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Die Super-Sechs: Anatoly Tymoschuk?

29. Oktober 2008, 18:57 · Kein Kommentar

Vor der Saison hat es nicht geklappt. Nicht mit Mathieu Flamini, nicht mit Gennaro Gattuso und auch nicht mit Anatoly Tymoschuk. An allen drei Verstärkungen für die Position der “Sechs” vor der Abwehr hat sich der FC Bayern die Zähne ausgebissen, glaubt man der Folklore in zwei der drei Fälle an deren Arbeitgebern. Flamini war vertragslos.
Ergo ging man mit van Bommel, Ottl und Ze Roberto als gelernte Sechser in die Saison, auch ein Hamit Altintop kann ohne Probleme diese Position bekleiden, ein Tim Borowski wäre eine offensive Notlösung.
Doch schnell - in dieser Vehemenz meiner Meinung nach zu Unrecht - geriet diese Position im Bayern-Spiel ins Zentrum der Kritik.

Und so gibt es nun erneut Spekulationen, dass der schon fast vor Transferschluss verpflichtete Ukrainer Tymoschuk von Zenit St. Petersburg für die Transferperiode in der Winterpause auf der Matte steht, zumal Bayern schon angedeutet hat, dass man in der Winterpause nachlegen werde. Doch ist er die Lösung für ein Problem, dessen Ausmaß nicht abschließend erkannt ist?

Die Position des Sechsers ist im modernen Fußball mit die wichtigste. Sie stellt die Verbindung zwischen Abwehr und Angriff dar, sorgt für die nötige Absicherung bei Offensivvorstößen und stopft Löcher in der Defensive.
Nicht selten ist ein Sechser auch ein Taktgeber im Offensivspiel, der das Tempo und die Richtung der Spielzüge bestimmt.
Grund dafür ist schlicht und ergreifend seine Platzierung auf dem Spielfeld. Sein primärer Arbeitsplatz beginnt am eigenen und endet ca. zwanzig Meter, je nach Ausrichtung des Offensivpersonals, vor dem gegnerischen Strafraum. Damit wird also von dieser Position in der Länge etwa zwei Drittel des Spielfelds abgedeckt. Es ist simple Mathematik, dass die meisten Spielzüge über den Sechser laufen.

Die Position des Sechsers findet sich in fast jeder taktischen Aufstellung. Die besonders bei Werder Bremen beliebte Raute steht und fällt sogar mit der Qualität des Sechsers, da dort durch den offensiven Mittelfeldspieler, die berühmte Zehn, ein weiterer Spieler weitgehend von Defensivaufgaben entbunden wird.
Eine defensivere Variante ist die international schon weit verbreitete Doppel-Sechs, diese wird auch in der Regel von den Bayern genutzt.

Und für einen Teil dieser Doppel-Sechs sucht der FC Bayern nun offenbar eine Neubesetzung. Allein Mark van Bommel will man diese Rolle nicht mehr anvertrauen. Ze Roberto bekleidet den offensiveren Part des Duos. Gibt es also Probleme in der Rückwärtsbewegung, werden diese bei Bayern unweigerlich dem holländischen Kapitän angelastet. Aber ist das auch gerecht?

Wenn man die Spiele der Bayern diese Saison analysiert, erkennt man, dass die Defensivprobleme nicht erst bei van Bommel beginnen. Beinahe durch die Bank könnte man an dem Defensivverhalten etwas aussetzen. Die Außenverteidiger stehen zu weit weg vom Mann, lassen zu oft gefährliche Flanken zu. Selbst ein Lahm, sonst sakrosankt, wirkt zuweilen durcheinander. Egal, wer das Innenverteidigerduo bildet, Demichelis, Lucio oder van Buyten zeigen bisher ungeahnte Schwächen, auch und besonders in der Abstimmung. Stellungsfehler galore sind die Folge.
Und nicht zuletzt eben van Bommel. Im Mittelfeld erkennt man oftmals viel zu viel Platz für die Gegner im Mittelfeld, die Bayern kommen zu spät in die Zweikämpfe. Es wirkt, als fehle ihm etwas die Frische, die Wachheit. Was natürlich auch eine Folge der öffentlichen Demontage nach seinem Platzverweis gegen Dortmund und der zwangsläufigen Verunsicherung sein kann. Denn so schwach, wie van Bommel zuweilen auftrat - was sich inzwischen wieder gebessert hat - habe ich ihn in seiner bisherigen Bayern-Zeit noch nie gesehen.

Da ist es zwangsläufig, dass sich Bayern nach Alternativen umsieht. Zumal eine Verlängerung mit Ze Roberto in den Sternen steht und man bei Ottl derzeit den nächsten Schritt in seiner Entwicklung vermisst. Heißt die Lösung also nun Anatoly Tymoschuk?

Der zweimalige ukrainische Fußballer des Jahres Tymoschuk wechselte 2007 von Shakhtar Donetsk, wo er erstmals auf der großen Bühne Champions League auf sich aufmerksam machte, zum Emporkömmling Zenit St. Petersburg, wurde dort bekanntlich russischer Meister und UEFA Cup Sieger.
Aber der internationale Durchbruch blieb ihm bisher verwehrt, sowohl auf Klubebene wie mit der Nationalmannschaft. Sein einziger Auftritt bei einem großen Turnier, die WM 2006 in Deutschland, verlief, vorsichtig formuliert, ernüchternd für ihn. Und mit Zenit läuft es diese Saison überhaupt nicht. Die Titelverteidigung in der heimischen Liga erscheint so illusorisch wie ein Hoffenheimer Abstieg, ein Überstehen der Gruppenphase in der Königsklasse ist sogar fast rechnerisch nicht mehr drin.

Daher erscheint es wahrscheinlich, dass Tymoschuk seine Zukunft in einer der großen europäischen Ligen sieht. Im Sommer klappte es noch nicht, da Zenit für die erste Saison in der CL nicht am letzten Tag der Transferfrist seinen Kapitän verlieren wollte. Nun könnte dies anders aussehen. Glaubt man den Gerüchten, möchte der Spieler den Verein verlassen. Und die russische Liga orientiert sich bekanntlich am Kalenderjahr, ein Wechsel im Winter würde Zenit daher eher in den Kram passen als im Sommer.

Sollte Tymoschuk tatsächlich im Winter zum FC Bayern wechseln, dürfte er aufgrund seiner Spiele für Zenit jedoch nicht in möglichen KO-Spielen der Champions League eingesetzt werden. Aber der Saisonverlauf zeigt, trotz stark aufsteigender Formkurve, dass man selbst in der Bundesliga jede Verstärkung gebrauchen kann. Für van Bommel täte es mir jedoch Leid. Er kam in einer Saison des Umbruchs, als bei Bayern nach Ballacks Abgang einiges im Argen lag, war zu dieser Zeit Bayerns konstantester und beliebtester Spieler. Aber, ähnlich wie bei Roy Makaay, der ebenso auf den absehbaren Verlust des Stammplatzes und des personellen Misstrauensvotums mit seinem Abgang reagierte, befürchte ich, dass - unabhängig von der Situation um Ze Roberto - ein Neuzugang Tymoschuk im Sommer das Ende von van Bommels Bayern-Karriere bedeuten dürfte. Schade deshalb, weil sich kaum ein aktueller ausländischer Spieler so sehr mit dem FC Bayern identifiziert wie er.

Tags: Bundesliga · Fußball · Sport

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