Im Englischen nennt man es an accident waiting to happen. Grob übersetzt ein absehbarer Unfall. Und das war es, was man erwarten konnte, als sich der FC Bayern Jürgen Klinsmann als Trainer ins Haus geholt hat.
Es geht nicht ums Sportliche. Klinsmann ist kein Freund der BILD. BILD ist kein Freund Klinsmanns. Und nun erreicht dieser Konflikt die nächste Eskalationsstufe: Der langjährige, für Bayern zuständige Reporter der Sport Bild, Raimund Hinko, erhielt bei Terminen mit Jürgen Klinsmann Hausverbot.
Die Sport Bild echauffierte sich natürlich in Person von Chefredakteur Pit Gottschalk prompt und öffentlich darüber, im Editorial der aktuellen Ausgabe (online hier zu finden).
Der Trainer wolle, so die Erklärung der Medienabteilung, in nächster Zeit nicht am Tisch sitzen mit Mitarbeitern einer Zeitschrift, die ihn seit Wochen hart angehe.
Abgesehen davon, dass wir hart recherchierte Fakten veröffentlichten, die von den Bayern nie abgestritten wurden - glaubt Klinsmann wirklich, Kritiker mundtot machen zu können?
Glaubt er, Hinko, der seit 39 Jahren über Bayern berichtet, oder andere Reporter von SPORT BILD werfen nun vor Schreck alle journalistischen Grundsätze über Bord?
Journalistische Grundsätze? Nun ja. Ob das gerade die Sport Bild beurteilen sollte? Eine Zeitschrift, die den Frauensport nunmehr seit einigen Jahren dadurch unterstützt, indem man in jeder Ausgabe eine junge Sportlerin knapp bekleidet (da ist das aktuelle Shooting mit Katharina Dathe noch richtig züchtig) im Sport Mix abbildet? Die BILD hat ja auch ihr Mädel von der Seite 1.
Aber die Sport Bild gibt sich nicht mit einem bitterbösen Editorial zufrieden. Das erste Viertel des aktuellen Heftes widmet sich fast ausschließlich dem FC Bayern. Und das nicht unbedingt in einer positiven Art und Weise. Etwa die Hälfte der Leserbriefe sind gegen den FC Bayern gerichtet. Dann folgt die Titelgeschichte, über mehrere Seiten wird der Vertrag von Bastian Schweinsteiger in allen Details und Facetten abgedruckt. Der Informationswert ist relativ gering. Aber wenn man einen Satz aus dem Editorial anschaut, weiß man, welchen Zweck dies haben soll.
So sehen Sie im neuen Heft erstmals den ganzen Vertrag eines Bayern-Profis - und damit schwarz auf weiß, wie gut es Fußballer heute haben.
Einziger Erkenntnisgewinn des Artikels ist die genaue Summe Schweinsteigers Verdiensts.
Die Sport Bild will also hier der Neiddebatte neuen Zunder geben. Und diese gegen einen Bayern-Profi richten, der schon in der Vergangenheit recht fragil gegenüber kritischen Presseberichten wirkte. Gegen einen Spieler, der derzeit mit den Bayern über eine Vertragsverlängerung verhandelt. Einen Spieler, der unter den Bayern-Fans - trotz der Vergangenheit in der Bayern-Jugend - sehr gespalten wahrgenommen wird. Für die Sport Bild - soviel zum Thema journalistisch Grundsätze - also ein einfaches und verwundbares Ziel.
Die Boulevard-Presse des Springer-Verlags war noch nie ein Klinsmann-Freund. Zu Zeiten seiner Nationalmannschaftskarriere stellte man sich recht offensichtlich auf die Seite Lothar Matthäus’, mit dem er lange Zeit - auch über die Kapitänsbinde - im Klinch lag. Klinsmann sorgte - zumindest im Matthäus’ Augen - dafür, dass der Rekordnationalspieler in seiner Vita einen großen internationalen Titel weniger verzeichnen durfte.
BILD versuchte schon nach Völlers Rücktritt nach der EM 2004 Matthäus als Bundestrainer zu inthronisieren. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn die Kontakte sind auch heute immer noch gut. Und dann wäre Alfred Draxler auch in der Lage gewesen, am Morgen vor Länderspielen exklusiv in BILD die Aufstellung zu verkünden. Eine Praxis, die mit Klinsmanns Amtsantritt beim DFB beendet wurde.
