sportmedienblog

Ein Blog für Sport, Medien und Sportmedien

sportmedienblog header image 2

Wem im Europacup die Daumen drücken?

6. April 2009, 10:51 · 7 Kommentare

Eine Frage, wohl so alt wie der Europacup selber. Mindestens aber so alt, wie die UEFA Fünfjahreswertung. Zu wem hält man im Europacup, wenn Bundesligisten, nicht aber die eigene Mannschaft involviert sind? Oder noch schlimmer, wenn gar ein Konkurrent aus dem Liga-Alltag antritt?

Ganz häufig tritt dieses Phänomen bei den Bayern aus München auf, schon allein aus rechnerischer Wahrscheinlichkeit. Die Bayern sind regelmäßig im Europacup vertreten, erreichen auch oftmals spätere Runden, in denen sie einer der wenigen deutschen Vertreter stellen. Noch dazu ist natürlich der Fakt zu erwähnen, dass Bayern schlicht und ergreifend der polarisierendste Klub der Bundesliga sind. Da tut sich so mancher schwer, diese im internationalen Geschäft zu unterstützen, wenn er sie am Wochenende in den heimischen Stadien aufs bitterste beschimpft.

Da ist es auch kein Zufall, dass gerade Bayern-Fans sich oftmals lauthals über mangelnde Unterstützung durch Fan-Kollegen anderer Lager im Europacup beklagen und auch diese, nennen wir sie mal Missgunst, häufiger bei den Fans der anderen Vereine auftritt.

Aber was sind die Gründe hierfür? Ist dies normal, und wenn nein, was wäre eigentlich das richtige Verhalten?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass in Deutschland zumindest in Bezug auf die Nationalmannschaft zivile Zustände herrschen. Vorkommnisse wie etwa in Spanien, wo Barca-Fans Madrid-Spieler im Einsatz für Spanien ausbuhen, sind hier zum Glück die Ausnahme und eher auf Einzelschicksale und kurzfristige Ereignisse zurückzuführen, wie etwa Lehmanns Auftritt für die Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel der Allianz Arena. Interessant, dass hier ausgerechnet die zuvor als Leidtragenden bezeichneten Bayern mal in der Rolle der Täter zu verorten sind. Wobei natürlich die Frage gestellt werden muss, ob in einem Pflichtspiel so etwas auch passiert wäre und diese Buhrufe nur der Sondersituation des Spiels gegen eine Klubmannschaft zu schulden sind.

Dass der gemeine Nicht-Bayer international dem Gegner der Bayern die Daumen drückt, kommt da schon weitaus häufiger vor. Es ist im übrigen auch kein rein deutsches Phänomen, bei weitem nicht. Ein Celtic Fan würde den Teufel tun und die Rangers im UEFA Cup Finale unterstützen - im letzten Sommer war das Zenit-Trikot bei vielen Fans der Hoops sehr begehrt. Aber auch so mancher deutscher Fan dürfte eine Runde zuvor zumindest imaginär die Zenit-Fahne geschwenkt haben, als diese den Bayern den Weg zum kleinen Triple verdarben. Bei dem Ausscheiden der Leverkusener eine Runde zuvor aber dürfte die Mehrheit der neutralen Fans hierzulande doch dem deutschen Vertreter die Daumen gedrückt haben.

Der Hauptgrund für dieses Verhalten ist wohl in der persönlichen Perspektive zu finden. Wie soll ein Fan eines Mittelfeld-Teams unmittelbar einen Vorteil aus dem internationalen Erfolg der Bayern ziehen? Eine Qualifikation für den UEFA Cup erscheint selbst bei einem zusätzlichen Startplatz für die Liga abwegig. Und selbst wenn man mal mehr oder weniger aus Versehen in den Europacup rutscht, so ist dies doch die Ausnahmen, ein Zubrot, und dominiert nicht die Ambitionen des Mittelklasse-Fans. Hier ist das Tagesgeschäft eben wichtig, und hier ist das Highlight, wenn auf eigenem Platz der große FC Bayern niedergekämpft wird. Der Europacup ist fern, und daher erkennt man keine unmittelbaren Vorteile für sein eigenes Wohlergehen. Und da siegt dann doch der Egoismus.

