“Wir haben uns dazu entschlossen, in die kommende Saison mit Toni, Klose, Ivica Olic und Thomas Müller zu gehen.”
So Uli Hoeneß im Münchener Merkur, womit er den Forderungen vieler Fans nach einer weiteren Verstärkung im Sturm für die neue Saison eine Absage erteilt. Olic wird den im Sommer auch körperlich aus München abwandernden Lukas Podolski ersetzen, dazu wird Thomas Müller an die Profimannschaft herangeführt. Somit geht der FC Bayern erneut nur mit nur drei Stürmern von Bundesliga-Format in die Saison, eine beinahe fahrlässige Entscheidung angesichts (vermutlich) dreier Klubwettbewerbe plus diverser Länderspiele in der Hochphase der WM-Qualifikation.
Hoeneß führt hier an, er habe lieber einmal ein paar Wochen einen Engpass im Sturm als eine ganze Saison solch ein Theater wie bei Lukas Podolski in den letzten Jahren. Da stellen sich aber zwei Fragen. Erstens: Wie groß muss das Theater mit Prinz Poldi hinter den Kulissen wirklich gewesen sein, denn das Veröffentlichte war zwar omnipräsent, übersteigerte jedoch die bei Bayern übliche Unruhe kaum. Zweitens: Welche Meinung hat Hoeneß von der Konkurrenz in Liga und Europapokal, oder noch schlimmer, hat Hoeneß angesichts der Scheichmillionen und der sich nicht einstellen wollenden Marktbereinigung im internationalen Klubfußball durch die Finanzkrise für mindestens die nächste Saison resigniert, was höhere internationale Ambitionen angeht?
Denn üblich ist diese schwache Aufstellung des Kaders eines internationalen Topklubs - so der Selbstanspruch und der vieler Fans - nicht. Wobei der Sturm nach jetzigem Stand nicht die einzige erkennbare Baustelle sein dürfte, auch in der nächsten Saison nicht.
Unter den Achtelfinalisten der Champions League bietet einzig Atletico Madrid nur drei gelernte Stürmer auf - jedoch verfügt man mit Maxi Rodriguez über einen rein offensiv denkenden Mittelfeldspieler.
Zugegeben, den Weg, die vierte Planstelle im Sturm mit Nachwuchsspielern zu besetzen, gehen unter den Achtelfinalisten einige, auch so klangvolle Namen wie Manchester United, Liverpool oder Chelsea. Jedoch erscheint dort angesichts der Qualität der Stürmer eins bis drei der Bedarf nach einem vierten Topstürmer weniger dringend. Insofern richtet sich die Kritik mehr an die bayerische Personalplanung der aktuellen Saison 2008/09. Da in der neuen Saison der dritte Stürmer Ivica Olic heißen wird, entschärft sich die Situation etwas und die Aussage Hoeneß’ lenkt etwas von der wirklichen Problemstellung ab.
Die Bayern-Führung unterschätze vor der Saison die Gefahr, dass einerseits der Kader satt war aufgrund der Erfolge der Übersaison unter Hitzfeld. Die Motivationsprobleme weiter Teile des Kaders sind unübersehbar. Andererseits überschätze man die Leistungsbereitschaft bzw. -fähigkeit eines Lukas Podolski, der spätestens im Herbst letzten Jahres mit dem Kapitel München abgeschlossen hatte. Die erhoffte Leistungsexplosion nach dem festgezurrten Wechsel nach Köln endete auch eher unauffällig (vorerst?) nach zwei guten Spielen gegen Sporting und Bochum mit einer desaströsen Leistung gegen den Tabellenletzten aus Karlsruhe.
Bayern wackelt derzeit mit zwei halben Stürmern durch die Rückrunde der Bundesliga und die heiße Phase der Champions League, nun durch ein Thomas Müller aushelfen, der zu Beginn der Saison noch als Mittelfeldspieler (!) bei Bayern II eingeplant war. Nichts gegen Thomas Müller, seine ersten Auftritte ließen zumindest die Zweifel an seiner Eignung nicht wachsen, und Personen mit mehr Einblick und Sachverstand trauen ihm den Sprung in die erste Mannschaft durchaus zu.
Aber kann es sich ein von der Spielweise inzwischen so offensiv ausgerichteter Klub wie der FC Bayern tatsächlich erlauben, bei einem Ausfall von nur einem Stürmer schon als einzige Alternative nur auf ein Talent angewiesen zu sein? Wäre es nicht intelligenter, für relativ kleines Geld einen erfahrenen Stürmer, Typ “Oliver Neuville”, für ein, zwei Jahre zu verpflichten? Ein Stürmer, der mit dem Bankplatz zufrieden ist und bei Einwechslungen unaufgeregt seine Leistung bringt, weil er schlicht und ergreifend nichts zu verlieren hat? Einfach, um auch das letzte Risiko soweit wie möglich auszuschließen. Denn der worst case kommt schneller als man denkt - man sieht es derzeit.
