sportmedienblog

Ein Blog für Sport, Medien und Sportmedien

sportmedienblog header image 2

Die schleichende Demontage des Jürgen K.

21. Februar 2009, 12:31 · 8 Kommentare

Spätestens diese Woche hat sie endgültig begonnen: Die Demontage des Trainers Jürgen Klinsmann durch den Vorstand des FC Bayern.
Mit großen Ankündigungen wurde Klinsmann ein halbes Jahr vor seinem Dienstbeginn der Öffentlichkeit als neuer Bayern-Trainer präsentiert. Er werde den FC Bayern umkrempeln, den Abstand zu Europas Spitze verkleinern, und - die wohl am meisten medial verarbeitete Aussage - jeden Spieler jeden Tag ein wenig besser machen.
Doch von Anfang an schien es ein wenig so, als stünden zumindest Teile der Bayern-Führung nicht so wirklich hinter dem beinahe Trainer-Novizen, der in seiner Vita nur die Betreuung der deutschen Nationalmannschaft zwischen 2004 und 2006 aufzuweisen hat.

Es begann schon im Sommer. Der unter Hitzfeld aufgebaute, sehr gute Kader wurde spürbar ausgedünnt. Schlaudraff und Jansen wurden für gutes Geld verkauft, ohne wirklich Ersatz zu verpflichten. Auf den langwierigen Ausfall von Willy Sagnol, der schlussendlich zu dessen Karriereende vor wenigen Tagen führte, reagierte man mit der Ausleihe des Milan-Reservisten Massimo Oddo, der zu dem Amtsinhaber Christian Lell nur eine graduelle Verbesserung darstellt.
Im Sturm würde überhaupt nicht nachgebessert, sogar Sandro Wagner, den man in der Saison zuvor versuchte an den Profikader heranzuführen, wurde abgegeben.
Jürgen Klinsmann, der für seine offensive Spielweise bekannt ist, wurde mit für europäische Spitzenmannschaften lächerliche drei Stürmer in die Saison geschickt, von denen einer mit dem Kopf schon (immer noch?) in Köln war.

Im Mittelfeld wurde zuerst Mark van Bommel demontiert, indem das Werben um Mathieu Flamini und Gennaro Gattuso öffentlich wurde, dann aber kein Ersatz geholt. Wobei man hier ehrlicherweise anmerken muss, dass in Retrospektive inzwischen auch ein Bruch zwischen Klinsmann und van Bommel erkennbar ist, da der Vorstand offensiv dessen Vertragsverlängerung betreibt, die vom Trainer als nicht all zu essentiell angesehen wird. Hier ist also durchaus im Bereich des Möglichen, dass auch die Demontage van Bommels im Sommer von Klinsmann selbst ausging. Nichtsdestotrotz wurde hier dem Trainer auf der wohl wichtigsten Position im Fußball nicht das Vertrauen entgegen gebracht, dass man eine von ihm erkannte Schwachstelle in der Mannschaft nicht unbedingt neu besetzt hat.
Das Nachbessern mit Tymoshchuk zur neuen Saison kommt da eigentlich schon eher ein Jahr zu spät.

Generell verzichtete der Vorstand, der bei Bayern traditionell vornehmlich für die Transfers zuständig ist, auf Neuzugänge, die etwas frischen Wind in den Kader gebracht hätten. Ein Verhalten, das man angesichts den üblichen Mechanismen des Geschäfts nur als fahrlässig bezeichnen kann. Dass eine Mannschaft, die mit weitem Abstand deutscher Meister wurde, den DFB-Pokal gewann und im UEFA-Cup im Halbfinale stand, den Gegentorrekord der Bundesliga brach und mit Luca Toni den Torschützenkönig stellte, sich zuweilen auf ihren Lorbeeren ausruht und die Zügel etwas schleifen lässt, ist leider häufig zu beobachten.
Dies lässt sich nur durch zwei Mittel verhindern: Hervorragende Motivationsleistungen und neuen Druck in der Mannschaft durch Neuverpflichtungen.
Man Utd wird Meister und gewinnt die Champions League. Was macht man? Holt mit Dimitar Berbatov einen der besten Stürmer der Premier League. So hält man eine Mannschaft lebendig. Nicht, indem man einen Marcell Jansen verkauft und im Sturm Klose und Toni de facto eine carte blanche erteilt.