Auch zu seiner Zeit als Bundestrainer bekam Klinsmann Sperrfeuer von der Springer-Journalie. Der Kahn-Konflikt, die Wohnsitzdiskussion, die Debatte über die wackelige Abwehr (man denke etwa an Christian Wörns und seine Äußerungen), die Trainingsmethoden - bei all dem stellte sich BILD mehr oder weniger offensichtlich gegen Klinsmann. Zufall? Natürlich nicht.
Erst als sich bei der WM dann der Erfolg einstellte und das ganze Land in eine Woge des Enthusiasmus verfiel, sprang man auf den fahrenden Zug und heuchelte Klinsmann-Begeisterung.
Und nun bekommt Klinsmann auch als Bayern-Trainer sein Fett weg. Seit der Verkündung seiner Anstellung erhebt die Springer-Presse Einspruch gegen seine Eignung. Hätte man doch Matthäus wieder gerne mal auf einem Posten gesehen, den nun Klinsmann erhielt. Aber zumindest doch nicht Klinsmann.
Jede Kleinigkeit, wie etwa der Umbau des Trainingsgeländes, die Buddhas auf dem Dach oder das Aussperren der Fans vom Training wird Klinsmann zum Großteil auf unseriöse Art und Weise angekreidet.
Wenn man sich die Titelblätter der Sport Bild ansieht, fällt einem auf, dass schon vor der EM gegen Klinsmann und Bayern geschrieben wurde. “Druck auf Klinsi” hieß es etwa in Ausgabe 20/08. Sogar schon in Ausgabe 03/08 heißt es “Bei Bayern rollen Köpfe”. Eiskalter Killer-Klinsi halt. Und in Ausgabe 05/08 sieht man “Bayern in der Klinsi-Falle”.
An die ständigen, unruhestiftenden Ratschläge, dass Podolski doch Bayern verlassen müsse, hat man sich ja schon fast gewöhnt.
Aber seit der Ausgabe 33/08 wurde die Schlagzahl erhöht. In kurzen Abständen gab es Titel mit “Ruck, zuck ist er weg”, “Klose lähmt Bayern”, “Bayern: Zweifel an Klinsi” und “Machtwort von Hoeneß”. Und das kann man nicht allein mit dem sportlichen Misserfolg erklären. War doch die erste Schlagzeile vor dem Ligastart gedruckt worden.
Auch auffällig ist, wie sehr die Springer-Presse Klopp lobt und - trotz erbärmlicher Anfängerfehler im Heimspiel gegen Udinese Calcio - in Ruhe arbeiten lässt. Auch hier kann man über den Grund zwar nur spekulieren, doch es fällt nicht schwer, hier wieder einen Zusammenhang zu erkennen. War doch Klopp die Alternative für den Bayern-Posten gewesen.
Da will man Bayern-Führung und -Fans vor die Nase halten, was vielleicht möglich gewesen wäre, wenn man sich gegen Klinsmann entschieden hätte.
Aber all dies war absehbar und wäre nur zu verhindern gewesen durch einen Erfolg in der Liga, wie ihn Hitzfeld in der letzten Saison gehabt hat. Dann hätte selbst die Springer-Presse Probleme gehabt, gegen ihren Intimfeind zu hetzen. Man kann und muss die Frage stellen, ob ein Aussperren Hinkos wirklich eine kluge Maßnahme ist und ob man sich dann nicht, wie die Führung der TSG Hoffenheim, den Vorwurf der Dünnhäutigkeit gefallen lassen muss. Aber es ist schon erkennbar eine gewisse Qualität der einseitigen Berichterstattung, die BILD und Sport Bild hier in den letzten Monaten aufgefahren haben.

Bisher 9 Kommentare ↓
1 nolookpass // 9. Okt 2008 um 11:16
Schöne Zusammenfassung. Ich finde nur, man sollte von hinten anfangen zu lesen, denn ohne eine einigermaßen handfeste Begründung wirkt der Rauswurf - gerade in der aktuellen Situation - doch ziemlich hoppesk, Bild hin oder her.
2 marces // 9. Okt 2008 um 11:21
super beitrag !!!
3 links for 2008-10-09 | Du Gehst Niemals Allein // 9. Okt 2008 um 14:03
[...] Ein absehbarer Unfall (tags: klinsmann sportbild hinko medien bayern) [...]
4 Bülent // 9. Okt 2008 um 16:12
endlich mal klartext…super beitrag
5 dogfood // 9. Okt 2008 um 16:40
Weil der Vergleich mit Hopp(enheim) auch bei mir im Blog kam: der Rausschmiss scheint sich einzig allein auf Veranstaltungen/Pressegespräche mit Jürgen Klinsmann zu beziehen und kein allgemeines Hausverbot für Hinko zu sein.
