Es wäre jetzt einfach, auf die Zahlen zu verweisen. 23 Tore in 30 Bundesliga-Spielen, dazu noch sieben Torvorlagen. Sechs Tore in acht UEFA Cup-Spielen. Aber diese erzählen natürlich nicht die ganze Wahrheit überMario Gomez und neigen auch dazu, mal die falschen Schlüsse zu befördern.
Denn schaut man sich an, wie diese Tore zustanden gekommen sind, drückt sich die wirkliche Klasse eines Gomez’ aus. Von diesen 23 Tore wurde kein einziges per Elfmeter erzielt, der mit ihm an der Spitze der Torjägerliste stehende Wolfsburger Grafite polierte seine Statistik mit unglaublichen acht Elfmetern auf. Der Leverkusener Patrick Helmes verzeichnet drei Elfmeter in seiner zwanzig Tore zählenden Statistik, der zweite Wolfsburger Topstürmer Edin Dzeko immerhin einen (ebenfalls zwanzig gesamt). Weshalb ich auch Dzeko für den weitaus besseren Stürmer als Grafite halte, aber das ist eine andere Geschichte. Hier soll es um den nächsten deutschen Topstürmer gehen. Mario Gomez.
Wie mit dem Verweis auf die Zahlen könnte man es sich nun wieder einfach machen. Man könnte Dinge aufzählen wie Torinstinkt. Den ein Torjäger brauchen würde. Dabei ist die als Torinstinkt bezeichnete Qualität eines Stürmers eigentlich nichts anderes als ein gutes spieltaktisches Verständnis. Warum steht ein Stürmer im richtigen Moment am richtigen Ort? Ein intelligenter Stürmer, und hier sieht man ein Unterscheidungsmerkmal zwischen guten und herausragenden Stürmern, versteht, wie ein Spiel abläuft, wie eine Abwehr reagiert, wie die Mitspieler entscheiden werden. Dadurch hat der Stürmer einen Vorteil gegenüber seinen Gegnern und steht richtig. Mario Gomez ist ein intelligenter Stürmer. Die hohe Anzahl an einfachen Toren spricht dafür, dass er die Arbeit schon vor dem Abschluss erledigt hat, durch hervorragendes Stellungsspiel.
Aber es sind eben nicht nur diese als einfachen Tore herabgewürdigten Treffer, die Gomez nach vorne in der Torjägertabelle gespült haben. Bestes Beispiel war das gestrige Spiel gegen den VfL Wolfsburg. Das 1-0 war nicht einfach. Das 3-1 war nicht einfach. Ganz im Gegenteil. Da vergab ein Luca Toni diese Saison schon einfachere Chancen.
Was macht denn Gomez so stark? Neben dem schon erwähnten hervorragenden Stellungsspiel ist es natürlich seine technische Stärke. Der Stuttgarter bringt die meisten seiner Chancen aufs Tor, was ja nicht selbstverständlich ist. Er verstolpert wenige Bälle, er erinnert in keinster Weise an den anderen ehemaligen Stuttgarter Topstürmer, der gerne als Flipper verunglimpft wurde. Mario Gomez ist, egal in welcher Spielsituation, in der Nähe des Strafraumes immer torgefährlich, da er sowohl am Boden wie in der Luft mit dem Ball umgehen kann und ihn per Torschuss oder Ablage verwerten kann. Hier mache ich es mir aber nun einfach: Der Grund, warum der VfB Stuttgart dort oben steht, ist Mario Gomez. Auch wenn er sich in den gestrigen Interviews bemühte, seine Mitspieler zu loben. Aber ein solcher Topstürmer macht den Unterschied zwischen oben mitspielen und Spitzenmannschaft. Schaut man sich an, welche Spiele der VfB Stuttgart verlor, fällt einem auf, dass dies auffallend oft mit Totalausfällen von Gomez zusammenfällt. Das 0-2 in Leverkusen, das 0-3 in Dortmund, das 0-4 in Bremen.
