Die BILD lehnt sich also aus dem Fenster. Meint zu wissen, dass Werder Bremens Diego im Sommer zu Bayern wechseln wolle. Und nur zu Bayern. Nicht zu Juventus.
Nun gut, mal die Glaubwürdigkeit des Artikels vollkommen außer Acht gelassen: Welche Konsequenzen hätte dies für die Bayern-Mannschaft der nächsten Saison? Welche für Bremen?
Schauen wir erstmal auf die Situation in München. Dort gilt derzeit - zumindest offiziell - die Sprachregelung, die Uli Hoeneß gegenüber der Süddeutschen Zeitung verkündete, dass Diego erst dann ein Thema sei, wenn Franck Ribéry den Rekordmeister verließe. Auch Präsident Franz Beckenbauer, grundsätzlich eher weniger mit dem Münchner Tagesgeschäft betraut, vertrat diese Auffassung öffentlich mehrmals. Immer auch mit dem Hinweis, dass Ribéry und Diego zusammen nicht ginge. Aber stimmt dies auch?
Kurz abhandeln kann man die finanzielle Seite. Selbst wenn sich die Ablöse für den Brasilianer an der oberen Grenze des Spekulierten bewegen sollte, so wäre es für die Bayern - Champions League-Qualifikation vorausgesetzt - möglich, diese auch ohne einen Ribéry-Verkauf zu stemmen. Zusätzlich zu dem dringend benötigten Rechtsverteidiger.
Interessanter ist die sportliche Seite. Geht Ribéry und Diego wirklich nicht?
Schaut man den Ist-Zustand bei Bayern und Werder an, sieht man, dass beide Spieler zentral für das Offensivspiel ihrer Teams sind. Das dürfte keine Überraschung sein, angesichts ihrer individuellen Qualität. Auffällig ist jedoch, dass ein Diego sich weitaus mehr ins Defensivpressing einschaltet als ein Ribéry, der bei gegnerischem Ballbesitz zumeist nur deshalb in der eigenen Hälfte verweilt, um den Ball für einen Konter zu erhalten. Schaut man sich nun die Spielausrichtung der Bayern an, sieht man natürlich sofort den Unterschied zwischen den Hitzfeld- und Klinsmann-Tagen und der derzeitigen unter Heynckes. Heynckes erkannte als eine Schwachstelle, dass die Bayern gegen defensive Mannschaften Probleme hatten, das Spiel zu machen, weshalb sie diese Saison auch ungewohnte Heimschwäche zeigten. Als Konsequenz schaffte er die Doppel-Sechs ab und stellte auf Raute um. Mal mit Ze Roberto (gegen Gladbach), mal mit Sosa (Cottbus) und zuletzt mit Schweinsteiger (Leverkusen) auf der klassischen 10. Dass man unter diesen drei Spielern nun in diesen drei Versuchen die Ideal- und damit Dauerlösung für diese Position gefunden haben mag, kann man wohl ausschließen. Insofern wäre ein Diego hier schon ein meilenweite Verbesserung für das Offensivspiel der Bayern und würde nach dieser Systemumstellung auch meiner Meinung nach neben Ribéry ins Team passen. Zumal mit Anatoly Tymoshchuk ein neuer Mann für die Sechs kommt, der einen Tick defensiver veranlagt ist als ein Mark van Bommel.
Jedoch stellt sich hier die Frage, was der neue Trainer - vermutlich Louis van Gaal - plant. In der veröffentlichten Meinung wird gerne darauf verwiesen, dass van Gaal als Holländer natürlich zum dort typischerweise praktizierten 4-3-3 neigen würde. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Louis van Gaal ist, wie jeder gute Trainer aus dem Land des Totaalvoetbal in der Lage, sein Spielsystem vom verfügbaren Spielermaterial und den jeweiligen Anforderungen der Situation abhängig zu machen. Und hier fällt einem sofort auf, dass der FC Bayern München für ein klassisches 4-3-3 nicht über die geeigneten Außenstürmer verfügt. Sowohl Klose wie auch Ribéry, die von den Anlagen her diese Position bekleiden könnten, wären hier Teile ihrer Stärke beraubt, die auf Dribbelstärke und dem Zusammenspiel mit den Mitspielern beruhen. In einem 4-3-3 fehlt einem Ribéry damit vorne ein Anspielpartner, den er bedienen kann. Miroslav Klose dagegen sähe sich hier einer massierteren Abwehr gegenüber, was seiner Durchsetzungskraft auch nicht dienlich wäre.
