Stotter-Start (Kicker) ist noch eine der harmloseren Schlagzeilen, die Jürgen Klinsmann nach seinem dritten Pflichtspiel als Bayern-Trainer heute bei der Morgenlektüre begrüßt haben dürften.
Mit Ach und Krach im Pokal beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt weitergekommen, in der Bundesliga von sechs möglichen Punkten nur zwei geholt.
Dabei ist das sportliche Ergebnis bisher gar nicht so sein wirkliches Problem. Wenn man es nüchtern betrachtet, hat Klinsmann im Heimspiel gegen den HSV und dem Auswärtsspiel in Dortmund genau den selben Ertrag gebracht wie der von manchen über den grünen Klee gelobte Hitzfeld in der letzten Rückrunde. Auch im Pokal kamen Hitzfelds Bayern erst im Elfmeterschießen in Burghausen weiter. Und dann fehlt der wichtigste Abwehrspieler der letzten Saison, der wichtigste Mittelfeldspieler, und der wichtigste Stürmer war auch erst ein paar Tage im Training. Und das nach einer desaströsen EM, die Luca Tonis Selbstvertrauen - und davon lebt ein Stürmer, siehe Klose - mit Sicherheit nicht unbeschadet gelassen hat. Nein, sein wirkliches Problem ist das, was man als das Mourinho-Phänomen beschreiben könnte. Er macht sich vorsätzlich angreifbar.
Klinsmann in einem Atemzug mit Mourinho? Okay, das wäre wirklich etwas früh. Mourinhos große Titel: Champions League, UEFA Cup, zweimal englischer Meister. Klinsmann? Null. Aber ihre Strategien weisen doch ein paar Parallelen auf.
Mourinho stellt sich bedingungslos vor seine Mannschaft. Wie er zuweilen als Chelsea-Coach Schiedsrichter, gegnerische Trainer und Offizielle angegangen hat, ist bisher im Trainergeschäft beispiellos. Das war HB-Männchen Werner Lorant plus Schiri-Schubser Willi Reimann mal zehn. Die Medien reiben sich voller Wollust an einem solchen Trainer. Das macht das Arbeiten leicht.
Klinsmann wirkt auf den ersten Blick dagegen wie ein wohlerzogener Kirchenchorknabe. Aber doch nur auf den ersten Blick. Er ließ Miroslav Klose nach schwachen Spielen für Bayern und Deutschland gegen Dortmund in der Mannschaft, nur um nach einer Hälfte zu merken, was so ziemlich jeder außer ihm wusste - dass dies ein Fehler war. Er stieg auf van Bommels Verschwörungstheorie nach dessen Platzverweis ein, obwohl er - seine Aussage, er wolle die Wiederholung nicht sehen, spricht dafür - schon kurz nach dem Spiel wusste, wie sehr er damit den öffentlichen Widerspruch provozierte.
Klinsmann entschied sich in seiner Kapitänswahl nicht für die einfache Variante Lahm, sondern für den schwierigen Charakter van Bommel. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich, wie dieses Wochenende gesehen, damit angreifbar macht. Er stellte sich nach der kritischen Aussage Rummenigges, dank des Kartellamtes könne auf lange Zeit kein deutscher Verein mehr Europas Krone erringen, vor die Mannschaft und widersprach seinem Chef. Eine kluge Handlung, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass dieser Titel das wirkliche und einzige Ziel so manchen Bayern-Spielers ist. Eine Aussage wie Rummenigges ist da pures Gift für die Motivation - auch in der Bundesliga. Aber genauso setzt es ihn auch unter Druck, nun internationale Erfolge abzuliefern.
Er renoviert das Clubgelände, er ordnet Training hinter verschlossenen Toren an, die Säbener wird vom Ausflugsziel vieler Schulkinder zu Fort Knox, in dem man die Spieler nur noch aus Entfernungen erahnen kann, die die Bayern-Fans nur noch aus seeligen Olympiastadion-Tagen kennen.
Mit all diesen Aktionen macht Klinsmann sich eines: Angreifbar. Er stößt viele vor den Kopf. Das kennt man schon von seiner Zeit als Bundestrainer. Den volkstümlichen Maier Sepp abgesägt, Boulevards Liebling Oliver Kahn entmachtet, erst als Kapitän, dann als Nummer 1, mit Bierhoff einen Manager installiert, der dem durchschnittlichen deutschen Fußball-Fan schon als Spieler suspekt war. Brachte es in der Bundesliga zu nichts, aber wird Torschützenkönig in Italien. Und studiert noch nebenbei.