Zu Anfang der Hinrunde, genauer nach den Niederlagen gegen Bremen und Hannover und dem Unentschieden gegen Bochum, ereignete sich wohl der erste Schritt zur Demontage des Jürgen Klinsmann. Seine Revolution wurde abgeblasen, die letzten Reste der Rotation eingestellt (die Niederlage in Hannover kreidet man offenbar immernoch dem Einsatz von Breno an, obwohl es damals mehr an der Offensive haperte). Spieler wie Toni Kroos und Jose Sosa bekamen - zum Teil sicherlich berechtigt - nur noch Minimalsteinsätze. Ein Martin Demichelis durfte trotz eklatanter Wackelanfälle jedes Wochende in der Startelf beginnen.
Im Winter folgte dann der nächste Schritt, mit der Ausleihe von Toni Kroos. Wieder eine kreative Alternative im Bayern-Kader weniger. Und dann wundert man sich, dass die Mannschaft so dermaßen von Franck Ribéry abhängig ist?

Diese Woche nun nahm die Demontage an Fahrt auf, aufgrund der Causa Podolski und Donovan. Rummenigge und Hoeneß forderten mehr oder weniger unverholen öffentlich die Rückkehr des Bald-Wieder-Kölners in den Kader (was durch den Ausfall von Luca Toni sowieso passiert wäre) und erklärten zudem noch vollkommen ohne Not, dass man Landon Donovan nicht über das Leihgeschäft hinaus verpflichten werden. Trotz einer guten Vorbereitung und kaum schlechterer Leistungen in seinen Kurzeinsätzen als beim italienischen Torschützenkönig.
Zumindest der Zeitpunkt überrascht. Was, bitte, hat Rummenigge da geritten, dass er schon Wochen vor dem Ende der Stippvisite des Amerikaners dessen unweigerlichen Abschied verkündet?
Es gibt keinen mir erkennbaren Grund als eine direkte, öffentliche Einflussnahme auf das sportliche Tagesgeschäft. Es erscheint einem, als habe Rummenigge Bedenken, dass Klinsmann auf seine internen Anregungen nicht reagieren könnte. Also wird öffentlicher Druck aufgebaut und Donovan, der bei einigen Bayern-Fans schon weitaus populärer ist als Podolski nach fast drei Jahren, beschädigt.
Klinsmanns Wunschspieler als nicht gut genug für Bayern deklariert. Ob er das Zeug für Bayern hat, steht natürlich auf einem anderen Zettel. Ob er die geforderte Ablöse wert ist, sowieso. Aber Podolski bekam mehr Zeit, mehr Chancen, Rummenigge & Co. vom Gegenteil zu überzeugen. Mehr als nicht mal zwei Monate auf jeden Fall.

Zudem gibt es nun Gerüchte um Rensing und dessen angeblichen schlechten Stand bei Klinsmann, die angeblich von der Mannschaft intern geäußerte Kritik an taktischen Mängeln, hinzu die schon angesprochene Geschichte um die Vertragsverlängerung von Mark van Bommel.
All das zeichnet ein Bild, das Jürgen Klinsmann nicht gefallen kann. Der Vorstand hat diese Woche begonnen, sich von Jürgen Klinsmann sportlich zu distanzieren. Als Dead Man Walking mag ich ihn zwar noch nicht bezeichnen. Aber der Prozess hat begonnen, an dessen Ende man schneller als vermutet einen neuen Bayern-Trainer auf der Bank sehen könnte.