Von Schweinsteigers mangelnder Eignung in einem 4-3-3 aufgrund seines Schnelligkeitsdefizits will ich gar nicht erst anfangen.
Auch ein Diego wäre in einem 4-3-3 eher verschenkt, da er sein Spiel am besten einbringen kann, wenn er frei hinter und neben vier Offensiven agieren kann. Im 4-3-3 müsste er entweder auf die Flügel ausweichen oder hätte eine Anspielstation weniger im Angriff.
Angesichts des derzeitigen Spielermaterials und den Entwicklungen der letzten Wochen halte ich es daher derzeit nahezu für ausgeschlossen, dass der neue Bayern-Trainer auf ein 4-3-3 umstellen würde. Und in dieses würde ein Diego auch nur bedingt hineinpassen.
Sollte van Gaal jedoch auf einem 4-3-3 bestehen, was bezweifelt werden darf, müssten erhebliche Umbauten am Kader vorgenommen werden. Ob dieser dann Ribéry oder Diego beinhalten, ist fraglich.
Ein Punkt, der bei der ganzen Diskussion um Diego vernachlässigt wird, ist die Frage, wie Werder Bremen mit einem Abschied Diegos zurechtkäme. Kein Spieler seit Johan Micoud hat das Werder-Spiel so geprägt wie der Brasilianer, dass man Bremen synonym mit Diego nennt und umgekehrt, drückt diese gegenseitige Fixierung ganz gut aus. Ein gut aufgelegter Diego - wie so manches spielerische Genie natürlich immer nah am Eigensinn, Wahnsinn und Starrsinn - hebt die oftmals zum Teil durchschnittlich besetzte Bremer Mannschaft auf ein anderes Niveau, lässt Werder mit Mannschaften über ihrer eigentlichen Gewichtsklasse mithalten. Reißt man diese Herz der Mannschaft nun in einer Phase, in der man sowieso vor einem nötigen Umbruch steht, aus dem Team, erzeugt man ein enormes Vakuum, das nur schwer von dem übrigen Werder-Personal zu füllen scheint. Ein Mesut Özil, oftmals als designierter Diego-Nachfolger genannt, erscheint noch nicht bereit und konstant genug, um diese Rolle dauerhaft zu übernehmen. Zumal diese Saison die Abhängigkeit von Diego noch zugenommen hat und die Offensivalternativen zunehmend geringer wurden. All dies, zusammen mit der ungewissen Zusammensetzung des Werder-Sturms - was macht man mit Sanogo, kann Pizarro verpflichtet werden? - macht die Umstrukturierung des Bremer Kaders im Sommer nach einem möglichen Diego-Abgangs, ob nun zu Juve oder zu Bayern, zu einer der spannendesten Geschichten der Sommerpause. Greift Klaus Allofs zu unbekannten Alternativen, die natürlich der Gefahr unterliegen, der nächste Carlos Alberto zu werden? Bedient man sich aus der Insolvenz-Masse des VfL Wolfsburg, der nach dem Magath-Abgang trotz wahrscheinlicher CL-Qualifikation auseinanderzubrechen droht?
Auf jeden Fall muss man festhalten, dass Werder Bremen natürlich durch eine möglicherweise hohe Ablöse für Diego auch ohne Champions League finanziell in der Lage wäre, auch die bitter nötige Breite des Kaders qualitativ zu verbessern.
Bei Bayern halte ich die öffentlich bekundete Meinung, dass Diego nur ein Thema sei, falls Ribéry den Klub verließe, für ein Ablenkungsmanöver. Die sportliche Führung der Bayern hat erkannt, dass die Abhängigkeit von Ribéry weder der Mannschaft noch dem Franzosen guttut, der zunehmend weniger seine Fähigkeiten voll ins Spiel bringen kann, wenn sich zwei Drittel der gegnerischen Defensive auf ihn konzentrieren können. Ein Diego zusätzlich würde dies weitgehend verhindern.
Sollte die CL-Qualifikation geschafft werden, halte ich es gut für möglich, dass Bayern für die nächste Saison den Versuch startet, mit zwei qualitativ hochwertigsten Mittelfeldspielern in der Raute den absoluten Gegenentwurf zum Hitzfeld-Modell wagt. Denn eines ist auch den Verantwortlichen klar. Ohne sportlich ambitionierte Perspektive wird das sowieso schwierige Unternehmen, Franck Ribéry im Sommer 2010 zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen, vollkommen unmöglich. Die Verpflichtung eines Diegos wäre da auch ein Signal für den ehrgeizigen Franzosen.