Dies ist eine andere Größenordnung als die Verweigerung jeglichen offiziellen Kontaktes eines Vereins mit einer kompletten Zeitung.
Wenn es sich bei der Bayern-Veranstaltung sogar nur um ein Pressegespräch, also keine klassische Pressekonferenz handelt, würde ich angesichts dessen was Hinko alles auf sein Kerbolz hat, sogar von einer abgestuften und angemessenen Abstrafung sprechen.
6 M.Wiemer // 9. Okt 2008 um 17:06
Klinsmann polarisiert. Natürlich riecht die Geschichte mit Schweinsteiger und seinem veröffentlichten Vertrag meilenweit gegen den Himmel nach Revanchefoul. Ich mag Pressefreiheit. Bin entschieden gegen Boykott von Zeitungen oder einzelnen Journalisten. Natürlich kommt bei der Berichterstattung immer eine subjektive Sicht dazu. Wir Fussballfans sehen ja auch die Dinge immer aus unserer Sicht. Klinsmann wurde vor der WM sehr negativ bewertet von Teilen der Deutschen Presse. Später sprangen alle auf den Emotionszug der WM 06. Keiner wollte jetzt etwas negatives über Klinsmann geschrieben oder gesagt haben. In meinem Portugal Urlaub erfuhr ich von der Verpflichtung Klinsmann bei dem von mir sehr geschätzten Verein Bayern München. Mein erster Gedanke: Das wird spannend. Ich hatte da auch an das Verhältnis von J.K und der Presse gedacht.
Fussball und insbesondere die Spieler und Trainer haben ihre gesellschaftliche Stellung und Ihren monetären Wert über die Jahre durch die Medien gesteigert. Permanente Bilder in der Sportschau, Kicker und Sportbild bringen pro Woche insgesamt drei Zeitschriften mit Fussball heraus. Dies hat den Marktwert des Fussballs über Jahre enorm gesteigert und bringt ihn auch bei Sponsoren ins Bewusstsein.
Klinsmann seine Blitzlicht Allergie oder auch die Aktion gegen den Journalisten Hinko passen da nicht ganz ins Bild.
Jürgen Klinsmann verdient Geld, weil er gut ist und viel Energie einsetzt. Aber großes Geld verdient er, weil ihm Millionen Menschen zuschauen. Gutes Wissen, Können, gute Produkte gibt es heute in Massen. Ob damit viel Geld verdient wird, richtet sich danach, wie viele Menschen davon wissen.
Natürlich holzt der eine oder andere Journalist hin und wieder. Doch Basketballer, Handballer oder Volleyballer beklagen oft eine sportliche Monokultur des Fussballs in der Medienlandschaft.
Etwas mehr Gelassenheit im Fussball und im Umgang miteinander fände ich gut.
7 linksfuss // 10. Okt 2008 um 9:45
Ganz so stimmig ist das nicht. Klinsmann bekam und nutzte die Gelegenheit zu einem großen Interview in der BILD-Ztg in dieser Woche. Die Kräfte werden gebündelt. Hier Eitel/Klinmsann, Rummenigge und Draxler, dort SportBild, ohnehin schlecht beleumundet in der Branche und nur ernst genommen, wenn man selbst etwas platzieren möchte. Die große Politik wird in Draxlers Büro gemnacht und da erfährt man gerade eine Annäherung, zweifelsohne.
8 Stefan (Weltsicht Südtribüne) // 11. Okt 2008 um 14:35
Was in der ganzen Geschichte und ihren Kommentierungen außen vor bleibt, ist die Verquickung zwischen Springer und dem FC Bayern. Beide leben gut voneinander. Nicht nur weil Beckenbauer Kolumnist der BILD ist, schau Dir mal an, wie viele Seiten die Sport Bild mit den Bayern füllt und wie gerne Bayern-Verantwortliche Themen per Interview in der BILD lancieren.
Anders gesagt: Der FC Bayern lebt gut von dem Dreck, den Springer schreibt. Und umgekehrt. Insofern sollten sich beide Seiten vielleicht ein wenig zurückhalten.
9 Torsten Wieland // 13. Okt 2008 um 22:15
Da lese ich von oben nach unten, weiß was ich schreiben will, und dann kommt mir doch „dieser Kölner“ wieder zuvor …
Gibt’s irgendeinen Verein, gibt’s außer der Kirche und der Union irgendeine Organisation, die schon so lange so gut mit den Erzeugnissen des Verlagshauses Springer lebt wie der FC Bayern München?
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