Am letzten Samstag war ich also bei meinem ersten Premier League Spiel im Stadion. In Deutschland gehe ich zwar recht regelmäßig zu Spielen, aber das war dann doch etwas besonderes. Und nur aufgrund des schwachen Pfund-Kurses waren so gute Tickets finanziell vertretbar - Unterrang West Stand, Reihe 9, direkt am Eckfähnchen. Preis des Tickets: 63,70 Pfund. Das ist doch wortwörtlich eine andere Liga als Bundesliga.
Wenn man sich überlegt, dass Spiel ausverkauft war, kann man sich - neben den TV-Einnahmen - denken, warum die englischen Erstligisten finanziell auf Rosen gebettet sind.
Es ging gegen West Ham United, also auf dem Papier ein Kampf der Verfolger um einen Platz im Europapokal. Aber natürlich geht es noch um viel mehr - denn es ist derby time. Nicht erst seit Lasagna Gate, als Martin Jols Spurs am letzten Spieltag 2005/06 nach dem Genuss verdorbener Lasagne im Mannschafts-Hotel durch eine Niederlage im letzten Saisonspiel bei den Hammers die Champions League-Qualifikation verdaddelten, stellen die Spiele gegen West Ham hitzigere Duelle unter den vielen London derbies dar.
Gegen 13.15 Uhr Ortszeit kam ich per U-Bahn an der Seven Sisters Station an und wurde erstmal in eine andere Welt geworfen.
Ich war seit Donnerstag in London, und Tottenham hat wie erwartet einen ganz anderen Charme als Central London. Es wirkt weitaus normaler, weitaus weniger hektisch als die touristenüberflutete Innenstadt - trotz größerem Auflauf wegen des Spieltags. Außer einem Aldi (ja, wirklich) und einem Tesco wird das Straßenbild von kleinen Shops (Kebab & Co.) und vielen Pubs dominiert. Mein Hotel lag in Kensington, also eine halbe Ewigkeit am anderen Ende der Stadt - und ein weitaus besseres Viertel, auch wenn Tottenham nun nicht heruntergekommen aussieht. Nicht, dass man mich falsch versteht. Aber im lokalen Tesco gibt es zum Beispiel keinen Self Checkout…
Nach etwa zwanzig Minuten Fußmarsch, zusammen mit einigen Tottenham-Fans, kam ich dann an der White Hart Lane an. Und bis hierhin war das Polizeiaufgebot genau null, was mich ehrlich gesagt angesichts der Brisanz des Derbys gewundert hatte. Aber hier waren dann doch die in Großbritannien üblichen gelben Neonjacken von Metropolitan und London Transport Police zu sehen. Zahlenmäßig war aber doch weniger Präsenz anwesend als bei einem durchschnittlichen Bundesliga-Spiel.
Wie bei vielen älteren Stadien Englands liegt auch dieses mitten in einem Wohngebiet, ziemlich direkt an einer Hauptverkehrsstraße. Entsprechend war der Platz vor dem Stadion eher begrenzt. Viele Fans statteten vor dem Spiel dem völlig überfüllten Spurs Store einen Besuch ab, der am Osterwochenende mit einem großen Schlussverkauf aufwartete.
Über eine Nebenstraße, die Paxton Road, ging es dann zu meinem Eingang.
Auch hier eine Überraschung. Null Kontrolle, null Misstrauen, kaum Polizei, wenige Ordner. In deutschen Stadien wird jede Tasche gecheckt, jeder Besucher abgetastet. Hier? Zumindest für Heimfans offenbar undenkbar. Dafür muss man sich aber durch ein sehr enges Drehkreuz zwischen zwei engen Wänden zwängen. Menschen mit etwas mehr Übergewicht könnten hier vor Problemen stehen.
Im Stadion selbst merkt man, dass es sich um ein historisches Stadion handelt, keine der in den letzten Jahren erbauten, oftmals seelenlosen Betonschüsseln. Man sieht Backsteine, wenige Getränkestände, einen Wettschalter, ein enges Klo. Und Fernseher, auf denen das Mittagsspiel Liverpool - Blackburn läuft. Vor diesen versammeln sich auch die Fans mit ihren Getränken und vertreiben sich die Zeit. Denn im Innenraum ist Alkohol nicht gestattet, außerdem darf dieser nur bis eine Viertelstunde vor Spielbeginn ausgeschüttet werden. Ein Grund, warum die Stadien bis kurz vor Anpfiff fast ganz leer bleiben.
