Nur ein Punkt weg von der Spitze, punkt- und torgleich mit dem großen FCB aus München - der VfL Wolfsburg gehört in dieser Saison zu den großen sportlich positiven Überraschungen der Bundesliga. 1997 aufgestiegen in die Bundesliga, erwarteten viele Fußballinteressierte und -experten früher oder später den Vorstoß in die nationale Spitze. Der Grund dafür war schnell gefunden: Volkswagen.
Der große deutsche Autobauer aus Niedersachsen mit der Konzernzentrale in eben jener Retortenstadt kleckert natürlich nicht, wenn man im Fußball einsteigt. Die Champions League wurde damals ganz offensiv als Ziel ausgegeben, die positiven Erfahrungen des Bayer-Konzerns im Hinterkopf ersann man ungeahnte Werbereichweiten durch einen Erfolg in der europäischen Königsklasse.
Doch der große Erfolg blieb lange aus. Qualifikation für eben jene ersehnte Champions League? Fehlanzeige. Unregelmäßige Abstecher im immer unpopulärer werdenden UEFA Cup, oftmals über den Umweg UI-Cup, warum das höchste der Gefühle.
Doch diese Saison sieht es für den VW-Klub (man besitzt 100% der Anteile der VfL Wolfsburg Fußball-GmbH) richtig gut aus.
Aber wo ist der Grund für diesen erkennbaren Schritt nach vorne zu finden? Oder liegt der Grund gar nicht in einzelnen Maßnahmen, ist der Erfolg nur die notwendige Konsequenz des jahrelangen und in den letzten Jahren intensivierten finanziellen Investments des Volkswagen-Konzerns?
Bis zum Sommer 2007 spielte der VfL Wolfsburg gegen den Abstieg. Oft war dieser nur in letzter Sekunde zu verhindern. Den Machern im Hintergrund war also klar, dass es so mit ihrem Baby nicht weitergehen konnte. Viel schlimmer, es drohte gar ein Imageschaden für den Stammkonzern, für die Marke Volkswagen, wenn man mit einem maroden Retortenklub, der sportlich nur für Negativschlagzeilen sorgt, in Verbindung gebracht wird.
Auftritt Felix Magath. Beim Rekordmeister zuvor geschasst, erhielt er in der Autostadt den Auftrag zur Generalsanierung, zum Relaunch der Wölfe, wie der PR-Mann sagen würde. Der Meistertrainer erhielt nicht nur den Trainerstuhl, sondern füllte auch den vakanten Posten des Managers aus. Er bekleidete damit eine Rolle, die dem des britischen Managers nicht unähnlich ist. Wie oft beklagte Magath zuvor schon, dass der Trainer in einem Verein (zu) wenig zu sagen habe. Nun, als Trainer und Manager in Personalunion, dazu noch mit Gnaden von VW-Chef Martin Winterkorn - der als FC Bayern-Aufsichtsrat den Kontakt herstellte - verfügte Magath über eine Stellung in seinem Verein, die sonst nur mit der von Ralf Rangnick bei der TSG Hoffenheim vergleichbar ist.
Bekam er zuvor bei den Bayern einen Kader zur Seite gestellt, auf den er nur begrenzten Einfluss hatte und der zum Großteil von der Führungsmannschaft um Hoeneß und Rummenigge bestimmt wurde, konnte Magath sich seinen Wunschkader zusammenbasteln.
Hinzu kam ein nicht unwesentlicher finanzieller Spielraum, der ihm von VW eingeräumt wurde. Transfermarkt.de verzeichnet für die laufende Saison ein Transferminus von ca. 30 Mio Euro, ein doppelt so großer Verlust wie in der ersten Magath-Saison, der jedoch auch durch die nciht marktgerechten Transfererlöse für Mike Hanke und Andres D’Alessandro verzerrt wird. In zwei Magath-Saisons durfte dieser zusammen über 60 Mio Euro ausgeben. In den Jahren zuvor wurden selten mehr als zehn Mio Euro ausgegeben, zuweilen wurde zudem ein Transferüberschuss erzielt.
Ein Wechsel der Transfer- und Investmentstrategie, der mit dem Engagement von Magath zusammenfällt, ist hier deutlich erkennbar. Selbst der FC Bayern hat - trotz der Verpflichtungen von Luca Toni und Franck Ribéry - weitaus weniger Kapital aus der Festgeldabteilung in den letzten zwei Jahren abgeschmolzen.