Die Fragen muss man stellen. Und man muss sich auch fragen, warum der FC Bayern hier so defensiv agiert, wo man doch vor nicht allzulanger Zeit noch den Anspruch hatte, dass jeder der eigenen Bankspieler bei den meisten Bundesligisten zum Stamm gehören würde.

Bisher 11 Kommentare ↓
1 ckwon // 25. Mrz 2009 um 9:14
Hmmm, also ich würde zwischen den Zeilen lesen. Die Transferperiode läuft ja noch, wenn die Saison staret. Wahrscheinlich erwartet Uli H. das gegen Ende der Transferperiode wg. Wirtschaftskrise die Stürmer billiger zu haben sind. Oder er will Ruhe vor den Journalisten und präsentiert in zwei Wochen einen Neuzugang.
2 Hirngabel // 25. Mrz 2009 um 10:44
Was sich mir bei Hoeneß’ Aussage ja vor allem aufdrängt:
Warum zur Hölle sollte Podolski sich jetzt eigentlich überhaupt noch anstrengen in den verbliebenen Spielen? Wenn mein Manager mir etwas derartiges sagt, mein Abschied klar und absehbar ist und ich nicht unbedingt auf zusätzliche Prämien angewiesen bin - dann würde ich mir nun wohl auch eher einen lauen Lenz machen. Find ich doch eher unglücklich.
(Auch wenn ich Poldi keineswegs schuldfreisprechen will bzgl. der Situation)
3 probek // 25. Mrz 2009 um 12:26
Die Aussagen Hoeneß’ wurden übrigens aus einem längeren Interview zusammengebastelt, das man in zwei Teilen aber komplett online ansehen kann.
@ckwon: Zwischen den Zeilen?? Wenn von Aussagen immer auch das genaue Gegenteil von dem gelten soll, was ausgesagt wird, dann können wir das mit den Interviews und deren Interpretation gleich ganz lassen.
@Hirngabel: Ach, der arme Podolski. Welche Aussage soll denn jetzt schon wieder gegen den Prinzen gerichtet sein? Dass es ein Theater gab? Dass die Bayern auf ein Rückkaufrecht verzichten? Geht’s noch?
4 links for 2009-03-25 | Du Gehst Niemals Allein // 25. Mrz 2009 um 13:04
[...] Die Hoeneß’sche Blendgranate "Die Bayern-Führung unterschätze vor der Saison die Gefahr, dass einerseits der Kader satt war aufgrund der Erfolge der Übersaison unter Hitzfeld." (tags: bayern taktik kader bundesliga podolski olic) [...]
5 ckwon // 25. Mrz 2009 um 14:35
@probek: Mit dem “zwischen den Zeilen” meinte ich nicht, dass er das genaue Gegenteil meitn. Sondern dass die Betonung auf “in die Saison gehen” liegt. Was ja nicht automatisch heißt, dass man die gesamte Saison mit oben genannten bestreiten möchte, sondern evtl. erst in der Saison zuschlagen möchte.
6 Hirngabel // 25. Mrz 2009 um 15:36
Na, also bitte, probek. Wenn die Aussage “so ein Theater wie mit Podolski” NICHT gegen Podolski gerichtet sein soll, dann weiss ich es aber auch nicht. Das musst Du doch selbst als Bayern-Fan eingestehen.
Ich hab ja extra erwähnt, dass der feine Prinz definitiv nicht unschuldig an der Gesamtsituation ist (es gehören schließlich immer zwei dazu - um mal eine Phrase zu vermeiden).
Aber aus meiner neutralen Sicht kann ich es bei einer solchen Aussage, die mir einer meiner Chefs so auf den Weg gibt, sehr gut nachvollziehen, wenn ich mich als Angestellter nicht mehr mit voller Kraft für die jetzige Firma einsetze.
7 probek // 25. Mrz 2009 um 16:03
Na, also bitte, Hirngabel. Wer schon die (sowas von zutreffende) Aussage “so ein Theater” nicht abkann (oder darauf eingeschnappt reagiert) hat aber in keiner Profiliga was verloren.
Es geht dabei eher auch um Nicht-Beteiligte (wie z.B. VfB-Stuttgart-Fans), die auch meinten und immer noch meinen, was schlaues zur Poldi-bei-Bayern-Debatte beitragen zu müssen. Da kann ich Hoeneß schon verstehen. Wenn mich das Trara um Podolski schon so genervt hat: um wie viel nerviger muss das dann für den Manager des FC Bayern sein?
