love von ZSKA Moskau und Mark Janko von Red Bull Salzburg gehandelt. Beide nicht ganz Gomez’ Liga, was aber auch utopisch erscheint. Stuttgart hat nun die Chance, mit dem Gomez-Millionen die Mannschaft nicht nur punktuell zu verstärken, um im nächsten Jahr trotz Doppelbelastung eine konstantere Rolle als in dieser Saison zu spielen. Besonders heikel ist hier die neue Champions League Qualifikation anzusehen, die - anders als in Jahren zuvor - von wenigen Ausnahmen abgesehen für die Topklubs doch eher Formsache war. Mit diesen Millionen kann man im Ländle also noch nicht planen.

Die Überraschung schlechthin kommt aber aus Hamburg. Der holländische Trainer Martin Jol, der erst zu Beginn dieser Saison aus der Arbeitslosigkeit beim HSV den Posten des Cheftrainers übernahm, steht aller Voraussicht nach vor dem Abschied Richtung Heimat. Ajax aus Amsterdam soll sich bei seiner Trainersuche nach dem Scheitern des Experiments van Basten (kommt jemandem bekannt vor?) auf den ehemaligen Coach von Tottenham Hotspur verständigt und auch mit dem Trainer weitgehend Einigung erzielt haben.

Dies kommt auf den ersten Blick absolut überraschend. Martin Jol erschien nach Außen hin zufrieden, der HSV auf einem richtigen Weg. Man verlor zwar beide Halbfinalduelle gegen Werder Bremen, schaffte jedoch am letzten Spieltag die sichere Qualifikation für die Europa League. Man hatte den Eindruck, dass dort alles passte.

Offenbar weit gefehlt. Laut holländischen Medien sei einer der Hauptgründe für Jols Abwanderungswunsch die Verweigerung der Hamburger Führung sein, die Mannschaft für die neue Saison deutlich zu verstärken. Ganz im Gegenteil, angeblich will der Vorstand um Bernd Hoffmann sogar den Etat reduzieren. Für den ehrgeizigen Jol muss dies nach den teuren Verkäufen von de Jong, Kompany und van der Vaart eine Provokation gewesen sein.

Es bleibt interessant, ob sich der HSV noch gegen den Verlust des Sympathieträgers Jol, der eine neue Begeisterung nach dem unterkühlten Huub Stevens in der Hansestadt ausgelöst hat, wehren wird. Oder ob das Tischtuch zerschnitten ist.
Im Falle eines Abgangs ist natürlich die nächste Baustelle offen, als Nachfolger werden schon die Herren Mirko Slomka (derzeit arbeitslos) und Leverkusens Bruno Labbadia (angeblich ab Sonntag arbeitslos) gehandelt. Ob diese aber eine ansatzweise vergleichbare Euphorie um den HSV erzeugen können wie Jol und, nicht zu vergessen, dessen enormen fußballerischen Sachverstand, der ein Gewinn für die Bundesliga war, ersetzen können, bleibt fraglich.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

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