sportmedienblog

Ein Blog für Sport, Medien und Sportmedien

sportmedienblog header image 2

Die Segnungen des “passiven” Abseits

11. August 2008, 11:18 · 4 Kommentare

Marcel Reif ist wahrlich kein Freund der derzeitigen Abseitsregelung. Kein anderer Fußballkommentator regt sich bei beinahe jeder Abseitsentscheidung, die die Unterscheidung von passiven und aktiven Abseits erfordert, so dermaßen auf. Bei Reif ist dies schon fast pathologisch, steigert er sich dann doch immer in ein Gezeter hinein, an dessen Ende die immer gleiche Forderung nach der “Abschaffung” dieses “unerträglichen Zustands” folgt. Dabei wird eines immer vergessen:

Diese Verwirrung, die die Regelauslegung in den Abwehrreihen erzeugt, ist gewollt.

Gestern beim DFB-Pokalspiel zwischen Erfurt und Bayern konnte man es erst wieder erleben. Altintop passt den Ball nach vorne, wo Klose im Abseits steht. Dieser kommt aber nicht an den Ball, sondern Podolski der sich bei Abgabe des Passes klar hinter der Erfurter Abwehrreihe befand. Der Schiedsrichterassistent hob kurz die Fahne, um die Abseitsstellung Kloses zu signalisieren, senkte diese aber wenige Momente darauf wieder. Podolski lief auf das Tor zu, schloss den Angriff nach ein paar Schlenkern (natürlich mit links) ab und erzielte kurz nach dem Erfurter Ausgleich die erneute Führung zum 2-1.
Ob Kloses Rempler gegen den Erfurter Laas nun ein aktives Eingreifen oder gar ein Foul war, soll hier dahinstehen.

In Folge dessen lies sich Marcel Reif wieder über die “unerträgliche” Abseitsregelung aus. Ich amüsiere mich dabei immer prächtig, wenn dieser Einwand kommt. Denn man sollte sich - bei aller Kritik an der Auslegung - immer vor Augen halten, warum diese Regeländerung so stattgefunden hat. Und die Deutschen sind daran nicht ganz unschuldig.

Der Grund für die Unterscheidung in aktives und passives Abseits, so zumindest die umgangssprachliche Bezeichung, ist der Handlungsbedarf durch die immer perfekter werdenden Abseitsfallen Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Durch destruktives Spiel wurde es immer leichter, ein Spiel komplett zu ersticken. Schuld daran waren zwei Elemente, die die deutschen Nationalmannschaften oft demonstriert hatten - den Rückpass und eben jene Abseitsfalle.
Und wie sich heute viele über italienischen Catenaccio oder den griechischen Vorgestern-Fußball ärgern, so haben sich vor einigen Jahren auch viele über die destruktive Abseitsfalle geärgert.

Die Antwort darauf war das passive Abseits. Somit konnte eine Abwehrreihe nicht mehr in aller Seelenruhe einen beliebigen gegnerischen Spieler ins Abseits stellen, sie musste weiterhin gegen alle Angreifer Abwehrarbeit leisten. Ja, es macht Abwehrarbeit schwieriger, aber das war gewollt.
Und ein Aspekt ist eben, dass Abwehrreihen durch diese Verwirrung so überlastet werden, dass die sture Konzentration auf die Abseitsfalle als Mittel der Abwehrarbeit unattraktiv wird.

Und diese Regeländerung war aus dieser Sichtweise ein voller Erfolg. Die Abwehrtaktik des Innenverteidigers, der nur stupide Kommandos zum Rausrücken gab, ist so gut wie ausgestorben. Diese wird gerne vergessen, wenn sich mal wieder ein Marcel Reif oder jemand anderes über die (eigentlich gar nicht so) verwirrende Abseitsregelung beschwert.

Ein gewisses Maß an Verwirrung ist gewollt, um das offensive Spiel zu bevorzugen.

Tags: Fußball · Sport

Bisher 4 Kommentare ↓

  • 1 Lukas // 11. Aug 2008 um 14:36

    beim abseits wird ja gerne gespielt, ist ja so die einzige regel die mehr oder weniger auslegungssache ist.

    ich erinnere an den confed cup, wo probiert wurde abseits erst bei ball berührung zu pfeifen….. ging auch voll daneben.

    aber die nächste regeländerung wird ja das spielfeld betreffen…. dann fällt dieser heimvorteil auch weg, schade eigentlich… alles gleich lang und gleich breit…..

  • 2 TippSpielGott // 11. Aug 2008 um 21:08

    Ich finde, man sollte hierbei aber auch nicht außer Acht lassen, dass der Schiedsrichter-Assistent eben seine Fahne gehoben hat um sie dann wieder zu senken. Er wurde also nicht vom Schiedsrichter überstimmt, sondern wertete das Zuspiel zunächst als eindeutig für Klose bestimmt um sich kurz darauf zu korrigieren.

    Hier liegt das Problem an der Sache, er hätte die Fahne nicht heben dürfen und hat so - egal ob Abseits oder nicht - zu Konfusionen beigetragen. Ich denke, Reif spielt eher darauf an, dass es für den Assistenten oftmals nicht direkt zu bewerten ist, für wen ein Abspiel bestimmt ist. Deswegen auch der (gescheiterte) Test, erst bei Ballberührung auf Abseits zu entscheiden. Außerdem gibt es nun einmal keine klaren Regeln, wann ein Spieler, der passiv im Abseits steht, aktiv eingreift.

    Hier liegt das Problem, auch wenn Reifsicherlich auch die Meinung vertreten hat, dass das passive Abseits generell undurchschaubar wäre.

  • 3 links for 2008-08-12 [delicious.com] | Du Gehst Niemals Allein // 12. Aug 2008 um 14:00

    [...] Die Segnungen des “passiven” Abseits (tags: abseits reif regelkunde) [...]

  • 4 Mascherano // 12. Aug 2008 um 23:24

    Abseits ein abschaffen. Bums, aus!

Kommentar hinterlassen