Ansonsten: schau dir besser mal die Videos an, dann wird die Aussage vielleicht klarer. Und gegen Podolski hat (auch und vor allem) Hoeneß sicherlich nichts, sonst hätten die Bayern ihn nicht zum Sonderpreis ziehen lassen.
Ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Podolski und Hoeneß nicht nur dem Umständen entsprechend gut ist, sondern sogar besser. Hoeneß mag Podolski. Hat sich halt sportlich nicht durchgesetzt, der junge Mann, kommt vor.
Nur bitter, dass uns so einer jetzt zum Champions-League-Titel schießen muss. Da wäre mir ein Stürmer von internationaler Klasse schon lieber.
8 Hirngabel // 25. Mrz 2009 um 18:49
Ich weiss ja, dass die Personalie Podolski ein sehr, sehr sensibles Thema unter den Bayern-Fans geworden ist, deswegen halte ich mich auf den Bayern-Fanblogs meist auch aus den Diskussionen um ihn (genauso wie um Donovan) raus. Aber auf einem von der Grundausrichtung her neutralen Sportblog wie diesem, mag es selbst mir als VfB-Fan wohl gestattet sein, dazu meinen Senf zu äussern, wenn jemand einen Blogeintrag schreibt, der sich AUSSCHLIESSLICH mit der Deutung einer Aussage von Hoeneß befasst.
Und für Dich mag diese Aussage in Ordnung sein. Aber wenn mein Chef nach beschlossenem und absehbarem Jobwechsel über mich sagen würde, dass er so ein Theater wie mit mir haben nie wieder haben möchte, dann trägt das garantiert nicht zu meiner Motivationssteigerung bei. Und das dürfte sicherlich auch einigen anderen gehen, vielleicht sogar Dir wenn Du ehrlich bist.
Das wollte ich einfach hier äußern - auch wenn das meinetwegen pure Spekulation ist.
Alles andere (von wegen Verhältnis zwischen den beiden ist okay) ist nämlich genauso pure Spekulation deinerseits, auch wenn Du FCB-Fan bist.
Ich wollte einfach nur meinen Eindruck zu dieser Aussage teilen.
9 probek // 25. Mrz 2009 um 21:49
Selbstverständlich darfst Du dich (mit welcher Meinung/These/Beitrag auch immer) dazu äußern. Genauso selbstverständlich darf ich bitte wegen Podolski genervt sein. Falls er denn, so wie du vermutest, so ein Sensibelchen ist, dann hätte er auch nur eine schöne weitere Entschuldigung dafür, Minderleistungen abzuliefern. Kann mich jetzt auch nicht mehr so erschüttern. Erstaunlich wäre nur, wenn er (sei es als Abschiedsgruß oder auch nur, weil der FC Bayern sein Arbeitgeber ist) mal seine Aufstellung mit Leistung rechtfertigen würde.
Und das mit der Sympathie, die Uli Hoeneß gegenüber Podolski empfindet: das musste mir jetzt einfach glauben. Bin zu genervt, dafür jetzt Belege zu suchen.
(und wenn der Müller, so wie heute, auch in der Champions League zwei blitzsaubere Konter-Tore macht, wird der kölsche Jung hoffentlich eh nicht mehr für die Bayern auflaufen)
10 Hannnns // 27. Mrz 2009 um 4:18
Wenn Müller momentan DIE Sturmhoffnung für die Bayern ist, warum durfte er dann gegen Karlsruhe nicht für den schwachen Podolski ran? Stattdessen wird van Buyten eingewechselt und Sosa in den Himmel gelobt.
11 frankfurter löwe // 28. Mrz 2009 um 21:20
Natürlich ist es ein enormes Risiko, mit nur drei gelernten Stürmern in die Saison zu gehen, zumal Luca Toni nicht jünger wird und verletzungsanfällig scheint. Auf der anderen Seite sehe ich das letzte Wort noch lange nicht gesprochen, kommt halt darauf an, was da so an Stürmern im Juli/August auf dem Markt ist. Ob der wirklich zusammenbricht, wie von Uli H. vorausgesagt, bleibt abzuwarten.
Erfreulich für die Bayern ist auf jeden Fall die Entwicklung von Sosa. Hat es offenbar begriffen und ist eine echte Alternative für eine Position vorne. Er hat m. E. von allen Bayern-Spielern die größte Entwicklung genommen.
Im übrigen finde ich die Baustellen auf den Außenseiten viel größer. Hier besteht echter Handlungsbedarf, weil bei aller Wertschätzung außer Lahm weder Lell noch Oddo internationalen Ansprüchen nicht entsprechen.
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