Sollte jedoch die Qualifikation zur europäischen Königsklasse verpasst werden, steht mit dem FC Bayern neben Werder Bremen eine weitere deutsche Spitzenmannschaft vor dem Totalumbruch. Denn dann heißt es wohl nicht Ribéry oder Diego, sondern weder noch.

Bisher 8 Kommentare ↓
1 anatol // 13. Mai 2009 um 10:41
Zu Werder:
Eine Abkehr von der Raute in der neuen Saison im Mittelfeld ist gut möglich - dann mit einer Doppel-Sechs.
Aber auf jeden Fall ein ziemlicher Umbruch.
2 Stephen // 13. Mai 2009 um 11:05
Sehr guter Artikel. Zu Van Gaal: Wenn ich mich nicht irre, hat er auch bei Alkmaar weitgehend mit 4-4-2 gespielt.
Ich erwarte den Umbau hier in Bremen mit Spannung und bin gespannt, was Allofs da aus dem Hut zaubert. Zudem er ja auch noch das Kunststück fertigbringen muss, einen Sanogo loszuwerden. Ansonsten muss ich gestehen, dass ich Diego nächstes Jahr lieber in Turin sehe.
3 Marcus // 13. Mai 2009 um 17:27
“ein Diego”, “ein Ribery”, “ein Özil”… Gibt’s noch mehr als die im Text gemeinten?
Schöne Analyse, aber diese Beckenbauer-Sprechweise macht sich im Sportjournalismus breit, es läuft mir kalt den Rücken runter.
Bitte den unbestimmten Artikel vor Namen weglassen, das kann einem die ganze Freude am Lesen nehmen.
Danke.
4 medispolis // 13. Mai 2009 um 19:02
Soweit mein letzter Stand ist, bekommt Sangogo noch eine Chance bei Werder, was ich persönlich für falsch halte, aber mich fragt ja keiner.
Ansonsten ist mir um Werder auch ohne Diego nicht völlig Angst und Bange. Du sprichst ja das Beispiel Micoud an, was zeigt, dass Werder auch nach besonderen Abgängen von Leistungsträgern stets immer eine halbwegs akzeptable Alternative gefunden hat. Gut, nehmen wir den Abgang von Klose mal als Ausnahme der Regel.
Ich glaube, dass Özil auch längerfristig in die Rolle von Diego wachsen kann. Die letzten Spiele war Özil richtig gut, Potential ist also mehr als nur da. Und Werders Schwachstellen sind ja auch nicht unbedingt die Offensive. Falls Diego gehen sollte, würde ich in drei Punkte investieren. Zwei gute Außenverteidiger und einen defensiven Mittelfeldspieler. Baumann hört ja auf, Frings braucht da definitiv Unterstützung. Und wenn man dann noch Pizarro an sich bindet plus einen Stürmer holt, wäre das schon ok. Damit wäre ich zufrieden.
5 marcus // 13. Mai 2009 um 20:50
Bayern hat den Anspruch die CL zu gewinnnen. Und dazu kann man m.E. nicht mit beiden spielen. Ribery hat die von Dir genannten Schwächen. UNd Diego hält zu oft den Ball zu lange, anstatt den Ball schnell weiter zu spielen, und verschleppt so das Tempo. Eine der beiden Schwächen kann man kompensieren, aber beide zusammen halte ich nicht für machbar.
6 Enno (welt-hertha-linke) // 15. Mai 2009 um 11:18
Ich möchte mich der vom ersten Marcus geäußerten Kritik an der Formulierung anschließen, ansonsten ist der Text eine gelungene Diskussion über das Mittelfeld der Bayern in der kommenden Saison. So ausführlich gibt es das in den Print-Medien bisher nicht zu lesen. Also Daumen hoch!
Ich persönlich finde die Kaderplanung von Bayern, Bremen und auch Schalke, evtl. Stuttgart hochspannend. Ich glaube, dass es da einiges an Unterhaltung in der fußballfreien Zeit geben wird!
7 Enno (welt-hertha-linke) // 15. Mai 2009 um 11:19
Warum landet man nach der Kommentar-Abgabe eigentlich in der Capture-Falle? Das finde ich sehr unpraktisch. Denn ich sehe hier kein Feld, das ich ausfüllen könnte…
8 RealityCheck // 15. Mai 2009 um 11:22
Hm, suspekt. Muss ich mir mal anschauen.
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