sportmedienblog

Ein Blog für Sport, Medien und Sportmedien

sportmedienblog header image 2

Ich wähle keine Spielekiller

9. September 2008, 16:00 · 3 Kommentare

Sprach der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in einem Interview mit der Zeit:

Natürlich wird nicht jeder Spieler ein Gewalttäter. Aber wenn Spiele auch nur zu einem bestimmten Prozentsatz ein höheres Maß an Jugendgewalt auslösen, dann ist das Grund genug, sie zu verbieten. In anderen Bereichen haben wir auch klare Verbote, ich denke an Kinderpornografie.

Wieder der altbekannte Kinderporno-Vergleich. Aber das langt nicht:

Aber je größer die Gefahr ist, dass solche Spiele auch in die Hände von Kindern und Jugendlichen kommen, desto stärker muss der Staat eingreifen. Es ist ja auch für alle verboten, die Verbrechen des Nationalsozialisten zu verharmlosen.

Dann eben noch ein Nazi-Vergleich obendrauf.

Und dass der Herr Innenminister entweder ein schlechter Jurist ist oder sein Wissen aus politischen Gründen verleugnet (was ist jetzt schlimmer?), muss er auch noch beweisen:

Spiele, die brutale Gewalt verherrlichen, müssen im Strafgesetzbuch generell verboten werden.

Der § 131 StGB ist im Freistaat Bayern Pflichtstoff im Studium der Rechtswissenschaften.

Auf den berechtigten Einwand der Zeit, dass dies ja schon im Gesetz stehe, kommt dann folgendes:

Wir werden da nicht locker lassen, wir wollen diese Diskussion weiterführen.

Ist ja auch ein schön polemisches Wahlkampfthema, womit man ein wenig von dem Desaster mit der Pendlerpauschale ablenken kann.

Und zum Ende noch eine Schippe Antiamerikanismus. Kommt bei der Stammtisch-Klientel immer gut:

Da gibt es massiven Druck von Herstellern aus den USA. Aber wir haben auch nicht von ungefähr ein anderes Waffenrecht als Amerika, bei uns darf nicht jeder nach Belieben mit einer Schusswaffe durch die Gegend laufen. Wir dürfen bestimmte Fehlentwicklungen der amerikanischen Gesellschaft bei uns gar nicht erst Platz greifen lassen.

Das brutalste, menschenverachtendste Spiel der letzten Jahre, Manhunt, wurde vom britischen Studio von Rockstar, Rockstar North, entwickelt, auch die GTA-Serie hat ihre Wurzeln in Schottland. Der beschlagnahmte Zombie-Slasher Dead Rising kam von Capcom aus Japan. Natürlich kommen viele brutale Spiele aus den USA. Aber das ist simple Wahrscheinlichkeitsrechnung - da der Großteil der Videospieleindustrie eben dort sitzt.
Auch das ein Verdienst der schlafmützigen deutschen Politik, die versäumt hat, frühzeitig diese Industrie in Deutschland zu fördern und anzusiedeln. Da haben die Briten ganz andere Programme aufgelegt, schon vor Jahrzehnten. Und dann hat die deutsche Ansichtsweise auch Gewicht. Aber so nicht, wo die krasse Mehrheit der kommerziell erfolgreichen Spiele nicht aus deutschen Landen kommen. Und die paar, die noch hier sind, will man ja auch lieber verjagen. Die verderben ja nur unsere Kinder…

Bei der PC Games und ihrem Verlag Computec haben diese Äußerungen dann (endlich?) das Fass zum Überlaufen gebracht, und man startet - passend zu den bayerischen Landtagswahlen - eine Aktion: Ich wähle keine Spielekiller.

Leider bin ich bei dieser Wahl nicht wahlberechtigt, aber ich kann diese Aktion trotzdem nur gutheißen. Und ich sehe auch keinen Grund, warum sich die Spieler-Community aus Bayern nicht dieser anschließen sollte (kommerzielle Interessen des Verlags mal außen vor). Wer gerne eine CSU-Regierung sehen möchte - trotz dieser Äußerungen - darf, angesichts der Klarheit der Führung in den Umfragen, trotzdem ausnahmsweise mal sein Kreuzchen woanders machen. An der Regierungszusammensetzung wird dies nichts ändern. Sollte die CSU jedoch das angestrebte Ziel von 50% + X trotz der Schwäche der SPD deutlich verfehlen, könnte dies zu einer Ursachenforschung führen, bei der man auch auf diesen Punkt kommen könnte.
“Die Union ist aber bei den anderen Punkten besser, da schluck’ ich die Killerspiel-Grütze” ist daher keine Ausrede. Beckstein wird so oder so wieder Ministerpräsident.

Also, liebe Bayern. Mitmachen. Und auch wirklich die CSU dann nicht wählen.

Tags: Politik · Spiele · Und noch was...

Bisher 3 Kommentare ↓

  • 1 probek // 9. Sep 2008 um 16:51

    Danke für die Info, das hatte ich noch nicht mitbekommen – und ich kann bei der Landtagswahl mitmachen. Wirklich überrascht hat mich die oben zitierte Position der CSU zu Computerspielen aber auch nicht (mehr).

    Wahlentscheidungen sollten in der Regel dennoch nicht nur monokausal begründet sein – zumindest für mich habe ich das mal als Regel aufgestellt. Denn für die Wähler in Bayern gibt es durchaus noch mehr Themen, die bei der kommenden Wahlentscheidung helfen könnten. Lustig wäre es aber, wenn die Aktion der PC Games (et al) erfolgreich wäre, d.h., wenn die CSU die Mehrheit verfehlt. Ebenso könnte ich aber daran glauben, dass Morgen früh um 9:30 Uhr die Welt untergeht.

  • 2 RealityCheck // 9. Sep 2008 um 18:44

    Wahlentscheidungen sollten in der Regel dennoch nicht nur monokausal begründet sein – zumindest für mich habe ich das mal als Regel aufgestellt.

    Absolut richtig. Man muss in einer Demokratie auch Kompromisse machen. Aber man kann diese Äußerungen ja in seine Gesamtbetrachtung einfließen lassen. ;)

  • 3 probek // 11. Sep 2008 um 15:39

    Linktipp: auf Sportswire ist heute ein Interview mit den Initiatoren der Aktion erschienen.

Kommentar hinterlassen