Persönlich halte ich diese Situation für schade, da ich Klinsmann trotz aller Vorbehalte für einen fähigen Trainer halte, der jedoch - neben seinen sicherlich vorhandenen taktischen Schwächen - einen für Bayern-Verhältnisse erstaunlich schwachen Kader in seiner ersten Saison an die Hand bekam, mit dem ihm die Arbeit noch schwerer gemacht wurde, als sie nach dem Kahn-Abschied und der überragend erfolgreichen letzten Hitzfeld-Saison sowieso gewesen wäre.
An dem sich nun mittelfristig abzeichnenden Scheitern von Jürgen Klinsmann bei Bayern trägt der Vorstand eine nicht zu unterschätzende Mitschuld.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

Bisher 8 Kommentare ↓

  • 1 sunny2k1 // 21. Feb 2009 um 22:24

    Ich beobachte bei Klinsmann ein interessantes Phänomen:

    Scheinbar hat er Probleme seine Abwehr zu koordinieren. Das war bei der N11 so und ist beim FCB wieder so. Und wenn du vorne nicht deine 2,3 Buden machst (weil z.B. Toni verletzt ist), kannst du mit solch einer Abwehr nicht gewinnen.

    An beiden Toren heute war die Abwehr nicht ganz unbeteiligt. Gegen Dortmund ebenso, schon da hätte man verlieren können. Das er sich weitere Baustellen durch Nebenkriegsschauplätze wird man sicher nicht ruhiger arbeiten können. Was passiert. wenn man den Kontakt zur Spitze verliert, gegen Leverkusen aus dem Pokal und jetzt erst gegen Lissabon aus der CL fliegt? Ganz einfach, dann hat man noch vor Saisonende einen neuen Trainer, zumindestens wird es nicht ruhiger werden.

    Greetz von nem bescheidenen Eintracht-Fan

    sunny2k1

  • 2 RealityCheck // 21. Feb 2009 um 22:44

    Wenn man beide bisher von Klinsmann trainierten Mannschaften anschaut, sieht man, dass die Abwehrreihen sehr weit aufgerückt stehen. Es kommt nicht selten vor, dass bei Bayern ein Lucio etwa dort steht, wo bei anderen, defensiver eingestellten Mannschaften der Sechser steht.

    Und für diese Spielweise ist ein Demichelis offenbar zu langsam - übrigens auch eine Erklärung, warum dieser in dieser Spielzeit so dermaßen gegenüber der Hitzfeld-Saison abfällt.

    Bayerns Gegentore fallen fast ausschließlich aus Kontern bei aufgerückter Hintermannschaft - was natürlich auch daran liegt, dass Bayern oftmals das Spiel macht und daher häufig in Ballbesitz ist. Und dass Gegentore grundsätzlich eher aus Kontern fallen. Aber diese Häufigkeit überrascht doch.

    Ich habe letzte Woche schon die Beobachtung geäußert, dass die Klinsmann-Bayern die kontrollierte Offensive nicht beherrschen. Es gibt effektiv nur Offensive und Brechstange. Spielt Bayern zurückgezogen, kommt die ganze Offensivabteilung zum Erliegen.

    Deswegen sehe ich - neben der lahmen Ente Demichelis - heute beim ersten Gegentor Podolski als Hauptschuldigen, der relativ leichtsinnig und lustlos den Ball unmittelbar vor dem Konter verlor und nicht zum taktischen Foul griff - was dann der Argentinier vergeblich zwanzig Meter weiter Richtung Tor versuchte.

    Da muss - so sehr ich sie für diese Spielweise kritisiere - Klinsmann eine Seite aus dem Hoffenheim-Playbook lernen. Die zynische Anwendung des taktischen Fouls. Nicht die Grätsche Marke van Bommel, sondern das humorlose Umlaufen und Anrempeln des Gegners. Gibt selten Gelb, hat Hoffenheim perfektioniert.

    Bei der offensiven Ausrichtung, die Klinsmann spielen lässt, ist das eigentlich ein Muss.

  • 3 Gesang. Und Abgesang? : Königsblog // 22. Feb 2009 um 15:51

    [...] wird im sportmedienblog der Beginn der Demontage Klinsmanns durch Karl-Heinz Rummenigge angemerkt. Ein Text den man lesen und sich merken sollte. [...]