Gleichzeitig ist auch ein deutlicher Ausbau des Umfangs des Kaders erkennbar. Der VfL Wolfsburg verfügt über den größten Kader der Bundesliga, 34 Spieler verfügen bzw. verfügten diese Saison über einen Profivertrag bei den Niedersachsen, eingesetzt davon wurden bisher 27. Es braucht kein großes Fachwissen, um bei diesen Zahlen zu erkennen, dass dem Trainer hier hervorragende Arbeitsbedingungen an die Hand gegeben wurden. Ein sowohl in der Spitze wie in der Breite hervorragend aufgestellter Kader, der verletzungs- und leistungsbedingte Ausfälle ohne weiteres kompensieren kann und selbst einen kostspieligen Fehleinkauf wie Cristian Zaccardo verkraftet.
Daher stellt sich die Frage, ob hier wirklich eine großartige Leistung von Magath zu finden ist, der in nur zwei Jahren aus einer grauen Maus einen Titelanwärter gebastelt hat, oder ob angesichts der Umstände Magath gar nicht scheitern konnte und der Erfolg nur notwendige Konsequenz aus den Investitionen in die Mannschaft ist.
Felix Magath erreichte in seiner Zeit bei Bayern München zwar zweimal das Double, blieb aber sowohl auf internationaler Ebene wie auch generell in der Spielweise der Mannschaft hinter den Erwartungen zurück. Nicht viele lasten ihm auch - nicht ganz ohne Grund - das Verpassen der Champions League in der Saison 2006/07 an, hinterließ er doch - so die Meinung mancher - spielerisch und taktisch einen Scherbenhaufen, der nur durch einen deutlichen Schnitt in der Kaderzusammenstellung behebbar war. Seine Zeit bei den Bayern war geprägt von der Erfüllung der Pflichtaufgaben und einem Versagen in der Kür.
Beim VfB Stuttgart sah es anders aus. National die Qualifikation zur Champions League geschafft, international etwa Manchester United daheim geschlagen. Hier holte Magath zweifellos mehr aus einem weitaus schlechter aufgestellten Kader heraus.
Daher liegt die Antwort wohl, wie so oft, in der Mitte. Felix Magath ist schlussendlich auch für die Transfers verantwortlich, und man muss ihm zugute halten, dass er mit dem Sturmduo Grafite/Dzeko zwei Spieler nach Deutschland holte, die ihren Wert nun schon verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht haben. Grundsätzlich verpflichtete Magath selten fertige Spieler, sondern setzte auf entwicklungsfähige, junge Leute, die der breiten Masse an Fans kaum bekannt waren. Teure Fehleinkäufe wie Zaccardo nagen jedoch an Magaths Erfolgsbilanz.
Jedoch wären diese Verpflichtungen ohne die reichlich von VW gefüllte Kriegskasse niemals möglich gewesen. Edin Dzeko stand zuvor schon bei so manch anderem Bundesligisten auf der Einkaufsliste, bei den - zu diesem Zeitpunkt überzogenen - Ablöseforderungen musste aber so mancher abwinken.
Es bleibt abzuwarten, wo der Weg des VfL Wolfsburg endet. Und ob ihn VW und Magath bis zum Ende zusammen gehen werden.

Bisher 2 Kommentare ↓
1 Tobi // 2. Apr 2009 um 13:54
Schöner Artikel,
was natürlich nadenklich stimmt ist das Ausscheiden im Uefa-Cup. Wenn man sich einig ist, dass der VfL derzeit absolut auf seinem Zenit steht und wohl nächstes Jahr in der CL spielen könnte dann ist das mehr als kläglich zumal Paris nicht mal national die Erfolge aufweisen kann die Wolfsburg hierzulande schafft. Da sind also schon noch einige Kratzer vorhanden.
2 Dülp // 14. Apr 2009 um 23:11
An den großen Investitionen liegt der Erfolg m.E. nicht, denn die tragen in dieser Saison nur wenig zum Erfolg bei.
Von den 30 Mios entfielen 21 Mios auf Zaccardo und Barzagli, die nicht die zentralen Figuren der Mannschaft sind.
Magaths Königseinkäufe waren Josue (der nur 1,5 Mios gekostet hat) und Misimovic (4 Mios). Die beiden sind das Herz des Wolfsburger Spiels. Dazu hat er sich zwei Stürmer geholt, die immer für ein Tor gut sind - aber auch vom Spiel profitieren.
Eine Riesen-Saison spielen auch Gentner - von Stuttgart abgeschoben - und Riether - der vor der Saison zur Diskussion stand und fast zu Gladbach gewechselt wäre.
Unter dem Strich haben sich die Spieler am besten entwickelt, denen einige Kritiker eher wenig zugetraut haben. Deshalb: Hut ab Herr Magath. Das war Auge und nicht Kohle.
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