In all diesen Spielen ist es weder Gomez noch seinen Mitspielern gelungen, dessen Qualitäten zu einem Faktor im Spiel zu machen.
Nun stellt sich aber die unvermeidliche Frage: Warum nur für Stuttgart?
Es ist ein unvergleichliches Phänomen, dass der wohl derzeit beste Bundesliga-Stürmer seit etwa einem Jahr kein einziges auch nur ansatzweise akzeptables Spiel für die deutsche Nationalmannschaft bestritten hat. Es erscheinen einem mehrer Gründe hier denkbar.
Zum einen ist da wieder die schon angesprochene Intelligenz Gomez’. Ein intelligenter Spieler - nicht nur in Punkto Spielintelligenz - zu sein, kann manchmal auch schädlich sein. Gomez erscheint als eher mitdenkender, mitfühlender Mensch und Spieler. Und in Situationen, wo einem das Pech wortwörtlich am Schlappen klebt, fängt der Kopf natürlich an zu rotieren. Und gerade als Stürmer auf Topniveau, der sekundenschnell reagieren muss, bevor der Abwehrspieler oder Torwart zur Stelle ist, führt diese extra Millisekunde Nachdenken bei Torflauten oft zum Misserfolg.
Ein weiterer Punkt ist das Stuttgarter Spielsystem und Gomez’ Stellung in diesem. Gomez ist glasklar Stürmer Nr. 1 beim VfB, jeder Spieler sucht ihn, eingeschlossen die Mitstürmer. In der Nationalmannschaft sieht das zuweilen schon anders aus, wenn etwa sein Nebenmann Lukas Podolski heißt oder ein Michael Ballack (natürlich berechtigt) seine eigene Torgefahr ins Spiel bringt.
Joachim Löw hat es noch nicht verstanden, ihn vergleichbar mit Stuttgart ins Spiel einzubringen.
Mario Gomez befindet sich in der Nationalmannschaft in einem Loch. Aber sieht man seine unbestreitbaren Qualitäten, die er Woche für Woche für Stuttgart an den Tag legt, kann man sich nur auf den Moment freuen, in dem er sich aus diesem befreit. Dieser Tag wird kommen. Und dann wird sich ganz Fußballdeutschland über seinen nächsten absoluten Topstürmer freuen.



Bisher 4 Kommentare ↓
1 runnerrunnertobi // 10. Mai 2009 um 11:15
Sehr schöner Beitrag. Ich bin zwar kein ausgesprochener Fan von MG, aber er hat wirklich großen geleistet diese Saison! Und in der Nati wirds auch wieder laufen. Löw hat zum Glück Vertrauen in ihn!
2 Nicht so schlecht. « angedacht // 10. Mai 2009 um 15:11
[...] Aber eigentlich wollte ich ja ein paar Sätze zu einem begeisternden Fußballspiel schreiben, das der VfB mit 4:1 gewann. Es ehrt Mario Gomez, dass er sich bereits unmittelbar nach dem Spiel gegen die auf ihn zugeschnittenen Lobeshymnen zur Wehr zu setzen versuchte und die Leistungen seiner Mitspieler hervorhob; gleichzeitig fällt es mir schwer, dem Sportmedienblog zu widersprechen: “Der Grund, warum der VfB Stuttgart dort oben steht, ist Mario Gomez. Auch wenn er sich in den gestri…“ [...]
3 Dale Cooper // 10. Mai 2009 um 19:41
Großes Lob für die niedergeschriebenen Abfolgen deiner Gedanken. Kann ich größtenteils so nachvollziehen. Danke dafür.
4 Tobias (Meine Saison) // 10. Mai 2009 um 23:18
Sehr schöne Analyse zu Mario Gomez. Und auch deine Worte zum “Torinstinkt” treffen mMn voll ins Schwarze!
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