Als das Mittagsspiel mit einem souveränen 4-0 des LFC zuende geht, mache ich mich dann auf zu meinem Platz. Was dem deutschen Stadiongänger sofort auffällt: Es ist merklich leiser. Und das meine ich nicht negativ. Es fehlt fast komplett das ohrenbetäubende Ballyhoo der Ballermann-Fraktion und Stimmungsanheizer. Keine dusslige Stimmungsmusik, dafür Indie Rock. Kein Gegröhle eines Möchtegernwitzboldes, sondern Informationen zum heutigen Spiel und der Mannschaft. Es ist alles ein wenig klassischer, ein wenig echter, weitaus naher dran am tatsächlichen Fußball. Es ist weniger gekünsteltes Event, aber gerade das macht das Ambiente aus.
Als die Spieler dann einliefen, war das Publikum - auch ohne Anheizer - weitaus lauter als in so manchem deutschen Stadion.
Zu Beginn stand noch das ganze Stadion. Danach wurde sich - bis auf in der Gästekurve - artig hingesetzt. Zumindest diese Anweisung der Durchsage wurde befolgt. Die, doch bitte auf Schimpfwörter zu verzichten, nicht.
Zum Spiel muss man nur wenig sagen. West Ham hatte eine gute Chance durch Di Michele, die vereitelte aber Schlussmann Gomes, der sich inzwischen gefangen hat und nicht mehr der Fliegenfänger der ersten Monate ist. Ansonsten entfielen die Spielanteile fast nur auf die Heimmannschaft, und in der zweiten Hälfte fiel dann das Tor durch den eingewechselten Roman Pavlychenko. Aaron Lennon verpasste im Anschluss die vorzeitige Entscheidung, und auch der eingewechselte deutsche Juniorennationalspieler Savio Nsereko - dessen Auftritt die vier anderen deutschen Fans vor mir beinahe in Extase versetzte - konnte nicht mehr die Niederlage für die Hammers verhindern.
Trotzdem war es von der Spiel- und Unterhaltungsqualität ein, zwei Stufen über dem durchschnittlichen Bundesliga-Spiel.
Noch vor dem Abpfiff begann sich das Stadion zu leeren, mit dem endgültigen Ende dann ergriffen die meisten Fans hektisch die Flucht. Etwas ungewohnt für jemanden, der aus Deutschland noch ausgiebiges Feiern der Fans mit der Mannschaft gewohnt ist. Hier laufen die Mannschaften kurz in ihre Kurven, kurzes Klatschen, fertig. Ab zur U-Bahn.
Ich habe mich dieser Hektik nicht angeschlossen, was einerseits ein Fehler war, andererseits mir so aber auch den Grund für diese Hektik offenbarte.
Ich ging gemütlich nach ein paar Minuten aus dem Stadion (nun übrigens unter erhöhtem Polizeiaufgebot), holte mir im Supermarkt noch etwas zu trinken und wollte dann zur U-Bahn-Station zurück. Nur hatte die Polizei in genau diesem Moment die Idee, die West Ham Fans zu eben jener zu geleiten. Links, rechts, vorne und hinten eingekesselt von Polizisten in Kampfmontur wurden die Hammers-Fans en block zu einem Eingang der U-Bahn-Station geleitet und dort aufgehalten. Dann wurde die U-Bahn-Station an allen anderen Eingängen abgesperrt, um ein Vermischen der Fans zu verhindern.
Diese ganze Aktion dauerte etwa zehn Minuten, bis alle Auswärtsfans im Zug saßen und Richtung Heimat unterwegs waren. Aber ein Lob an die Londoner Polizei, das war eine effektive Aktion und mit wenig Aufruhr verbunden. Überhaupt war, trotz ständiger Präsenz nach dem Spiel, keine Aggressivität zu spüren.
Insgesamt war es aber ein grandioses Erlebnis, dass einem vor Augen geführt hat, wie Fußball kommerziell erfolgreich veranstaltet werden kann, ohne zugleich zu einem seelenlosen Plastik-Event zu verkommen.







Bisher 3 Kommentare ↓
1 andreas // 20. Apr 2009 um 8:36
sehr schöner bericht dessen vergleichsfazit ich mich nur anschließen kann: liebe bundesliga, es liegt nicht nur am geld!
aber vielleicht bekommt ja jeder den profifussball, den er verdient
btw: die englische tradition, erst kurz vor anpfiff ins stadion zu gehen ist wesentlich älter als das alkoholverbot.
gruß,
a.
2 Tobi // 1. Jul 2009 um 14:36
Hallo.
Wirklich ein sehr netter Bericht, der mir nur noch mehr lust macht endlich ein Premiere League Spiel live zu sehen. Im Oktober ist es bei mir soweit…oder zumindest geplant;-)
Eine Frage hab ich jedoch…kannst du mir sagen wie du an Karten gekommen bist?!Wäre super…. danke und Grüße
3 RealityCheck // 1. Jul 2009 um 15:29
Über die Website der Spurs. Braucht man jedoch ‘ne Kreditkarte für.
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