Aber gibt es für diese Mittelfeld-Teams nicht doch Vorteile eines internationalen Erfolges anderer Bundesligisten? Hier vergessen viele, dass das Geld, was bei Bayern in die Kasse fließt, oftmals zum Teil zu den anderen Vereinen heruntertröpfelt, greift der Rekordmeister bei Transfers doch gerne bei der nationalen Konkurrenz zu. Das Geld aus der Champions League wandert also über Umwege zum Teil in die Taschen der Mittelklasse-Teams - deren Fans unter der Woche noch auf ein Ausscheiden der Bayern gehofft haben.

Außerdem ist der Imagebonus der Liga nicht zu verachten. Angenommen, ein deutscher Bundesligist und ein englischer Club aus der Premier League bieten exakt die selbe Summe für einen ausländischen Nationalspieler. Wo wird dieser wohl hingehen? In die Liga, die er jedes Wochenende aus dem Fernsehen kennt? Deren Spitzenteams Jahr für Jahr die Hälfte der Viertelfinalisten der Champions League stellen? Ins Land des Champions League-Siegers? Oder nach Deutschland, wo die Stadien der Star sind?
Es fällt schwer hier für die Bundesliga zu argumentieren. Und oftmals sind die finanziellen Bedingungen zusätzlich dort noch attraktiver.
Ein internationaler Erfolg der Bundesligisten hilft hier also der ganzen Liga und erleichtert Spielerverpflichtungen.

Während man bei Fans kleinerer Mannschaften noch logische, wenn auch vielleicht kurzfristige Gründe findet, warum einem das internationale Abschneiden anderer Klubs egal sein mag, so fällt dies bei international ebenso ambitionierten Mannschaften schon schwerer.

Warum etwa drückt ein Fan von Werder Bremen, von Schalke, vom HSV dem Gegner der Bayern international die Daumen, wenn es doch für seine eigenen Saisonziele einfacher wäre, wenn nicht der fünfte, sondern schon der sechste Platz für das internationale Geschäft reichen würde?
Liegt es nur an der emotionalen Wunde, die das ständige (vielleicht erfolglose) Reiben am Konkurrent in der Bundesliga verursacht, die dann doch zu tief ist, um im Europacup mal dies hintan zu stellen? Oder ist es auch eine gewisse Kurzsichtigkeit, das sich so mancher Fan sehr oberflächlich mit seinem Hobby befasst - was nun nicht nur negativ sein muss. Dem es genügt, bei seinem Verein in der Kurve zu stehen, dem die Gesamtentwicklung der Liga am Allerwertesten vorbei geht?

Es ist wohl eine Gemengelage aus all diesen Punkten. Es fällt einem nicht schwer nachzuvollziehen, wie viel Überwindung es einen Schalker nach 2001 kosten müsste, für Bayern die Daumen zu drücken. Wie sehr ein eingefleischter HSVer sich strecken müsste, um dem ewigen Nordrivalen Werder Bremen, der einen in den letzten Jahrzehnten überflügelte, für den Europacup Gutes zu wünschen.
Jedoch fällt dies einem mit Sicherheit einfacher, wenn man persönlich Vorteile aus diesem Erfolg vermutet oder erkennt. Und je mehr einem dies bewusst ist, je höher dies in dem persönlichen Koordinatensystem eingeordnet wird, desto einfacher ist es, den alltäglichen Ärger über andere Vereine im Europacup mal zu vergessen. Und da nicht eurphorisch, aber doch zumindest etwas hinter dem deutschen Vertreter zu stehen.

Tags: Bundesliga · Champions League · Fußball · Sport · UEFA Cup

Bisher 7 Kommentare ↓

  • 1 NoteMe // 6. Apr 2009 um 13:10

    Für mich ist die Sache klar, wenn Vertreter der Bundesliga im Europapokal antreten, freue ich mich über deren Erfolge, ganz egal, ob ich ihnen im Ligabetrieb eher wohl gesonnen, ablehnend, oder indifferent gegenüberstehe.