Viele seiner Entscheidungen sind richtig, manche waren sogar überfällig, wenn man die internationale Entwicklung des Fußballs und des Sports allgemein ansieht.
Aber es bleibt das Problem, dass es sich Klinsmann vielleicht schwerer macht als unbedingt nötig. Noch dazu, wo er ein gesundes Misstrauen gegen die Springer-Presse nicht verheimlicht.
Es steht zu befürchten, dass es bei Bayern genauso enden wird, wie bei der Nationalmannschaft 2006. Allen Beteuerungen zum Trotz. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Klinsmann zwar Erfolg haben wird, aber dass er dafür einen hohen Preis bezahlt. Diese Anstrengung wird ihn sehr belasten, weil sich vieles auf ihn konzentriert. Die Spieler könnten ihm - wie im System Mourinho - dies mit Leistung zurückzahlen. Der Druck wird etwas von der Mannschaft genommen. Klinsmann steht schon nach wenigen Wochen erkennbar näher an und vor der Mannschaft als ein Hitzfeld.
Jedoch muss man befürchten, dass nach diesen zwei Jahren Klinsmann bei Bayern Schluss sein könnte. Aber wenn er ein großer Trainer sein möchte, muss Klinsmann das Gegenteil beweisen und länger auf diesem Niveau Erfolg haben. Zwei Jahre Arbeit und danach Akku aufladen geht im Klubfußball nicht. Dass hat man an dem kurzen Intermezzo von Hitzfeld bei Bayern gesehen.
Klinsmann kann grandios Erfolg haben oder grandios scheitern. Klinsmanns Einsatz ist hoch, er geht volles Risiko, wie kein anderer Trainer ist - und dafür ist er selbst verantwortlich - der sportliche Erfolg so mit dem Trainer verbunden wie in München. Wenn Klinsmann in München scheitert, dürfte er in Deutschland verbrannt sein.

Bisher 2 Kommentare ↓
1 M.Wiemer // 26. Aug 2008 um 10:50
Klinsmann kennt das Wort “Problem” gar nicht. Es kommt in seiner positiven Denkweise überhaupt nicht vor. Er denkt und handelt in Lösungen und wird es bei Bayern schon richten. Oder auch nicht. Es ist ein gewolltes Experiment einen Klubtrainerneuling den FCB in die Hände zu geben . Rummenige und Hoeneß haben es bewußt gemacht. Wissend das Bayern schon deutliche Reformen braucht um nicht irgendwann nur noch im Archiv sich an internationalen Erfolgen zu begeistern. Nein Bayern will wieder aufschließen in Europa.Dafür brauchte es einen Power Trainer mit Mut zu revolutionären Änderungen. Dies muß nicht immer von Erfolg gekrönt sein. Klinsmann selber ist bei seinem ersten ernsthaften Trainerprojekt Nationalmannschaft um zwei Plätze an der eigenen Vorgabe gescheitert. Auf dem Weg zur Bronzemedaille bei der WM 2006 sind solche Fußballgrößen wie Costa Rica oder Ekuador oder die Altherrentruppe aus Skandinavien bezwungen wurden. Intensiv waren seine Änderungen beim DFB. Da hat er schon für frischen Wind gesorgt. Sein Verhältnis zur Presse war schon immer voller Spannungen. Er ist ein unangepasster Mensch mit starker eigner Meinung die er auch konsequent verteidigt. Dies gefällt nicht allen Sportjournalisten. Muß es jedoch auch nicht. Klinsmann hat auch deutsche Sportjournalisten die wohlwollend über ihn berichten. Sollte Klinsmann in München scheitern ist er jedoch nicht für Dutschland verbrannt. Rangnick war für viele nach seinem Wechsel von der Bundesliga und CL Bühne in die Regionalliga auch verbrannt.
2 ckwon // 26. Aug 2008 um 14:03
Gute Analyse, realitycheck, stimme auch insgesamt mit dir überein.
Mir ist so ein Trainertyp lieber, als jemand wie zB Neururer, der vor allem auf seine möglichst positive Außendarstellung bedacht ist (und dabei trotzdem meist scheitert)
Insbesondere die Rummenigge/Fernsehgelder Aussage von Klinsmann fand ich stark, insbesondere weil er damit sich selbst unter Druck setzt. Lieber sich selbst stark reden…
Aber ob das Umfeld ihn nicht doch irgendwann überrollt? Wahrscheinlich schon, insbesondere wenn die Spieler mehr auf die Medien hören als auf ihn…
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