  • 4 Michael // 22. Feb 2009 um 20:55

    Schöner Text, aber dein recht breit gestreuter Einsatz von Fettungen und Kursivierungen, bei dem ich kein rechtes Muster erkennen kann, wann was kommt, macht ihn mMn nicht wirklich lesbarer. Das ginge ohne besser (ja, ich weiß, ist dein Blog, ich muss hier nicht lesen - aber wollte es trotzdem mal als Anregung bringen).

    Ansonsten: Ich mag Klinsi nicht besonders, ich mag Bayern gar nicht… also von mir aus können sie so weiterwurschteln und regelmäßig Spiele verlieren. Schade finde ich den unendlich kurzen Atem der Bayern-Führung - ich hätte gern gesehen, was rauskommt, wenn man Klinsmann einfach mal ein Jahr machen lässt, im Guten wie im Schlechten. Aber die Angst, nicht Deutscher Meister zu werden, löst bei UH und KHR sofort Reflexe aus, den Trainer zurückzupfeifen, meist über öffentliche Einmischung. Mal schauen, wann die Bayern dahinterkommen, dass hier ein wesentlicher Teil des Problems liegt.

    Abgesehen davon glaube ich immer noch, dass sie es am Ende machen. Ausgerechnet in so einem Jahr ist kein starker Konkurrent da, der nach 21 Spieltagen 45+ Punkte hat, ein Trauerspiel. Aber vielleicht irre ich mich ja.

  • 5 zechbauer // 23. Feb 2009 um 10:00

    Nur weil das Wort “Demontage” allein im ersten Drittel des Textes stets wiederholt wird, vermag ich nicht zu erkennen woran diese “Demontage” eigentlich festgemacht wird?
    Klinsmann hat doch wohl als sportlicher Leiter ein gewichtiges Wörtchen in Sachen Kauf und Verkauf bzw. Ausleihe von Spielern mitzureden.

    Die öffentliche Einmischung der Bayern-Oberen hat beim FCB mittlerweile Tradition - nicht erst seit Klinsmann.

    Zustimmen kann ich allerdings, dass der plötzlich aufgetretene fehlende Mut, JK einfach mal sein System durchziehen zu lassen, ein Fehler war. Die Führung beugte sich dem öffentlichen Aufschrei nach Systemumstellung. Ein Fehler, wie sich jetzt zeigt.

  • 6 Zarathustra // 23. Feb 2009 um 18:08

    Ich halte es auch für die wahrscheinlichste Prognose, dass Bayern am Saisonende Meister wird. Allerdings besteht die reelle Chance, dass eine der Mannschaften, die jetzt neben Bayern oben stehen einen Lauf hat und wie Stuttgart vor 2 Jahren Meister wird. Bei so einer Tabellenkosntelltion darf man zudem nicht unter den Tisch kehren, dass der Abstand nach oben zwar gering erscheint, aber durch die Vielzahl der Mitbewerber auch ein Rausfallen aus den CL-Plätzen - wie vor 2 Jahren - drin ist.

    Aber natürlich ist ein Meister Bayern der wahrscheinlichste Ausgang.

  • 7 Bundesliga: Von Doping, Schuhwerfern und sieglosen Rekordsiegern - Niveau ist keine Creme // 24. Feb 2009 um 13:09

    [...] der letzten Zeit wie ein kurzer Blick auf den Mannschaftskader von Bayern München 2008/2009 zeigt: Der rechte Außenverteidiger Willy Sagnol war von Saisonbeginn an verletzt, auch davor nicht [...]

  • 8 Neues aus dem Fanblog (4) | MAUERTAKTIK | Fußball-Satire & Bundesliga-Liveticker // 3. Mrz 2009 um 14:13

    [...] Der Sportmedienblog ist der Ansicht, dass die Demontage von Nichtmehrganzsogrinsi-Klinsi durch den FCB-Vorstand bereits begonnen hat. [...]

Kommentar hinterlassen