    Selbst wenn es in diesem Jahr dazu kommen sollte, dass im möglichen UEFA-Cup-Halbfinale der HSV “meine” Bremer schlägt, wäre ich im Finale wieder auf Seite der Hamburger. Und nicht nur, weil es besser aussieht, wenn man gegen den späteren Titelträger ausgeschieden ist. ;-)

  • 2 frankfurter löwe // 6. Apr 2009 um 19:23

    Die Frage, ob man für die Bundesligisten ist oder nicht, hängt natürlich auch wesentlich vom Gegner ab. In dieser Saison etwa drücke ich dem FC Barcelona alle Daumen für die Champions League (weil sie einfach göttlich spielen), also auch gegen die Bayern. Warum soll man in Zeiten des vereinigten Europas - zumindest die Spitzenklubs in Spanien und England sind den Premiere-Sehern genauso vertraut wie die deutschen Vereine - auch generell für die Bundesligisten sein, zumal die Bayern sehr viele Feinde haben? Die von RC angeführten Gründe spielen sicher eine Rolle, doch ein Automatismus lässt sich daraus nicht herleiten.
    Eine echte Herausforderung ist dieses Jahr das Viertelfinale im UEFA-Pokal. Eigentlich will ich kein deutsch-deutsches Duell im Halbfinale, auf der anderen Seite kann ich ManCity und Udine wenig abgewinnen.

  • 3 Herr Wieland // 6. Apr 2009 um 21:15

    Ich sehe das andersrum.
    Wenn mir jemand sagt, dass er Schalke 04 richtig scheiße findet (kann ich nicht nachvollziehen, aber wieso auch immer), dann soll das eben so sein. Wenn der mir aber dann sagt, dass er S04 letztes Jahr im Europapokal doch die Daumen gedrückt hat, frage ich mich: Was stimmt mit seinem Gefühl nicht?

    Dieses Umschalten von Gefühlssache auf Kopfsache ist mir äußerst suspekt. Da kann doch irgendwas nicht stimmen, beim achso emotionalen Fußballfan, welcher sich seinen Club natürlich nicht ausgesucht hat, sondern der ihm gottgegeben ist.

    Aber noch was anderes: Mit 14 oder so ist mir mal bewusst geworden, dass es der spielenden Mannschaft scheißegal ist, wem der vor dem Fernseher sitzende Torsten die Daumen drückt. Seitdem sehe ich das nicht mehr so verbissen, wenn andere als mein Club spielen ;-)

  • 4 Oliver (Breitnigge) // 6. Apr 2009 um 22:01

    @Herr Wieland: Danke. Für Deine Sichtweise. Jede andere ist mir nämlich genauso suspekt.

    Fußball ist Emotion. Ich bin Fan. Meines Vereins. Dieses Gefühl kommt zuerst. Nationalmannschaft kommt später.

    Und ich persönlich kann ebenfalls nicht im Ansatz nachvollziehen, weshalb man einen Verein am Wochenende noch scheiße findet, ihm Mittwochs aber zujubelt. Sowas geht für gar nicht.

    Wieso auch?

    Weil um die 5-Jahreswertung geht? So’n Quatsch. Ist mir doch schnuppe, ob der 4., 5. oder 6. der Tabelle mal so im Europapokal “reinschnuppern” will.

    Wenn die Bayern nicht Meister werden und auch die CL-Quali verpassen, dann haben sie’s halt nicht verdient. Basta. Da muss man nicht groß rumheulen.

    Und zu Bayern-Spielern im EC: Ist mir total egal, ob uns alle ein Ausscheiden wünschen. Ich habe auch meine Vereine (in Deutschland, wie in Europa verteilt), denen ich die Pest an den Hals wünsche.

    Mittwochs wie Samstags.

    Was denn sonst?

  • 5 links for 2009-04-07 | Du Gehst Niemals Allein // 7. Apr 2009 um 13:03

    [...] Wem im Europacup die Daumen drücken? - Sportmedienblog (tags: europa bayern fans championsleauge uefacup) [...]

  • 6 jens [catenaccio] // 7. Apr 2009 um 13:23

    warum man eine fcb-sympathie an der 5-jahres-wertung aufhängen muss, versteh ich auch nicht, aber fragen wir doch mal so… wenn ich bayern am samstag doof finde und barcelona am sonntag, darf ich dann ein bisschen mehr sympathie für die deutschen haben?

  • 7 probek // 7. Apr 2009 um 16:22

    Es gibt sogar Länder, die für diese Art der Missgunst ein eigenes Wort haben. Soviel zum “richtigen” Verhalten.

Kommentar hinterlassen